Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
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201 dem ganzen wissenschaftlichen Apparat »achgewiesen und zurückgewiesen werden sollen, kurz, wo es sich handelt um Fragen der Religionsgeschichte und nicht um Fragen der Religionsphilosophie, warum sollte eine in diesem begrenzten Sinne vorhandene Apologetik des Judentums keine Wissenschaft oder eine solche zweiten Ranges genannt werden dürfen? In der „jüdischen Apologetik", mit welcher uns die große Gelehrsamkeit und Geistesschärfe Güde manns einen neuen „chizuk emuno" in den Formen moderner Wissenschaftlichkeit geschenkt hat, handelt es sich, wie schon im Vorwort des Werkes ausgesührt wird, nicht um eine Rechtfertigung der Verteidigung des dogmatischen Inhalts des Judentums gegenüber den Einwänden der Vertreter einer materialistischen Weltanschauung, sondern um die Rechtfertigung und Verteidigung des Judentums, wie es nach den Quellenschriften ist, gegenüber den verkehrten Darstellungen und Entstellungen derjenigen, die es durch die gefärbte Brille der Befangenheit angesehen. Auch bei Lösung dieser begrenzten Aufgabe ist die Gefahr einer tendenziösen Darstellung und des Ueberdaszielhinausschießens eine große, aber man wird zugeben müssen, und es ist einer der größten Vorzüge der Beweisführung Güdcinanns, daß diese Gefahr nach Möglichkeit vermieden wurde. >) Wir »vollen uns des Werkes, den» niemand die Methode und den Charakter der Wissenschaftlichkeit wird bestreiten können, freuen und darum es nicht loben, sondern benutzen und verwerten. Und das ist der Punkt, auf den ich eigentlich heute kommen wollte. Ein Jahrzehnt ist es jetzt gerade her, seitdem eine Kommission der Konferenz der bayerischen Rabbiner einen Lehrplan für den Religionsunterricht an Mittelschulen ausgearbeitet, in welchem auch der Apologetik eine besondere Stelle angewiesen ist im Religionsunterricht der Oberklasse des Gymnasiums. Meines Wissens ist dieser bei andern Konfessionen längst eingeführte Gegenstand ein Novum im jüdischen Religionsunterricht.2) Und dennoch, über die Angemessenheit und Ersprießlichkeit eines solchen Unterrichts, um nicht zn sagen die Notwendigkeit desselben in unserer Zeit, braucht wohl kaum ein Wort verloren zu werden. Welcher Lehrer wüßte es nicht, daß er an dem Geiste seiner Schüler keine unbeschriebene Tafel und keinen unbepflanzten Boden vor sich hat? Erst jüngst habe ich erfahren, daß den Schülern auf dem Gymnasium die Lektüre von Chamberlains Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts dringend ans Herz gelegt wird. Derjenige also, der Seelen erwerben und Ueberzeugungen erobern will, wird sich nicht begnügen, Neues zu lehren und Saaten des Wissens zu streuen in das Bewußtsein der Jugend, er wird vielmehr auch das Unkraut ausreißen müssen, das bereits vorhanden ist. Und was die Schüler nicht als Schüler erfahren haben, das werden sie später als Studenten und Männer aus Zeitschriften und volkstümlichen Werken, für deren Verbreitung in die weitesten Kreise schon die Posaune der Tagesblätter sorgt, erfahren. Was tim? Immunisieren kann man den Geist der Menschen nicht, zur Unschädlichmachung der Verleumdung und Entstellung ist noch kein Antitoxin erfunden. Aber ein Mittel der Prophylaxe gibt es, und das ist die Verwendung und Benutzung der Apologetik als Gegenstand des Religionsunterrichts. y Nicht einverstanden kann ich mich erklären mit der Beweisführung aus dem täglichen Achtzehngebet für die universalistische Auffassung (S. 72 ff.s. Hier handelt es sich um Gemeindeandacht, welche ihrer Bestimmung nach nicht überall die ganze Menschheit umsassend sein kann und zu sein braucht. 2) Maybaum erwähnt den Gegenstand nicht einmal in seiner Methodik des jüdischen Religionsunterrichts. Jeder Teil des Religionsunterrichts mnß ja, und dies auch schon auf den unteren Stufen, apologetisch behandelt werden und keine Gelegeitheit darf man vorübergehen lassen, ohne gegenüber der Möglichkeit eines falschen Urteils und einer einseitigen Auffassung vorzubeugen oder gar eine Warnungstafel anfzustellen. Aber diese nur gelegentliche Tätigkeit genügt nicht, der Gegenstand muß vielmehr aus der Oberstufe des Gyinnasiums auch systematisch behandelt werden. Bei einer Kombination voll zwei Jahrgängen ergibt es sich dann von selbst, daß der religiöse Stoff als Glaubenslehre und als Pflichtenlehre eininal von der positiven Seite zur Darstellung gelangt und im nächsten Jahre ergänzt wird drirch eine Behandlung, welche vom Gesichtspunkte der abweichenden und entgegengesetzten Behauptung ausgeht. Denn es genügt nicht, den zur Reife und Selbständigkeit des Urteils Heranwachsenden Jünglingen ein Licht zu borgen und eine Brille auszusetzen, man muß ihnen auch selbst die Allgeir öffnen und sie mit eigenen Augen die Wahrheit als Gegenbehauptung des Falschen sehen und unterscheiden lassen. Dabei ist die Aufgabe keineswegs, die Wahrheit dort, lvo sie schmerzlich ist, zn unterdrücken und zir verschlveigen. Jur Gegenteil, indeur inan das vielleicht noch llnvollkoinmene oder durch die Form der Ueberlieferung als unvollendet Erscheineilde nicht verschweigt uird nicht beulüntelt, bekommt die Wahrheit desto größeres Gewicht. Alles verstehen, heißt auch hier alles entschuldigen. So lange das Buch von Güdemann noch nicht erschienen war, mußte man sich den Stoff für diesen Unterrichtsgegenstand, wenn es auch an Vorarbeiten keineswegs gefehlt hat, alls allen Ecken uird Endeil Zusammentragen. Nicht um jenranden belehren zu wollen, füge ich hinzu, daß ich nach einer geschichtlichen Einleitung, die ich ans Grund der von S. Bäck im dritten Bande voll Winter und Wüllsche veröffentlichten Arbeit über die Apologeten des Judentums zu geben pflege, diesen llnterrichtsgegenstand in solgenden Kapiteln behandle: 1. Gesetzesreligion oder Geistesreligion? 2. Natioilalgottheit oder Universalismns? 3. Das Verhältnis zwischen Gott lind Menschen. (Darf man sonach den Standpunkt des Judentums als Endaiinonismus oder lltilitarismus bezeichnen?) 4. Humanität oder Menschenhaß? 5. Israel als das Bundesvolk (Vorwurf der Menschenmükelei und Sonderbündelei). 6. Nächstenliebe oder Stammesliebe? 7. Freindeirliebe oder Separatismus? 8. lieber die Pharisäer und den Talmud. Aus die Verwendbarkeit des hochverdienstlichen Buches von Güdemam; zu praktischen Schulzwecken sollen diese Auseinandersetzungen in weiterell Kreisen von Berufsgenoffen aufmerksam machen. Mögen viele, sofern es nicht bereits geschehen ist, sich dadurch veranlaßt fühlen, eingedenk zu sein des Wortes: „w'da ma scheloschiw Fepikuros!“ flem Lebenskampf. Von Professor Hermann Viniibery. IV. * fand eine andere Wohnung bei einem kiilderloseir Paar. Der Mann war Mützenmacher, und die Frau wollte in ihren Mußestunden jerilanden zum Plaudern haben, so fiel denn ihre Wahl auf mich; denn , sogar damals, trotz aller Entbehrungen, war ich ivegen meines gesprächigen, lebhaften Wesens bekannt.