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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-26 · Heft 17 (26.4.1907) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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aufgerollt werden. Herr Slolypin wird dann aus der Tribüne der Reichsduma erscheinen und mit gerührter Stimme feierlich erklären, daß er im Prinzip für die Emanzipation der Inden sei, nur kann diese Frage gegenwärtig nicht im günstigen Sinne gelöst werden, weil wir uns in einer Zerstörungszeit befinden. Die arbeitsfähige Reichsduma würde gezwungen sein, über diese Frage zur Tagesordnung überzugehen. Damit aber würde dieses Inzident keineswegs erledigt sein. Herr Kruschewan würde natürlich nicht versäumen, diese günstige Gelegenheit auszunutzen und eine flammende Pogromrede halten, welche die Druckerei des Ministeriums des Innern in extenso ab drucken und den Bauern in Kischinew usw. als Heillektüre empfehlen wird. Die parlamentarische Fraktion der Kadettenpartei hat diese Tatsache vollkommen begriffen und zu ihrer Sitzung vom 14. 27. v. M., welche unter dem Präsidium von Rechtsanwalt Winawer stattfand und die Gleichberechtigungsfrage erörterte, die Borsteher verschiedener Nationalitäten zur Beratung herangezogen. * In Rumänien werden jetzt seitens der Regiernngsorgane die Maßregeln zirr „Beruhigung" der Bauern ausgeführt, die zunächst darin bestehen, die armen Juden aus deu Dörfern und kleinen Städten zu vertreiben. Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns folgende Berichte zur Verfügung: i Ploesti, 14. April. Ich überreiche Ihnen hierin das Original eines Ausweisungssormulars, das an alle Juden der ländlichen Gemeinde des Bezirks von Vaslui gerichtet worden ist: „Gemäß dem Befehl des Herrn Präfekten Nr. 1521,907 habe icb die Ehre, Ihnen davon Kenntnis zu geben, daß es Ihnen fortan nicht mehr gestattet ist, sich in der Gemeinde niederzulassen, weil Sie bei Beginn der Aufstandsbewegung mit Ihrer gesamten Familie die Gemeinde verlassen haben. Hiernach haben Sie sich binnen 24 Stunden zu richten. Hochachtungsvoll Der Maire: N. Lupu. Der Sekretär (unleserlich)." Ein Kommentar ist nicht nötig. Ich erfahre ans Vaslui, daß gegen 100 Familien verhindert werden, ihre Wohnungen wieder aufznsuchen. Buzen, 15. April. Der Aufstand ist noch nicht überall niedergeschlagen; an einzelnen Orten kommen immer wieder Versuche vor, die Unruhen zu erneuern, und wiederholt ist dabei das Bestreben ersichtlich, die Zerstörungswut hauptsächlich gegen das Eigentum von Juden zu lenken. Hier wurde dieser Tage von mehreren Reservisten und Urlaubern, die mit Knütteln bewaffnet und von Bauern begleitet waren, eine Kund" gebnng gegen die Juden in der Straße Tirgului veranstaltet. Die Polizei verhaftete einen der Friedensstörer, der aber bald von der Menge befreit wurde. Von diesem Augenblick an leistete die Polizei keinen Widerstand mehr, und die Manifestanten begannen im Verein mit den aus Somileasca herbeigeeilten Zigeunern das Zerstörungswerk. Zunächst wurde ein jüdisches Kaffeehaus, dann ein Warenlager in der Straße Banulni verwüstet. danach die jüdische Schule, ein kürzlich mit Hilfe der .lewisli Kolonisation Association errichtetes prächtiges Gebäude. Nachdem diese Großtat verrichtet war, eilte die Menge auf den Markt, ebenso in die Straßen Apeducnlui, Grivitsa, Dacia, alles verwüstend und plündernd. In Rimnieu-Sarat, in der Nähe von Buzeu, wurden zunächst die Auslagen der jüdischen Läden beschädigt, doch die christlichen Magazine wurden gleichfalls nicht verschont. In Pancirl beträgt die Zahl der verwüsteten Hauser 58; 20 davon gehören Juden. In Jvesti, Bezirk Tecuci, sind 22 jüdische Familien heimgesucht worden. In Pomarla haben die Bauern alle Juden des Ortes vertrieben und ihre Läden einfach dann in Besitz genommen. Hier setzen die Bauern den Verkauf der Waren fort. In Trivesti verteidigte sich Jtsic Aron, ein naturalisierter Jude, von seinem Sohn unterstützt, in heldenhafter Weise. Er hielt einer ganzen Banernbande stand und verwundete einige der Angreifer. In Bara sind alle Einwohner, die christlichen wie die jüdischen, geflohen. Sie haben sich nach IRomctr begeben. Wo immer die Verwüstung bei dem jüdischen Eigentum beginnt, da wendet sie sich sehr schnell auch gegen das Eigentum der christ lichen Bewohner, und in den meisten Füllen wird von vornherein kein Unterschied gemacht. Ein weiterer Schritt der neuen Regierung zur „Beruhigung" des Landes ist folgender: Das rumänische Ministerium sin Handel und Industrie hat die Industriellen des Landes die sich der Begünstigungen des Jndustriegesetzes erfreuen, in einem Rundschreiben darauf aufmerksam gemacht, daß binnen einem Monate zwei Drittel ihres gesamten Personals ans Nationalrumänen bestehen müßte, die sich im Genüsse der politischen Rechte befinden, sonst würden ihnen die Begünstigungen des rumänischen Jndustriegesetzes entzogen werden. Unter „Personal" sind, wie das Ministerium hervorhebt, nicht bloß die gelernten und ungelernten Arbeiter, sondern auch die technischen und Verwaltungsbeamten zu verstehen. Diese Anordnung widerspricht ebenso sehr den einfachsten Geboten der Gesetzlichkeit, wie dem klaren Wortlaute des Gesetzes selbst Das Jndnstriegesetz schreibt ausdrücklich vor, daß die begünstigten Industrien innerhalb fünf Jahren von ihrer Gründung an sich dahin einzurichten haben, daß zwei Drittel ihrer Arbeiter Rumänen seien. Nom technischen und Verwaltungspersonal ist nirgends die Rede, und in der bisherigen Anwendung des Gesetzes wurden die zahlreichen eingeborenen Juden, die in den Fabriken als Arbeiter beschäftigt sind, in die Verhültniszahl der Rumänen mit eingerechnet. Jetzt soll das mit einem Schlage anders werden. Für die rumänische Industrie, die sich überwiegend in den Händen von Fremden befindet, und in erster Reihe für die — zum großen Teile mil deutschem Kapital arbeitenden —Petroleumgesellschaften bedeutet die neue Anordnung der Regierung eine schwere Verlegenheit Daß aber außerdem hunderte von jüdischen Existenzen dadurch völlig ruiniert werden, ist das Traurigste an der Sache. * In verschiedenen Kreisen ist die Idee aufgetaucht, bii rumänische Judenfrage' vor die Konferenz im Haag zu bringen. Bertha v. Suttner hat mit der ihr eigenen warm herzigen Beredsamkeit diese Idee in einem Wiener Blatte ver fochten. Sie sagt dort u. a.: „In kurzem tritt im Haag eine Konferenz zusammen, die in Namen von 46 Staaten für das Wohl der Menschheit, für din Weiterschreiten der Kultur wirken soll. Das wäre eine herrliche Ge legenheit, die Frage der Nassenentrechtnngen zur Sprache zu bringen und gemeinsam zu überwinden. Angesichts des schreienden Unrechtes und des grausamen Unheils, wie es in den letzten Pogromen sich geäußert, läßt sich die dringende Pflicht nicht abweisen damit aufzuräumen, lvenn man znsammenkommt, um für den Sieu des Rechtes und das Heil der Welt zu arbeiten. Freilich steht bu Frage nicht auf dem Programm und kann daher nicht zur offizieller Verhandlung gestellt werden; aber einige Delegierte könnten sick einigen, dieselbe an anderer Stelle zur Diskussion und Lösung z: bringen. Solcher Alp muß von unserer Brust gewälzt werden; di'. Vorstellung, daß es in unserer Zeit noch möglich ist, daß wild- Horden auf wehrlose Unglückliche herfallen können, die nichts andere verbrochen haben, als einem anderen Glauben und einem andere: Stamme anzugehören; diese Vorstellung mit den daran geknüpfte: Bildern der tiefsten Barbarei auf seiten der Henker und der höchster Verzweiflung aus seiten der Opfer — die müssen wir endlich los werden können, aber anders als durch die kalte, feigherzige Be schwichtigungsphrase: „Es ist übertrieben!" Gewiß, dieser Protest der Menschlichkeit gegen die Barbare wird überall Interesse finden. Aber an einen praktischen Er folg verniögen wir leider, durch die Erfahrung gewitzigt, nickst

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