Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 iioch Lust, bie. schwindelnden Höhen überirdischer Beschaulicheit zu erklimmen. Meine im Piaristenkloster verlebten Morgenstunden zeigten nir, wie schlagend der Gegensatz zwischen Reden und Taten dieser Priester war. Auch mit den religiösen Gebräuchen nahmen sie?s nicht gar so genau, und als eines Morgens der Schüler, ^er die Frühmesse bedienen sollte, nicht zur Stelle war, da latte ich, der Judenjunge, in sein Chorhemd zu schlüpfen ind ihn zu vertreten. Den Katechismus könnte ich so gut luswendig wie er. meinten sie, also ginge es schon. Am Ende des zweiten Schuljahres faßte dann der Plan, 2t. Georgen zu verlassen und nach dem größeren Preßburg zu gehen, immer festere Wurzel in meinem Gemüt. Ich hoffte, dort besser zu lernen und mich leichter ernähren zu können. Der Entschluß, von St. Georgen Abschied zu nehmen, wurde mir in .Anbetracht aller meiner dortigen Leiden wahrlich nicht chwer; nur die Trennung von meines Vaters Grab tat mir weh. Als ich wieder einmal am Grabe meines Vaters stand, mßte ich den Entschluß, die Krücke, die ich bis dahin noch immer unter dem linken Arm getragen hatte, ein für allemal aufzugeben. Hatte sie mir doch nur den Spott von meinen Schulkameraden eingetragen und die Aermel meines armseligen Jäckchens zerrissen. In einem Ausbruch jugendlicher Eitelkeit zerbrach ich die Krücke am Grabstein meines Vaters, und mit schwerem Herzen und mühsamen Schrittes kehrte ich in die Stadt zurück, meistens auf einem Fuße hüpfend, denn der andere wollte ohne seine Stütze doch noch keine Dienste tun. Zuerst wurde es mir unsäglich schwer, aber ich war jung und stark, die Eitelkeit tat das Ihrige, und so gelang es mir, mit Hilfe eines Stockes alle Schwierigkeiten;u überwinden. Natürlich hinkte ich mehr als früher, aber die Krücke wenigstens war ich los! Bald darauf verließ ich St. Georgen mit meinem mehr als leichten Ranzel und meinein Zeugnis, das wieder das Prädikat „Eminent" vorwics. Literarische Mitteilungen. — Jacob Caro, Vorträge und Essays. Gotha, Friedr. Andr. Perthes, 1906. In unserer allzu schnell lebenden Zeit ist, mit Ausnahme einiger Fachgenossen, der Geschichtsprofessor an der Äreslauer Universität schon zwei Jahre nach seinem Hinscheiden in Vergessenheit geraten. Und doch ist er der Erinnerung wert — dieser ois jetzt einzige jüdische ordentliche Professor der Geschichte an einer oreubischen Hochschule — er ist es geworden, weil sein Fach, die polnische Geschichte, dem Leben der deutschen Nation völlig fernsteht, ind weil er der einzige war, der es vertreten konnte. Treue und Pietät lassen jetzt einige seiner von hinreißender Rednergabe getragenen Vorträge durch den Druck verewigen; nur gvei der in dieser Sammlung erscheinenden Essays waren früher bereits veröffentlicht. Sie wird eingeleitet durch eine biographische Skizze über Jacob Caro, die mit liebevoller Sorgfalt zum guten Teile auf bislang unbekanntem, mühsam gesammeltem Material aufgebaut ist. Schwer hatte er zu kämpfen, bis er, der unbemittelte Jude, materielle Unabhängigkeit und das Ziel des Strebens eines jeden Universitätslehrers erreichte. Niemals hat Jacob Caro daran gedacht, durch einige Tropfen Wasser und eine öffentliche Luge seine Karriere zu erleichtern. Und diese Charakterfestigkeit soll ihm zur Ehre angerechnet werden. Seine wissenschaftlich schöpferische Tätigkeit war keine ausgedehnte. Sie beschränkt sich in der Hauptsache auf vier Bände polnischer Geschichte, die die Jahre 1300—1506 umfassen. Aber dieses Werk zeichnet sich ebenso sehr durch wissenschaftliche Gründlichkeit wie durch Weite und Richtigkeit der allgemeinen Gesichtspunkte aus. Es ist zur klassischen Geschichte Polens während der letzten Jahrhunderte des Mittelalters geworden. In den letzten, anderthalb Jahrzehnten seines Lebens hat er auch hieran nicht mehr gearbeitet. Außer seiner Lehrtätigkeit beschäftigten ihn da zahlreiche Rezensionen für Fach- und andere Zeitschriften, und dann seine Vorträge. In seiner ästhetischen Form abgefaßt, sorgfältig gefeilt, auch voll eigentümlicher, obschon nicht immer zutreffender Gedanken, machten sie einen tiefen und erfreuenden Eindruck auf die Zuhörer. Allerdings gefielen sie sich dabei in einem klingenden Phrasentum, das leicht den tieferen Gehalt dem Beifall des oberflächlicheren Publikums opferte. Erwähnen wir noch, daß Caro — obwohl treuer Jude — der konservativen Richtung in der Politik angehört und ihr auch ergeben blieb, als die konservative Partei sich mit dem Antisemitismus verbündete. Nur so erklären wir uns die Huldigungen, die er dem Vertreter des ausschließlichsten pangermanifchen Chauvinismus, der gehässigsten Anfeindung des Judentums und der Judenheit, dem Verfechter des unwissenschaftlichen Subjektivismus, einem Heinrich von Treitschke in beliebter laut tönender Weise darbringt (in dem Aufsatze S. 190 ff.: Treitschke, Kleine Schriften). Es mutet seltsam an, wie jemand einen Mann verherrlichen mag, der ihm Ohrfeigen und Fußtritte versetzt hat. Wir möchten meinen: Selbst bei Bewunderung der vermeintlichen Vorzüge des Mißhandelnden wird der Mißhandelte doch wenigstens schweigen sollen! Als Israeliten interessiert uns besonders der Vortrag „Polnische Juden", S. 110—130. In überzeugenden, tiefempfundenen, auf gründlicher Kenntnis beruhenden Sähen schildert Caro hier die Schicksale und die von außen aufgenötigte Entwicklung dieses so zahlreichen und so unglücklichen Teiles unserer Glaubeusgenossenschaft. Er beweist, daß die Behauptung, die Slawen hätten sich früher durch hochherzige Duldsamkeit gegen die Nichtchristen ausgezeichnet, ein Märchen ist. Er beweist ferner, daß die materielle und moralische Verelendung der polnischen Juden durch den polnischen Adel nach dessen Sieg über das Bürgertum seit dem Ende des 15. Jahrhunderts herbeigeführt wurde. Wie jüngst Professor Warschauer in einem Vortrage vor dem Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur, legt auch Caro dar, daß die Juden in Anschluß an die große Einwanderung deutscher Bürger seit dem Beginne des 13. Jahrhunderts massenhaft nach Polen gelangt sind. Trotz allem, was unsere Anschauungen von denen Jacob Caros trennt, wollen wir deutsche Juden die Erinnerung an unseren ausgezeichneten und bekenntnistreuen Glaubensbruder dankbar bewahren. M. P * Im Verlag von Louis Lamm (Berlin Neue Friedrichstraße 61/63) erscheint in den nächsten Tagen aus der Feder des Tr. Simon Ber nseld unter dem Gesamttitel „Kämpfende Geister im Judentum" eine Sammlung Biographien merkwürdiger und bedeutender jüdischer Männer aus den letzten drei Jahrhunderten. Das meiste Interesse dürfte wohl die Biographie des Salomon Marino n beanspruchen, dieses wegen seiner außergewöhnlichen Begabung und seines merkwürdigen Lebensschicksals berühmten Mannes, der Kants Aufmerksamkeit und Goethes Bewunderung gefunden hat. Sein Leben ist da zum erstenmal verständnisvoll aus dem Milieu seiner Zeit geschildert. Es ist somit ein lebendiges Bild der Zustände in Polen und der jüdischen Gesellschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts. Diese Lebensschilderung ist bei allem Interesse des Verfassers für Maimon unparteiisch und ohne jede Voreingenommenheit geschrieben. SpreHsasl. Geehrter Herr Redakteur! uf die Gefahr hin, mir den Spitznamen eines BerichtigungShofrats zu erwerben, kann ich es mir doch nicht versagen, auf zwei Jrrtümer in der zuletzt mir zugekommenen Nummer Ihres geschätzten Blattes hinznweisen. In Nummer 10 vom 8. März, Gemeindebote, Seite 3, melden Sie, wie viele andere Zeitungen, den Tod des Majors a. D. Rudolf