Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
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197;tt glauben. Auch selbst.wenn es gelange, die Frage vor die Haager Konferenz zu bringen, würde der Ersolg doch kein anderer sein als der des Berliner Kongresses, dev ja noch mit ganz anderen Machtmitteln ausgestattet war als die Haager Konferenz und dessen Beschlüsse im Interesse der rumänischen Luden niemals zur Ausführung gelangt sind. * Das Exekutivkomitee der Bereinigung jüdischer Gemeinden u A merika (Union of American Hebrew Gongregalions) tagte wr kurzem in Cincinnati. Hauptgegenstände der Beratung varen die Einwanderung der Juden aus dem Osten und die Lukunft des Hebrew Union College. Das Hebrew Union lollege soll in bezug auf die Gebäulichkeiten bedeutend vergrößert »verdeu. Der Grund und Boden ist schon in der Nähe >cr dortigen Universität angekauft und für die Errichtung der Gebäude usw. sollen 250 000 Dollars verausgabt werden. Zu diesem Fonds ist der größte Teil schon gezeichnet worden imb oas noch fehlt, soll durch freiwillige Beitrüge unter den unerikanischen Gemeinden aufgebracht werden. Ein Aufruf oird zu diesem Behuf erlassen werden. Betreffs der jüdischen rinwanderung soll auf eine bessere Verteilung hingearbeitet ind vor allem soll vermieden werden, daß die Einwanderung ich gänzlich in den großen Städten festsetzt. In viele,: Städten 'estehen Unterstützungsgesellschafte,i, dieselben sind aber seit iuigen Jahren dermaßen in Anspruch genommen, daß viele »it Fehlbeträgen zu kämpfen haben und den einzelnen Mitgliedern resp. Gemeinden große Lasten auferlegt werden. Die Exekutive des amerikanischen Gemeiudebundes besteht ans dreißig Mitgliedern, die zu den angesehensten Männern des unerikanischen Judentums gehören. Inzwischen sind am lebrew Union College Differenzen im Lehrkörper ausgebroche», ne die jüdische Presse in Amerika viel beschäftigen, aus die wir edvch nicht näher eingehen möchten, da wir hoffen, daß sie ei beiderseitigem guten Willen, der hier unbedingt vorausesetzt werden kann, sich ausgleichen lassen werden. Es wäre ues dringend im Interesse der immer gedeihlicher sich entückelndeu Anstalt zu wünschen, die die herzlichen Sympathien >ller Freunde des Fortschritts im Judentum seit jeher genießt. Offener Ortet an... ie kennen mich nicht? — Eigentlich auch ich Sie nicht. Aber neulich, entsinnen Sie sich nur, da habe ich Sie eunen gelernt. Am letzten Pessachtage war es, da stand ich!, der Synagoge neben Ihnen, d. h. zuerst nicht neben Ihnen, oudern — und darum wende ich mich au Sie — sondern icben einem Jungen. Er mochte etwa 13 Jahre alt sein, lor sich hattet er ein aufgeschlagenes Gebetbuch liegen und olgte mit Aufmerksamkeit den Gesängen des Vorbeters, des hors und der Gemeinde. Der Gottesdienst hatte schon angst seinen^Anfang genommen; da Seelenfeier stattfinden ollte, waren die Bänke stark besetzt. Da kamen Sie. Mit wer durch das gereifte Mannesalter erzeugten Sicherheit äugen Sie Reihe für Reihe vorwärts, und als Sie keinen ieeigneten Platz mehr entdecken konnten, gingen Sie mit derleichen Selbstverständlichkeit in die Reihe, in der ich stand, ind stellten sich neben mich. Sie nahmen Ihr Gebetbuch vor, mitten sich in Ihren Tallis und beteten mit der Gemeinde mit. Ler Junge, der auf Ihrem Platze stand, war Ihnen Luft, noch weniger als das, gar nicht vorhanden. Rach einigem Zögern wich er scheu dem Mächtigeren und entschwand ineineu Blicken. Entsinnen Sie sich nun? — Damals nahm ich mir vor. Ihnen Ihr Verhalten vor Augen zu führe,,. Ich Hütte Ihnen gerne gleich gesagt, was mir ans dem Herzen lag; aber ich kenne diese persönlichen Auseinandersetzungen eines einzelnen gegenüber einer Mehrheit. Denn Sie, eine starke Vielheit, und mit einigen selbstbewußten, an Unhöflichkeit grenzenden Bemerkungen hätten Sie mich überwunden. Darum schreibe ich es Ihnen, daß Ihr Verhalten einen scharfen Tadel verdient. Vielleicht nehmen Sie sich die Mühe, meine Begründung zu lesen und daraus eine Lehre zu ziehen. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht nur dann, wenn wir der Toten gedenken, die Stätte des Gebetes aufsuchcn, sondern auch hie und da einmal das Bedürfnis empfinden, mit Ihrem Gotte Zwiesprache zu halten. (Verzeihen Sie, wenn Sie etiva zu denen gehören sollten, die regelmäßig das Gotteshaus anfsuchen, und ich Sie zu der anderen Gruppe gezählt habe.) Aber selbst, wenn Sie nur dreimal an den letzten Tagen unserer Hauptfeste und den hohen, ehrfurchtgebietenden Tagen das Wort der Lehre vernommen haben: es ist nicht denkbar, daß keine der Predigten, die Sic gehört haben, auf die Jugend hingewicsen 'hätte. Immer und immer wieder hören wir cs, und mit Recht, daß unsere ganze Aufmerksamkeit unseren Kindern gewidmet sein soll; nur wenn wir sie in den Geist und die Lehre unserer Vüterrcligivn eindringen lassen, können wir mit Zuversicht in die Zukunft schauen, sicher, daß das Judentum neu gestählt aus einem schweren inneren Kampfe hcrvortretcn kann. Denn wir leben in einer für unseren Glauben schweren Zeit. Und nun bedenken Sie: Was heute noch alle unsere Kinder vom Judentum gewinnen können, das ist der Gottesdienst. der öffentliche gemeinsame Gottesdienst. Die Schwierigkeiten, die das soziale Leben weiten Kreisen unserer Glaubensbrüder aufzwingt, mit unwiderstehlicher Macht, haben das religiöse Leben in der Familie fast ganz untergraben. Die Lehren, die der Religionsunterricht gibt, müssen kalt bleiben, wenn nicht die Uebun g sie ins Herz pflanzt. Und da bleibt oft nichts anderes als der Gottesdienst. Mit inniger Freude beobachte ich, so oft ich dem Gottesdienst beiwohne, die Knaben, die „eben mir stehen; ich unterstütze sie, wenn sie die Stelle nicht finden können; ich deute ihnen, wenn es angeht, daß man dieses Gebet aus de», Anlasse nicht betet, ein anderes ans einem anderen u. s. f. Und nun kommen Sie ins Gotteshaus und verdrängen den Knaben! Können Sie die Verantwortung auf sich laden, wenn Sie gar den Knaben ganz aus der Synagoge verdrängt hätten? Nicht nur für den einen Tag, sondern für immer!? Ich weiß. Sie haben es schon oft so gemacht; und ich kenne Knaben, die nur mit Unlust in die Synagoge gehen, oder überhaupt fortbleiben, nur weil Sie sie stets verdrängt haben. Aber ich will gerecht sein. Der Anspruch, den Sie auf den Platz haben, ist ja rechtlich begründet, und wenn Sie auf Ihrem Recht bestehen, kann Ihnen niemand einen Vorwurf machen. Mußten Sie aber den Knaben fühlen lassen, daß er ein Recht auf diesen Platz nicht besitze? — Wenn Sie ihm angeboten Hütten, mit Ihnen den Platz zu teilen, oder ihm gewiesen hätten, wo er dem Gottesdienste weiter beiwohnen könnte — aber ihn wie nichts zu behandeln, das kann nicht üngetadelt bleiben. Wissen Sie, was ich schon lange gedacht habe, um Menschen wie Sie unschädlich zu machen? — In den vordersten Reihen müßten wir den Kindern Plätze anweisen, die von