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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-05-01 · Heft 52 (1.5.1838) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 52 (1.5.1838)
Date
1838-05-01
Page
Seite 211 (sequence 3)
Language
German
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211 Leben, und mithin an praktischer Anwendbarkeit. Ist nun der Tempel, wie Gegner von mancherlei Farben behaupten, schismatisch oder ist .er es nicht? Und warum hat er denn seinen Ritus nicht über Hamburg und Leipzig hinaus ausdehnen können? Er hatte nie die Absicht ein Schisma zn bilden. Nachdem er sich anfänglich an das hiesige Bel-Din mit Reform-Vorschlägen vergeblich gewandt hatte, hörte er nicht auf, sich in allen Punkten auf rabbinische Autoritäten ^zu stützen, wie die Apologien Noga- Zedek, Or-noga, Cliereb-nokemet etc. darthun. Auch die dreijährige Perikopenordnung ward noch aus talmudischen Quellen vertheidigt. Die geringe Verbreitung des Tempelritus aber hat ganz andere Gründe, — es standen in einer Stadt die neuerungsscheuen Behörden und in der andern die Finanzgötter entgegen--sonst hatte sich vielleicht längst der größte Theil der Juden Deurschlanos zum Tempelsystem gehalten, wie durch die bei vorkommenden Gelegenheiten bereitwillige Theilnahme eines Zunz, Mannheimer, Auerbach und anderer verbürgt ist. . Auf jeden Fall ist das gesammte Israel, Freunde und Feinde, diesem Tempel unendlichen Dank schuldig! Er war die Avantgarde, er lichtete die Waldung, er zwang die Synagoge zum Vorwärtsschreiten;— eben wie der christliche Protestantismus die katholische Kirche/ — indem er sie in demselben Hamburg, wo er den aus zwei Sprachen zusammengesetzten Ritus, den einzigen unserer Zeit angemessenen, begründete, zur Ausnahme eines gebildeten, studirten und deutsch predigenden Geistlichen nöthigte, und dadurch die Reihe solcher Männer für ganz Deutschland eröffnete '*). Einzelnen Mängeln gegenüber ist jedoch Folgendes zu bemerken. Als der Tempel hier gestiftet wurde, war es nicht der Fall, daß eine im vollständigen rabbanitischen Re- Ugionsleben begriffene Gemeinde sich plötzlich zu einem neuen System gewendet hätte; sondern eine Anzahl Familien, die theils mit sehr wenigen, zum größten Theil aber ohne allen Cultus gelebt und ihre Kinder erzogen hatten, wollte buchstäblich zu einem religiösen Leben zurückkehren, und da sie inne geworden waren, daß die sogenannte Vernunftreligion weder Ueberzeugung noch Trost gewahre, die Masse des vorhandenen Rituals aber rhrern Gemülch und Geschmack nicht genügen konnte, so mußte dahin gestrebt werden, durch Predigt auf den innern, durch ansprechenden Cultus — der noch genug Alterthümliches enthielt, um Achtung zu gebieten und die'Kluft nicht ohne Noch zu vergrößern — auf den äußern Sinn zu wirken, das übrige Ceremoniell aber *) Qfetr bitten hiermit das zu vergleichen, was wir in der Einleitung zum B. des Israel. Predigt- und Schul-Mag. bereits 1834 bemerkten. Redact. der individuellen Handlung anheim zu geben. Und so ist denn auch, alles, was erwartet werden konnte, wie man nach zwanzigjähriger Erfahrung wol behaupten kann, in hohem Grade in Erfüllung gegangen. Eine große Menge Personen 'ist für Israel gerettet und erhalten, das weibliche Geschlecht ist in's öffentliche Religionsleben eingetreten, der Kunstsinn unserer Zeit ist in die „Hütten Jakobs" eingeführt, die Kenntniß der hebräischen Sprache, der Bibel und viele ihrer Erklärungen ist verbreitet, die jüngere Generation hat auch diejenigen Observanzen, die einem Theile derselben persönlich fremd sind, verstehen und achten gelernt, die schroffe Stellung der Partheien gegen einander ist vermittelt, das dem Erlöschen nahe gewesene Selbstgefühl ist neu belebt, durch den frequenten Besuch von Christen aller Classen, diean Predigt, Gesang und Geber Theil nehmen, hat ganz Israel an Anerkennung gewonnen, eine Anzahl gemeinnütziger und mildthatigec Anstalten ist theils neu geschaffen theils umgestaltet und den Lügnern, die da ausrufen: „es ist mit den Juden nichts anzufangen" ist ein glanzendes Dementi gegeben, in dem gesicherten friedlichen Fortgange einer lebensvollen Anstalt, bei welcher trotz der selbst im Innern waltenden Meinungsverschiedenheit in diesen 20 Jahren noch keine einzige Störung sowol der einfachen Ordnung und Ruhe beim Gottesdienst, als der Sache überhaupt vorgefallen ist, in der eine stets sich mehrende Gemeinde Befriedigung ihres religiösen Dranges findet und in welcher auch jeder Fremde, Jude oder Christ, Andacht empfinden und Erbauung genießen kann» Freilich ist der Lroßte Theil dieser Erfolge lediglich dem ausgezeichneten und ins hellste Licht gestelltere Rednertalent der Herren Di. Kley und Dr. Salomon und ihrem anspruchlosen der Arbeit und der Wohlthatigkeit *) gewidmeten Leben zuzuschreiben, und es erhebt sich die bedenkliche Frage: was wäre der Tempel ohne diese glücklichen Zufälligkeiten? — -— Aber nein! das ergebende und fruchtreiche Beispiel ist für alle Zeiten und für alle näheren und.ferneren Kreise gegeben, und-der neue Tempel ln abstracto ist noch weit unvergänglicher als dieser neue Tempel in der Wirklichkeit. So hätten wir denn nun Alles gelobt: Ultra-Rationalisten und Ueberftomme, Synagoge und Tempel? — Und warum nicht? Jedes Streben, in welchem Leben und Wahrheit und Liebe ist, soll geachtet und in sein Recht eingesetzt *) Dr. Kley ist als Oberlehrer und Director der Freischule mit Arbeiten überhäuft, und Dr. Salomon hat als Prediger, Bibelüberseher und Apologet mehr gethan, als in der Regel von Einem Manne gethan wird und erwartet werden kann. Daß beide für öffentliche sowol als Privat-Woblthatigkeit unaufhörlich bemüht find, bedarf kaum der Erwähnung. Corr.

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