Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 keinem Erwachsenen benutzt werden dürfen, damit sieunter allen Umständen wüßten, wo sie ungestört dem Gottesdienst folgen könnten. Und besondere Aufseher müßten ihnen zur Seite stehen, um ihnen jederzeit die Möglichkeit zu geben, die einzelnen Gebete, soweit ihre Kenntnisse reichen, verfolgen und mitsprechen zu können. Denken Sie gelegentlich an Jehudi. Brief aus Veltrrreich. Ende März 1907. s wird wohl nicht allzuviele Leser dieses Blattes geben, die wissen, wer der Verfasser des halachischen Werkes „Machazith-Haschekel" (d. h. „Der halbe Schekel", siehe II. Buch Mosis XXX, 13)' gewesen ist. Dieser Gelehrte hieß Samuel Kell oder Löw, starb im Jahre 1807 zu Boskowitz in Mähren, und es wurden jüngst Einladungen ausgeschickt, an der aus Anlaß der hundertsten Wiederkehr seines Sterbetages am 14. März abzuhaltenden Trauerfeier teilzunehmen. Wir stimmen wohl nicht dem Beiwvrte „weltberühmt" bei, das diesem letzten Ausläufer der Komentotoren des „Schulchan Aruch" von seinen begeisterten Landsleuten auf jener Einladung etwas freigebig gespendet wird. Wieviel muß man heute leisten, um weltberühmt zu werden! Immerhin ist es ein schönes Zeugnis altjüdischer Pietät, daß man noch jetzt dieses Mannes, der auf dem „guten Orte" in dem mährischen Städtchen begraben liegt, gedenkt. Wir erwähnen diese Tatsache, da sie uns wirklich in dieser Zeit der Gegensätze charakteristisch erscheint. Noch lebt in vielen österreichischen Gemeinden der konservative Geist des alten Judentums, während in anderen, und gerade in den größeren, dieser einer gewissen Verflachung weicht, welche die schönsten, aber äußerst dünnflüssigen und fadenscheinigen Reden nicht zu überkleistern vermögen. Es mag auch recht schön und löblich sein, wenn sich die Konfessionen untereinander vertragen. Nur daß bei diesen Verträgen die Juden meist die Zahlenden sind, welche die Zeche begleichen, will uns nicht sehr behagen. So haben in der Landeshauptstadt, in der Nähe des Geburtsortes des „Machazith Haschekel", zwei Vereine ein Wohltätigkeitsfest zugunsten eines jüdischen und nichtjüdischen Vereines veranstaltet. Und wer waren die Besucher dieses Festes? Unsere zahlungskräftigen Glaubensgenossen. Da halten wir doch von jenen mehr, die unsere alten Größen, und wenn sie auch nicht von uns als „weltberühmt" angesehen werden, ehren. Aber der Ehrgeiz der so zahlreichen Präsidenten und noch mehr Präsidentinnen unserer Vereine geht jetzt dahin, die Friedensapostel zu spielen; sie täuschen sich jedoch, wenn sie vermeinen, sie würden mit ihren Friedensschalmeien unsere Gegner einschläfern können. Diese gönnen nicht einmal einem Kandidaten, der „zufällig" den Namen eines Juden führt, ein Mandat für deir Reichsrat. Alle Friedensfeste, für welche von jüdischen Frauen noch so viele Eintrittskarten zu wohltätigen Zwecken abgesetzt werden, bringen uns den Frieden nicht, und wenn auch selbst diejenigen, die sich als unsere Vertreter, aber sehr mit Unrecht bezeichnen, dazu ihren Segen geben. Wir können es nicht oft und nicht eindringlich genug betonei,, daß der Jude sich heute lächerlich macht, der da hofft, auf diese Weise sich seinen Gegnern anbiedern zu können. Es ist dies die falscheste und verkehrteste Politik, die wir zu treiben vermögen. Bleiben wir auf unserem angestammten Boden und lasien wir uns nicht durch süße Wörtchen dazu verführen, Geschäfte anderer zu treiben. Das Vereins meiertum blüht allerdings in unserer Mitte in bedenklich üppige, Weise, und alle die verschiedenen Vorsitzenden und Schriftführer, beiderlei Geschlechtes, möchten sich so gern betätigen und hervortun. Wir gönnen ihnen dies Vergnügen, mu dürfen sie nicht glauben, daß hinter ihnen das jüdische Volk stehe. Für fremde, uns sehr fernliegende Zwecke, sollten wir kein Geld haben, da wir es für sehr naheliegende Not so sehr bedürfen. — Die Wichtigtuerei scheint überhaupt ein Unkraut zu sein, welches in unseren Vereinen sowohl, als auch im politischen Leben, sehr arg emporschießt. Es gibt bei unk Leute, die an jedem Tage in einem anderen Lichte schillern bald Nationalisten, dann wieder Assimilanten, und wenn es ihnen paßt, Kosmopoliten sind; im Grunde aber ist es ihnen »in nichts anderes zu tun, als ihr Persönchen in den möglichst hell beleuchteten Vordergrund treten zu lassen. Es fehlt uns wirklich an charaktervollen Führern, was Wunder, daß wir so viele Verführte haben? Ein lehrreiches Beispiel sür das Gesagte bietet die Wahlbewegung, die jetzt bei uns, wenn auch langsain, aber dafür desto intensiver in Fluß gerät. Und wir sollten diese Lehren beherzigen, wenn wir hören, wie siegesgewiß die Christlich-Sozialen der Zukunft, dem zukünftigen Reichsrate, entgegensetzen. Sie verheißen sich von diesem nichts weniger, als daß sie 60, ja einige meinen soga, 80 Mann stark, in das Parlament einziehen werden. Freilich werden dies nicht allein solche von Luegers Couleur sein. In Wien erhoffen sie sich 20 Mandate, und vielleicht werden sie sich in dieser Zahl nicht verrechnen. Niederösterreich, Mähren, die Alpenländer werden diesen Heerbann Luegers verstärken. Allerdings werden diese Männer zur Fahne des noch immer nicht ganz gesundeten Wiener Bürgermeisters nicht unbedingt schwören. Aber sehr schwarz wird ihre Farbe sein. Und ob Lueger überhaupt noch ihre Führung wird übernehmen können das wird die Zeit lehren. Es scheint, daß seine Freunde von nicht allzugroßem Optimismus erfüllt sind. Der siegesgewisse Mann muß einem Stärkeren weichen; denn was nutzt den Weisen ihre Klugheit, den Starken der Mut, wenn nach den Worten des alten „Predigers", der aber mit den jungen nicht zu verwechseln ist, „ihre" Zeit gekommen ist?" Wir denken daß die Perspektive, welche die Zukunft bietet, uns ziun Sammeln anfeuern sollte. Vielleicht finden sich doch Männer, die wenigstens die zuversichtliche Aussicht bieten, daß sie mit kräftigem Mute der enggeschlossenen Phalanx der Gegner entgegentreten werden. Was aber sehen wir? Da werden in Wien einige jüdische Wählerversammlungen abgehalten. Jn der Provinz ist, es mäuschenstill, kein Lüftchen rührt sich hier es scheint, als wollten wir uns auf Gnade, oder besser gesagt Ungnade, dem unabwendbaren Geschicke airsliefern. Und hören wir nun die Wiener jüdischen Kandidaten. Manche von ihnen machten den sehr schüchternen Versuch, ein — Programm jr entwickeln. Aber schon bei den ersten Gängen blieben sie ii dem Moraste der eitlen Selbstbespieglung stecken. Nur voi ihren allverehrten Persönlichkeiten war die Rede. Man hört viel von politischer Vergangenheit und eigenen Verdienste! reden. Andere wieder sprachen von der Judenfrage, als wär diese ein Problem, das einen Wiener Bezirk nur interessiere So meinte einer dieser Geistesheroen, der Vertreter de Wiener sogenannten Quaibezirkes hätte besonders für di jüdischen Kauflente zu wirken, weil diese in dem genannte- Bezirke besonders zahlreich seien. Es fehlte nur noch, daß di Kandidaten versprechen, die Interessen der Wiener Kantorei insofern zu wahren, daß nicht der Kantor eines Bezirkes, an sehr naheliegenden Gründen, zu einer Funktion in einen