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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-26 · Heft 17 (26.4.1907) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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Ü04 D eu tsch, der der erste jüdische Offizier in der österreichischen Armee gewesen sein soll. Das kann unmöglich richtig sein. In „Die Juden als Soldaten", herausgegeben von dem Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Berlin, Berlin 1896, S. 109, wird als erster Offizier in der österreichischen Armee Emanuel Eppinger genannt, der 1811 befördert worden war. Joseph von Wertheimer gibt in seinem „Jahrbuch für Israeliten", Band I, Wien 1854, S. 16 an, daß der erste jüdische Offizier in Oesterreich der Leutnant Hoenig war, der 1810 für seine Tapferkeit auf dem Schlachtfelde bei Aspern zum Ossizier befördert worden war. Simon Brisker fauch Prisker und Pruesker geschrieben), aus Libochowitz in Böhmen, war nach „Die Juden als Soldaten", a. a. O., im Jahre 1847 Major, wurde 1850 Platzlommandant in Venedig, soll der erste jüdische Stabsoffizier gewesen sein und starb im Alter von 84 Jahren zu Prag im Dezember 1864. (lieber ihn: „Allg. Ztg. d. Judent." 1850, 501; 1854, 644; 1855, 269; 1865, 23.) Joseph Herzmanowsky war Oberst im Infanterieregiment 24 und wurde als solcher 1852 in den Ritterstand erhoben (ib. 1852, 200). Dr. Simon Hirsch aus Horschitz M Böhmen wurde 1858 Stabsarzt. Er soll als solcher wie als Negimentsarzt der erste Jude seines Ranges gewesen sein (ib. 1858,178). Ich gebrauche das „soll" immer zur Vorsicht, denn wie der Fall des Majors Deutsch zeigt, sind derartige Zeitungsnachrichten mit Vorsicht aufzunehmen. Als ganz besonders interessant möchte ich hervorheben, daß schon im dreißigjährigen Kriege ein Jude im kaiserlichen Heere diente. Er hieß Eremita und soll sich als ein Schnapphahn ersten Ranges bewährt haben (Philipp Bogislaw von Chemnitz: „Der königlich schwedische in Deutschland geführte Krieg", Teil II, S. 356, ff. 647. Siehe „Allg. Ztg. d. Judent." 1872, 722). Dieser Bericht mag wohl die Grundlage zu Salomon Kohns leider so fratzenhaft verzerrter Schilderung in seinem „Gabriel" geliefert haben. Mit bezug auf den obengenannten Major Brisker möchte ich noch erwähnen, daß er ein Bruder jenes Lazar Brisker war, der als Erzieher im Hause Gomperz wirkte und die apologetische Schrift «Das Judentum und der Kulturfortschritt unseres Jahrhunderts", Wien 1871, herausgab. Wichtiger noch als die erste ist mir eine andere Berichtigung. Herr Dr. Bernfeld widmet in Nummer 11 Ihres geschätzten Blattes ein Gedenkblatt dem verdienten Sammler Chajim Josef David Azulai. Das Jubiläum ist um ein Jahr verspätet, denn Azulai starb nicht, wie Zunz „Monatstage", dem Bernfeld folgt, angibt, am 21. März 1807, sondern am 1. März 1806 (Sabbat Zachor, 11. Adar, 5566 nach Reppi-Chirondis: „Toledot Gedole Israel", Triest 1853, S. 113 und Krengels Ausgabe von Azulais „Schein Hagedolim", Krakau 1905 S. 12.) Die Authentizität ist durch eine in meinem Besitze befindliche Photographie von Azulais Grabmal festgestellt. Ich habe auch am 1. März 1906 im „American Israelite“ auf dieses Jubiläum aufmerksam gemachtund am I.März 1907 im„JewishConiment“ von Baltimore einen Artikel über Azulai geschrieben, für den das Bild des Grabmals bestimmt war, das leider nicht rechtzeitig vor dem I.März 1906 mich erreichte. Diese Differenz ist freilich nicht bedeutend. In der Hauptsache bin ich mit Herrn Dr. Bernfeld einverstanden, daß Azulai ein bedeutenderer Platz in der jüdischen Geschichte als Vorläufer der „Wissenschaft des Judentums" gebührt, als ihn: gewöhnlich eingeräumt wird. Hingegen möchte ich dagegen Einsprache erheben, daß „die sephardischen Juden niemals Sinn und Neigung für die haarspaltende talmudische Dialektik" gezeigt haben sollen. Es geht damit, wie mit der edeln Physiognomie der sephardischen Juden, die man sehr häufig bei den Romanschreiberu, wie etwa Sir Walter Besant, aber sehr selten unter den Bettlern in den Vorhöfen der.Synagogen zu^Smyrna oder unter den Bootsleuten in der Vorstadt Haskeui in ^Konstaittinopel findet. Ja, auf dem Basler Zionistenkongrest im Jahre 1905 sah ich einen echten sephardischen „Minister" mit einem Dutzend oder mehr Ahnen, der niemanden in Erstaunen verseht hätte, wenn er sich für den Lehrer, Kantor und Schochet der, wie ichJienlich zu meinem Bedauern erfahren habe, aufgelösten Gemeinde Sandberg in der Provinz Posen ausgeben hätte wollen. Ist denn die^'„haarspaltende talmudische Dialektik" überhaupt erst eine Degeneration, die aus dem sechzehnten Jahrhundert datiert? Ist die talmudische.Diskussion der Frage, auf welchem Kopfe jemand, der zwei Kopse hat, die Tephillin legen solle oder die als Analogie dazu angeführte Diskussion, ob man für einen erstgeborenen Sohn der zwei Köpfe hat, das doppelte Lösegeld dem Priester bezahle: müsse (Menachoth, 37, a) nicht auch haarspaltende Dialektik? Kam daher jemand, der dem Talmud mit absoluter Verehrung gegenüber steht, anders als Dialektiker sein? Sehen wir uns die bekannteste: Vertreter des Talmudstudiums unter den orientalischen Sephardin an, so finden wir diese Tatsache auch vollauf bestätigt. Jehudal Rosanes, der gefeierte Verfasser des Kommentars zu Maimonides Mischneh Lemelech, hat in seinen Homilien. Paraschath Derachim Amsterdam 1728, Gott und die Engel darüber disputieren lassen, ol ein freiwilliges Märtyrertum, wie Maimonides annimmt, Sünde oder wie Josef Jbn Chabib meint, verdienstlich sei. Dieser Sephard aus Konstantinopel, dem Azulai begeistertes Lob spendet, unterscheide sich wohl kaum von seinem Zeitgenossen, dem Polen Naphtali Her Günzburg, dem Verfasser der Homilien Naphtali Seba Nazon Amsterdam" 1708, bei dem Ahasverus und Haman darüber diskutieren ob man ohne Rücksicht auf die talmudische Gesetzgebung über dac> erstgeborene Vieh die Juden, die Gottes Erstgeborene sind, vernichten dürfe, eine Diskussion, die um so amüsanter ist, als der Verfasser in seiner Vorrede hoch und heilig beteuert, daß er sich von „haarspaltender Dialektik" immer fern gehalten habe. Azulai erwähnt wohl diesen „Tudesko", widmet ihm aber im Gegensätze zu den: Paneghrikus auf Rosanes nur eine bibliographische Notiz. Gehen wir zu den modernen sephardischen Autoritäten über, so finden wir wohl, das; sie keinen Rapoport, Chajes, I. H. Weiß und Jakob Brüll hervorgebracht haben, aber dafür ganz im unversälschten Mittelalter stecken. Elijahu Hazan, der gegenwärtige Oberrabbiner von Alexandrien, findet es für nötig, in dem dritten Teile seiner Responsen, Taalumoth Leb, Alexandrien 1903, seinen gefeierten Großvater Chajim David Hazan, Haham Basch: von Jerusalem (1790 bis 1869), zu verteidigen und gegen die Einwendungen eines anderen orientalischen Rabbinen zu beweisen, daß man am Sabbat madige Früchte genießen dürfe, ohne durch das Töten der Maden eine Sünde zu begehen <a. a. O. kol. 41 d bis 42a). Der hoch betagte Rabbiner von Smyrna, Nissim Nachamim Jsaae Palaggi, Verschon im Jahre 1840 in einenl Werke seines beruh mtenVaters Chajim Palaggi zitiert wird, trägt in dem neunten Bande seines Werkes Jafeh Laleb, Smyrna 1906, Anschauungen vor, bei deren Lektüre man glauben sollte, der Autor sei nicht 94, sondern 200 Jahre alt. Mit beneidenswerter Naivität zitiert Palaggi in einer halachischen Frage den Zohar, Lev. toi. 36 b, wonach eine Schlange den Esel des Rabbi Pinchas den Jair am Fuße umklammert habe, urn ihn dafür zu bestrafen, daß er seinen Herrn über einen unreinen Ort geführt habe, während der letztere über das Wort der Thora nachgedacht habe (a. a. O. 14b). Ter gefeiertste sephardische Autor aus neuester Zeit, der als Rabbiner von Hebron verstorbene Chajim Chiskijah Medini, 1833 bis 1905, hat wohl in seinen 13 oder 14 Foliobünden, Sedeh Ehemed, eine ganz unglaubliche Masse von halachischem Material zusammengetragen, welches besonders in Rücksicht aus die Benützung der neuesten Werke von sehr großem Werte ist, aber die ernste Zustimmung, mit der er die ungarischen Fanatiker der neuesten Zeit zitiert, um zu beweisen, daß es eine Todsünde sei, einer Synagoge, in welcher das Vorleserpult nicht in der Mitte ist, sich auf vier Ellen zu nähern, geschlveige darin zu beten oder zu predigen (Sedeh Chemed, Band II, kol. 161 b, Warschau 1896), erhebt ihn doch schwerlich über seine polnischen Zeitgenossen. Man hat in neuerer Zeit die nationale Eifersüchtelei in die jüdische Geschichtsschreibung hineingetragen und besonders das Verdienst der Deutschen zu schmälern gesucht. Praktisch hat ja das keine Bedeutung, denn ein Zunz und ein Jost werden aus der heutige:: Samsonschnle nicht mehr hervorgehen. Theoretisch hingegen muß man sich dazu verstehen, zuzugeben, daß die Vorläufer einer wissenschaftlichen Bearbeitung der rabbinischen Literatur, wenn man vor Eliah Levita und Azariah dei Rossi absieht, Jair Chajim Bacharach Joseph Steinhart, Jesajah Pick und Elijah Wilna gewesen sind. Cincinnati, April 1907. Ihr ergebenster Gotthard Deutsch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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