Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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An dieses kl ige Wort wird man erinnert, wenn man sich die Szene vor A igen hält: Ein Wiener Rechtsanwalt kandidiert, will sich von I iden wählen lassen, spricht mit dem Brusttöne der Ueberlgung von den hehren Aufgaben des Judentums in unserer Z it, mächtig ruft er die Worte in die Versammlung: „Wir li den das Jndentum, wir sind stolz darauf" . . . Stille tritt k i. Aber nun läßt sich eine Stimme aus dem Hintergründe li a*eu, die oft so unangenehm wirken kann: „Und Sie haben ii ren siebenjährigen Knaben taufen lassen." Des „Stolzen" t mächtigt sich arge Verlegenheit. Die zehnte Abendstunde k lug, als der „stolze Jude" seine Kandidatur angemeldet >, tte; es war 11 Uhr geworden, da er sie zurückzog. Das ist c re Episode aus dem Wiener „Wahlkampfe". Wie man sieht, u vb hier mit ziemlich verrosteten Waffen gekämpft. Es ist v l Heuchelei in unserem öffentlichen Leben, und es wird an d r Zeit sein, diese bloßzulegen. Ein anderer Kandidat sprach folgendermaßen: „Ich bin ri überzeugter Demokrat und Sozialpolitiker. (O weh!) enn wir für die Armen sorgen, sorgen wir für die ganze Gesellschaft." Dieser Mann hat jedenfalls ein sehr umfangx iches Programm. Man denke, er will „für die ganze Gei llschaft sorgen". Freilich schränkt er später seine Liebe zur , ganzen Gesellschaft" etwas ein. Da ist er nur „ein guter . eutscher und ein guter Jude." Er will aber von einer Bec nflussung vom „Alljudentum" und „Alldeutschtnm" nichts i issen. Das „Alljudentum", wo ist es zu suchen und zu i iden dieses Land, diese Utopia? Dot capita, tot sensus, kann man von uns sagen, und da! iclt man vom „Alljudentum". Wer repräsentiert dieses , llljudentum"? Sind es die konservativen, liberalen, i Atonalen oder „unabhängigen" Juden? Denn auch solche >' ot es, und das Judentum Krakaus beschenkte uns mit ihnen. J an möchte lachen, wenn der Narr nicht unser wäre. Wann o blich wird Weisheit und politische Klugheit in unserer Mitte > iziehen? Bange Frage, auf die leider keine Antwort erfolgt. Iwri. Nochmals würdig. Von Elise Gut mann in Mannheim. Der Artikel „Würdig" in Nr. 11 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" hat mein tiefstes Interesse geweckt, i nn zum ersten Male höre ich da Worte, die mit meinem > nzen Empfinden übereinstimmen, die mir aus dem Herzen > sprachen und die sich auch mit der eigenen langjährigen Er- > zrung auf dem Wohltätigkeitsgebiete decken. Wie recht hat d ch der ungenannte Autor, wenn er sagt: hier soll, hier! nn, hier darf es keine Würdigkeitsfrage geben — hier ist i it — und nicht bloß vom Standpunkt des guten Herzens c> -s — eine Hilfsmöglichkeitsfrage zu erwägen, und zwar c ensowohl aus gewichtigen „realen" als aus idealen Gründen. i: i es doch sehr häufig, ja größtenteils nicht der „Entgleiste" o ein, der den „Fehltritt", „das Straucheln" verschuldet, sondern d ' Gesellschaft mit ihrer brutalen Ungerechtigkeit, mit ihrer k> lten Grausamkeit ist meist der treibende Faktor, und sie trägt i mit die größte Verantwortung. „Ihr läßt die Armen huldig werden und übergebt sie dann der Pein." Dieses große und wahre Dichterwort hat nirgends mehr als hier seine Berechtigung. Mangel und Elend in jeder Gestalt und Form, Nahrungs-, Wohnungs-, Bildungs- und Erziehungsnot, Not an Wissen und Aufklärung, sind es zumeist, welche die wirtschaftlichen und sittlichen Rückstände züchten, aus denen die meisten Vergehen und Verbrechen und somit die Gefahr für die Allgemeinheit hervorgeht. In einem Zeitalter, in welchem das Wort sozial, abgesehen von der politischen Weltrolle, die es spielt, in allen möglichen Nuanzierungen figuriert, wo man mit sozialer Fürsorge, sozialer Hilfsarbeit und sozialem Ausgleich nur so um sich wirft, in einer solchen Zeit müßten längst alle „sozialen Vorurteile" geschwunden sein und nur einzig das schöne Wort „Recht" zur Geltung gelangen. Gewiß, mit der Wohltätigkeit allein ist es heute nicht mehr getan, aber mit „modernen" Einrichtungen, die sich mit „modernen" Worten garnieren und hinter der vornehmen Außenseite enge düstere Gelasse verbergen, mit diesen noch viel weniger. Diesen ist die alte, große und einfache Stube, die alles was Menschenantlitz trug, einst aufnahm und wärmte und nährte, weitaus vorzuziehen. Denn wahrlich, so lange man innerhalb jeglicher Hilfsarbeit nach dem „Was und Wie", nach „Rain' und Art" fragt, so lange nicht einzig und allein ein großer schranken- und bedingungsloser Wille, „Allen und Jedem" zu helfen, die Armenpflege beherrscht, so lange kann auf eine durchgreifende Fürsorge nicht gezählt werden. In der Tat, es ist kaum glaublich, daß diese Einsicht nicht jedes warm und human fühlende Menschenherz durchdringt, daß diejenigen, die ein günstiges Geschick — oder ein blinder Zufall — auf die Sonnenseite des Lebens gestellt hat, es so schwer begreifen, wie leicht ihnen das „Gutsein" gemacht wird. Und dann das Leben und seine „Wechselfälle"! Beides ist doch ganz unberechenbar. Wer kennt das Schicksal seiner Kinder, das Los seiner Enkel? Wer möchte sie nicht vor Lieblosigkeit, vor schlimmen Zufällen schützen? Und nun zum Schluffe noch ein Wort über meine eigenen Wahrnehmungen bei der Armenpflege. Der Weg, den ich auf diesem Gebiete wandle, führt mich zumeist zu unseren armen, ausländischen, vertriebenen und zu uns geflüchteten Stammesgenossen. Und ich muß sagen, sie sind durchschnittlich weitaus besser als ihr Ruf. Ohne es leugnen zu wollen, daß trotzdein inanches anders bei ihnen sein könnte, ist aber ihre Lebenshaltung eine durchweg auf höherem Niveau stehende als die ihrer Standesgenossen anderer Konfessionen, die einheimisch, eingewöhnt und eingesessen sind. Gewiß, es ist teilweise das Unerzogene — aber zumeist doch das Ungewohnte, Fremdartige, was uns gewöhnlich äbstößt. Denn wer sich die Mühe nimmt, in ihre Häuslichkeit, in ihr Familienleben Einblick zu nehmen, dem ist wohl Gelegenheit geboten, den guten Kern von der häßlichen Schale zu sondern. Unsere polnischen, russischen und rumänischen Brüder und Schwestern mögen kein glänzendes Außenbild bieten — ihre Art und Weise, sich zu geben, mag manchen Wunsch unsererseits unerfüllt lassen, die Liebe für die Ihrigen, der Familiensinn, die Nüchternheit inmitten der furchtbarsten Armut aber, die Geduld und Ergebenheit, mit der sie ihr schweres Schicksal tragen, prägen diesen Märthrergesichtern jenen Gottesfunken auf, der bis in unser Inneres dringt, der jene Schmerzens- und Verzweiflungsrufe weckt, mit denen wir klagen: Was hätte aus diesen Menschen werden können und was ist aus ihnen geworden? Was hat man aus ihnen gemacht?