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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-26 · Heft 17 (26.4.1907) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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' 200 Die Apologetik als Gegenttonk des Leligionsunterrichts. Von Dr. A. Eckstein-Bamberg. ls ich vor einer Reihe von Jahren in diesen Blättern einen Artikel über „wissenschaftlichen Großbetrieb" veröffentlichte und in demselben nnier Hinweis auf die als bekannt vorauszusetzende Tatsache, daß so unverhältnismäßig zahlreiche unserer gelehrten Forscher mit an sich gewiß verdienstlichen Leistungen wissenschaftlichen Kleinbetriebs ihre Zeit und Kraft verbrauchen, während nur selten einer sich heranwagt an Fragen der Weltanschauung des Judentums, neben anderen Wünschen nach großzügigen Werken von allgemeiner Bedeutung auch den Wunsch äußerte, es möchte uns einmal eine den Bedürfnissen und Ansprüchen der Zeit genügende Apologetik geschenkt werden, da schrieb mir der verewigte Professor Lazarus ungefähr (der Wortlaut seiner Aeußerung liegt mir nicht mehr vor): Apologetik ist keine Wissenschaft! Und als die Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaft des Judentums mit der Zeichnung des Grundrisses zu einem Arbeitsplan beschäftigt war, der wie durch ein Schöpferwort eine Welt des Geistes ins Daseiir rufen sollte, und ein Mitglied der dazu berufenen Kommission auch die „Apologetik" als Thema der Bearbeitung in Vorschlag brachte, da soll ein sehr geschätzter Gelehrter diesem Wunsche, allerdings ohne Erfolg, den Einwand cntgegengestcllt haben: Apologetik ist keine Wissenschaft! Wenn zwei Gelehrte von hohem Rang und Ansehen in der Abweisung eines Themas von der Schwelle der Wissenschaft übereinstimmen, so verlohnt es sich gewiß, über die Berechtigung eines solchen Urteils ein wenig nachzudenken. Ich möchte zunächst auf die Tatsache aufmerksam macheu, die wohl kein Beobachter der Zeit bestreiten wird, daß vor den Augen der meisten Menschen der Kritiker der Religion von vornherein einen leichteren Standpunkt hat als der Verteidiger der Religion. Der Kritiker der Religion erscheint den meisten als ein von herkömmlichen Vorurteilen freier Mann, als unbefangen und aufgeklärt, während der Verteidiger der Religion zum mindesten dem Verdachte der Befangenheit ausgesetzt erscheint. Schreibt jemand zuungunsten der Religion, dann muß er es schon arg getrieben haben, wenn man ihn nicht einen Befreier des Geistes, einen Zertrümmerer von Vorurteilen heißen würde; schreibt aber jemand zugunsten der Religion und ist diesxr Jemand gar ein Berufstheologe, dann heißt es sofort: der Mann hat eine gebundene Marschroute. Ist das Gerechtigkeit? Wäre man da nicht versucht, eine Apologie für die Apologetik zu schreiben? Man sagt: der Wahrheitsucher darf nicht von einem Ziele ausgehen, zu welchem er auf dem Wege der Beweisführung erst gelangen will. Sonst gleicht er dem Reisenden, der dahin nur zurückkehrt, von wo er mit dem bereits bestellten Rundreisebillett in der Tasche ausgegangen, nicht dem Spaziergänger, der auf seinen Wandergängen zufällig und absichtslos zu einem Punkte gelangt, wo der ungeahnte Ausblick sich ihm eröffnet in die Ferne und in die Tiefe. Man sagt: Der Apologet, der selbstverständlich von der Voraussetzung ausgeht, daß er bereits im Besitze der Wahrheit, sucht nicht und findet nicht ein Urteil, er begründet bloß ein Urteil, sein bereits fertiges Urteil oder Vorurteil; er ist darum kein Wahrheitsucher. — Aber vor fast einem halben Jahrhundert hat M. Joel in einem noch jetzt sehr lesenswerten Aufsatz über das „Vorurteil, daß die wahre Philosophie v oraussetzungslos verfahre", in welchem er den Nachweis der Bedingtheit aller Philosophie und der Unmöglichkeit eines absolut vom» - setzungslosen Denkens erbringt, folgende Sätze geschrieben: „In Wahrheit ist jede echte Philosophie ihrer Natur noch so voller Voraussetzungen und so wenig skeptisch, daß sie sek it das Vorurteil, sie müsse notwendig voranssetzungslos ot v skeptisch sein, schon darum nicht absolut negiert, weil; mindestens ein Vorurteil ist. Was sie tut, ist vielmehr di. daß sie diesem Vorurteil eine Reihe von wohlbegründet u Urteilen an die Seite stellt, und zwar so lange, bis das Vorurteil genügend eingeengt ist und ihm genau so viel Rau „ gelassen wird, um als berechtigtes Urteil gelten zu dürfen. Ist die Apologetik wirklich keine Wissenschaft? Es ist dr h sehr bemerkellswert, daß die ersten drei Werke, welche sie Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft deS Judentm » unter ihrer Aegide, wenn auch nicht unter ihrer Verantwortuu; hat erscheinen lassen, aus dem Bedürfnis nach wissenschaftlich t Zurückweisung und Berichtigung der wissenschaftlich si;> präsentierenden Darstellungen oder vielmehr Entstellungen d;• Judentums hervorgegaugen sind und diesem Zwecke mit z - gestandener Absicht der Verfasser dienen. Da hätten wir zu t mindesten ein argumentum a concesso. Denn hätte sollst ei:: Gesellschaft, welche die Beförderung der Wissenschaft auf ih c Fahne geschrieben, ihre Tätigkeit damit inauguriert und die e Werke unter ihre Fittige genommen, wenn nicht unter d r Voraussetzung, daß die Apologetik in einer Darstellung d r Gefamtwissenschasten einen Platz und sogar einen Hervo ragenden Platz beanspruchen darf? Wir wvlleir aus dieser Tatsache, die in zufälligen Ze Verhältnissen ihre Erklärung findet, ilicht zu weitgehen c Schlüsse ziehen, obwohl der Nachweis sich leicht führen lies , daß mehr als einmal in der Geschichte gerade das Bedürsi- . und die Notwendigkeit apologetischer Tätigkeit zur wissenscha - lichen Konzentration und zur Erueuung des Denkens b> - getragen hat. Wir wollen vielmehr zugeben: es ist wahr, du >; die Apologetik den Namen einer Wissenschaft nicht verdieni würde, wenn ihre Aufgabe die eines Advokaten wäre, der für seine Pflicht hält, mit allen Künsten der Dialektik, u> f> selbst um den Preis und auf Kosten der Wahrheit, die Sac e seines Auftraggebers zu rechtfertigen, oder wenn sie mit de > Gefühle urteilen würde wie eine zärtliche Mutter, welche au!> die Fehler ihres Lieblings zudeckt mit dem Mantel der Lie! c oder wenigstens mit dem Schleier des Wohlwollens zu ve - hüllen bestrebt ist. Ja, wir wollen noch weiter gehen und d- Zugeständnis machen, daß die Apologetik, insofern es si i dabei um die Verteidigung der im Gemüte des Mensche i ruhenden apriorischen Grundlagen der Religion handelt, u > ihre Rechtfertigung in der Welt der Realitäten, od r insofern sie den Boden der Tatsachen verlassen und in d> :• Dunkel oder Halbdunkel des Transzendentalen Vordringen wi . den Namen einer exakten Wissenschaft nicht verdient (v wohl ich für mich so ketzerisch bin, zu meinen, daß mit Kau; :• Kritik keineswegs die Weltgeschichte aufgehört hat und d> - letzte Wort der Philosophie gesprochen ist). Wo es sich ab r um dies alles nicht handelt, sondern lediglich um die Zurü ' Weisung von falschen Behauptungen, welche als falsch Grund von objektiven Tatsachen, mit Quellennachweisen u> r> h Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentu: - 1859, S. 125. Daß auch die Abhängigkeit des Forschers von seii i Voraussetzung zur Erforschung der Wahrheit beiträgt, welche uic( > anderes ist als das gemeinsame Ziel, zu welchem man von all n möglichen Ausgangspunkten und auf allen möglichen Wegen nüh.r zu kommen versuchen muß, hat der bekannte, bereits verstorbc f Professor Schell in Würzburg am Schlüsse des zweiten Vorwor - zu seiner „Apologie des Christentums" sehr hübsch auseinandergesO.

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