Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228762--63477-3297377- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 Die Wohnung dieses würdigen Paares bestand nur aus einem Zimmer, daher durste ich meine Matratze allnächtlich in einem Winkel der Küche ausbreiten; bei Tage hielt ich mich in der Schule oder auf dem Hof auf, nach der Schule aber wanderte ich entweder in den Straßen umher oder saß lesend und lernend in einer Ecke des Hofes. Ein falscher Stolz hatte nämlich über den Hunger den Sieg davon getragen, und nun ersetzten die Stückchen Brot, die ich von meinen Mitschülern dafür erhielt, daß ich ihnen bei den Schularbeiten half, die regelmäßigen Mahlzeiten.. Aber als man sah, wie blaß und still ich allmählich wurde, waren doch ihre Herzen weich geworden, und bald der eine, bald der andere lud mich zum Essen ein; am Ende des Semesters hatte ich die Liebe meiner Schulgefährten und den Platz als Zweiter endgültig erworben. Besonders zwei unter ihnen waren damals sehr gut zu mir, von denen einer der spätere ungarische Handelsminister Hieronymi wurde, der mich 35 Jahre nach dieser Zeit im Hause des Muscumsdirektors Franz Pulsky traf und freudig überrascht war über die Verwandlung, die mit feinem einstigen Schützling vorgegangen. Dann kamen die herrlichen Ferien nnd mit ihnen die Heimfahrt. Der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus der Nachbarschaft nahm mich in seinem Wagen mit, und noch heute ist es nur unmöglich, das entzückende Freudengefühl zu beschreiben, mit dem ich die Schwelle unserer Wohnung überschritt, mein Zeugnis in der Hand, das in großen Goldlettern meinen Namen trug, und das ich der Mutter freudestrahlend vorwies. Mit heißen Mutterküssen und Tränen wurde ich empfangen. Freundliche Nachbarn hatten ihr erklärt, was das Wort „Eminent" in dem Zeugnis bedeute. Lesen konnte sie es nicht, aber entzückt blickte sie auf die großen Goldlettern und sagte immer wieder: „Ich habe es ja gewußt, daß mein Sohn Armin die Klugheit seines Vaters geerbt hat. Er muß es noch einmal sehr weit bringen." Das waren meine glücklichsten Tage. Das köstliche Heimatsgefühl, das Bewußtsein, von den Meinen umgeben zu sein, und die Zuversicht, daß ich für die nächste Zeit gänzlich frei von Hunger sein würde, taten Wunder. Leider schwanden die beiden Monate wie ein Sommernachtstraum dahin, nnd als ich zu Beginn des Herbstes wieder nach St. Georgen mußte, meine sorgfältig geflickten Sachen im Tornister und ein paar Pfennige '.in der Tasche, da lag auch das harte Leben mit all seinen Kämpfen wieder vor mir. Tapfer riß ich mich aus meiner Mutter Umarmung nnd kam nach mühseligem Wege, den ich größtenteils zu Fuß znrückgelegt'hatte, wieder in St. Georgen an. Ich war nun in die Sekunda (nach deutschen Begriffen die zweitunterste Klasse) versetzt worden und also eine Staffel höher geklettert. Die Sorgen um Kost und Wohnung und die nötigen Bücher begannen von neuem und trieben mir manches Mal das Blut in die Wangen, und doch war ich trotz aller Demütigungen nicht imstande, mir das Nötige zu verschaffen. Dazu kam noch, daß mein neuer Klassenlehrer mir nicht so wohlgesinnt war als der dunkelhaarige junge Priester in der Parva. Als ich meinen Namen eintragen ließ, empfing er mich mit der nicht sehr schmeichelhaften Bemerkung: „Na, Mauschel, wozu willst Du studieren? Könntest Du nicht lieber ein koscherer Schlachter werden?" Trotz dieser höhnischen Worte zeigte ich ihm doch mein vorjähriges Zeugnis und empfahl, mich seiner Nachsicht, die er auch lächelnd versprach, was ihn aber nicht abhielt, mich während des ganzen Schuljahres zu verspotten'und zu verhöhnen, ja mich absichtlich znrückznhalten und häufig zu ermahnen, doch ja nicht weiter zu studieren. Ein herrliches Beispiel des echten Lehrers, der da helfen, fördern nnd anfklären soll! Leider aber war dieser Ton unter den Priestern, die mit dem Unterricht betraut waren, vorherrschend, und so blühten Roheit und Fanatismus ungestört im Schatten der Halbbildung. Ausnahmen waren sehr selten, und von frühester Kindheit an erhielt der jüdische Knabe jener Zeit die traurigsten Eindrücke über seine zukünftige Stellung. Die echten Magyaren, das herrschende Element im Lande, waren ritterlicher gesinnt und auch gleichgültiger in religiösen Dingen, und haben sich daher den Juden stets freundlicher und duldsamer erwiesen. Um so empörender war dagegen das Betragen der Slawen, und trotz meines Rufes als guter Schüler war ich oft dem übermütigen Spott vorübergehender Christen auf deu Straßeu von St. Georgen preisgegeben. Ich wurde mit Steinen beworfen und mit den beschimpfenden Worten: Mauschel, Jüdchen, Hepp! HePP! Hepp! und ähnlichen Ehrentiteln begrüßt. Auch mein zweites Jahr' in St. Georgen war nichts weniger als angenehm und voll Entbehrungen jeder Art. Nur ein- bis zweimal die Woche aß ich mich satt, und dann die bitterkalten Nächte in der Küche des Mützenmachers, mit der dünnen Decke als einzigen Schutz! Als meine Not am höchsten gestiegen war, erhielt ich durch Vermittlung meines freundlichen Lehrers der vorigen Klasse das Amt als Stiefelputzer im Kloster. Früh morgens hatte ich anzutreten, um die Schuhe und Kleider der drei Lehrer zu reinigen. Das tat ich im Korridor, beim Licht des Ofenfeuers, das mich wärmte und so hellen Schein gab, daß ich meine Schularbeiten dabei machen konnte. Wenn ich dann meinen Hunger noch mit einem Stück Brot oder ein paar Kartoffeln stillen konnte, war ich der lustigste unter meinen Mitschülern nnd vermochte sogar dann und wann meinem mürrischen Lehrer ein Lächeln abzugewinnen. Mein Aufenthalt in St. Georgen zeigte mir, was Jugend alles ertragen kann. Hunger, Kälte, Hohn, das habe ich alles erfahren, und doch ivar das größte Elend nicht imstande, den heitern Himmel meines Jugendübermuts länger als vorübergehend zu verdunkeln, und sogar meine gesunde Gesichtsfarbe kehrte nach kurzer Unterbrechung wieder. Obgleich ich kaum das vierzehnte Jahr vollendet hatte, hegte ich doch schon goldene Zukunftsträume. Während die anderen Jungens herumspielten, entzückte ich mich an der Lektüre von Reisebeschreibungen, einfachen Geschichtswerken oder Heldentaten, und ein Buch war mir nicht nur Freund und Tröster, nein, es war sogar imstande, mich über den nagenden Hunger hinweg zu täuschen. Das Feuer meiner erregten Phantasie nährte meinen Geist und Körper und beschäftigte meine Sinne dermaßen, daß ich Hunger und Müdigkeit darüber vergaß. Ganz merkwürdig war die Veränderung, die mit meinen religiösen Anschauungen vor sich ging. Von fanatischer Orthodoxie war auch keine Spur mehr in mir. Die Bekanntschaft mit den andern Religionsbekenntnissen, zunehmendes Verständnis für gewisse Naturerscheinungen, die mir bis dahin abergläubische Ehrfurcht eingeflößt hatten und endlich der ungeheure Widerspruch, den ich in Lehre und Tat meiner katholischen Lehrer fand, hatten fast alle meine Glaubensgrnndsätze erschüttert. Von gänzlicher Glaubenslosigkeit oder Bekehrung zu einer anderen Konfession konnte bei mir allerdings keine Rede sein, aber iinmerhin waren in der Leiter, die mich zum Himmel führen sollte, schon einige Staffeln zerbrochen. Und nun gar in meinem späteren Kampf ums Dasein hatte ich weder Zeit