Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 52 (1.5.1838)
- Date
- 1838-05-01
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
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212 werden; Abgestorbenheit, Lüge und Egoismus aber sind überall vcrdammungswürdig. und der allgütige Gott wird auch jene vier Gattungen zu einer Agudda zu vereinigen wissen, damit wir und alle Menschen seinen Willen mit vollkommenem Herzen üben. M. Correspondenzen, Auszüge, Repkiken. Berlin, den 29. Mar;. Gemeinde-Schulen. Nachdem die Correspondenz-Artikel in Ihrem geschätzten Blatte so häufig von religiösen Zuständen handeln, in so fern diese sich auf Berbenerung und Einführung eines zeitgemäßen Gottesdienstes und Einsetzung aufgeklärter, wiffenschafrlich gebildeter Rabbinen beziehen, möge eö mir, zur Abwechselung, in einem heutigen Berichte vergönnt sein, einen nicht minder wichtigen Gegenstand zu berühren: nemlich unsere Gemeinde-Schulen. ES gereicht mir zur besondern Freude, hier den Plural anwenden zu können, indem, wie Ihnen vielleicht nicht unbekannt sein wird, wir hier seit ungefähr 2 Jahren auch eine Gemeinde- Töchter-Schule besitzen, wodurch einem lange sgesühlten Bedülfniß für den weiblichen Tbeil unserer Jugend aus eine höchst befriedigende Weise genügt ist. Die Veranlassung zu^ meinem Bericht über diese Anstalten, liegt in den vor wenigen Tagen Statt gehabten öffentlichen Prüfungen in denselben, und ich will es versuchen, Ihnen einen kurzen Abriß von den Leistungen derselben zu geben. Den Vertritt habe die ältere Anstalt, und ich beginne mit der, unter der Leitung deS Herrn Direktor B. Auerbach stehenden Knaben- Schule. Hier ist das Vorwärtöschreiten auf der betretenen Bahn eben so sichtbar, als die erlangten Fortschritte erfreulich sind. Der Geist, der in dieser Anstalt herrscht und der sie beseelt, ist ein Geist des Fortschritts, ein in's Augesaffen alles dessen, was die neuere Pädagogik, als heilsam und ersprießlich für daS Gedeihen und Fortblühen einer solchen Bildungs-Anstalt ersonnen hat. Wir sehen hier die allerneuesten Methoden, daS Denkvermögen zu üben, und dem jugendlichen Geiste eine Selbstthätigkeit zu bereiten, mit dem herrlichsten Erfolge ins Leben treten. Wie sehr hierdurch ein sogenannter Schlendrian vermieden, so daß Lehrer und Lernende vor Erschlaffung bewahrt werden, und dies wird nicht allein jeder Schulmann vom Fach, sondern auch jeder gebildete Mensch einsehen. Als Beispiel mögen hier nur die Methoden angeführt werden, nach denen der Unterricht in der deutschen Sprache und der Erdbeschreibung, zwei der wesentlichsten Disciplinen (in den obern Klassen vom Herrn Directer selbst geleitet), gehandhabt wird und ein Jeder, der Gelegenheit hatte, dem Unterrichte in diesen Gegenständen beizuwohnen, wird mit uns das Gesagte bestätigen. Wir haben einen Geographen von europäischem Ruf, auf Ersuchen deS Directors, die Prüfung in der Geographie selbst übernehmen, und von dem, was die Schüler leisteten, vollkommen befriedigt und wahrhaft erfreut gesehen. Wir sahen die Knaben nicht minder vortrefflich besiedcn in der französischen Sprache, der Naturlehre, der Arithmerhik und Religionslehre, und wenn das Auge von den säubern und vortrefflichen Leistungen in der Kalligraphie und Zeichenkunst freudig überrascht worden, die zur Ansicht circuliren,wird daS Ohr nicht minder, durch den herrlichen ChonGesang, der jeden Prüfungs-Tag würdig beschließt, angenehm erfreut sein. Dank sei daher den rastlosen Bemühungen des verdienstvollen Directorö dieser Anstalt, der selbst von demjenigen Eifer, und von der Begeisterung beseelt, durch welche allein solche Resultate hervorgebracht werden können, gleichzeitig die Gabe hat, diese Begeisterung auch allen Denen mitzutheilen, die gleich ihm berufen sind, an dieser Pflanzstätte für Wissen und Moralität der Jugend daS begeisterte Wort vorzutragen Nur wo alle Kräfte so in Eins verschmelzen, wo Alles so nach einem Ziele strebt, wie hier, wo der Knabe in seinem Lehrer auch den väterlichen Freund erblickt, der selbst bei seinem Uebertritt ins praktische Leben, auch da noch thangen Antheil an ihm nimmt, kann Aehnliches erreicht werden, und der segensreiche Einfluß, den diele Anstalt allf die sittliche Veredlung, namentlich der unbemittelten und elternlosen Jugend unserer Gemeinde, seit der Zeit ihres Bestehens ausgeübt hat ist I bereits jetzt schon, bei den aus ihrem Schöoße hervvrgegangenen, t und dein bürgerlichen Leben angehörenden jungen 'Männern, auf eine wohlthuende Weise von Mitbürgern und Glaubensgenossen anerkannt worden. Die statistische Notiz, daß bei dem diesmaligen Abgänge von 42 Zöglingen, 26 sich den Handwerken und Künsten, und nur.4 sich dem Kaufmannsstande widmeten, die andern jedoch nach höheren Lehranstalten übergingen, dürfte hier gewiß an ihrer Stelle sein. — Ich komme jetzt zu der unter Leitung des Herrn Oberlehrer Engel mann stehenden T öchter-Sch ule, die gegenwärtig 100 Schülerinnen zählt. Diese Anstalt erfreut sich ebenfalls des besten Gedeihens und der regsten Theilnahme in unserer Gemeinde. Der Zweck dieser Schule, Töchter hiesiger Gemeinde-Mitglieder, theils gegen geringfügiges Honorar, meistens jedoch unentgeltlich, für's bürgerliche Leben zu erziehen, und sie für alle Verhältnisse des praktischen Lebens tauglich zu machen, wird hier auf eine ebenso befriedigende als lobenswerthe Weise erfüllt, und die von den Schülerinnen in der öffentlichen Prüfung, vor einer zahlreichen Versammlung abgelegten Beweise ihres Fleißes, waren in jeder Beziehung überraschend (wie z. B. in der vaterländischen Geschichte) und würden selbst den strengsten' Anforderungen genügt haben. Daß neben den wissenschaftlichen Gegenständen, dem Religions¬ und Gesang-Unterricht und einer für die Schülerinnen besonders eingerichteten, an jedem Sonnabend Vormittag in derA'nstalt selbst vom würdigen Herrn vr. Auerbach abzuhaltenden, religiösen Erbauungs-Srunde, die weiblichen Handarbeiten die andere Hälfte der Lehrstunden ausfüllen, bedarf wol keiner Erwähnung, und daß auch hierin Vortreffliches geleistet wurde, können wir nach dem Ansspruche glaubwürdiger sachverständiger Damen mit gutem Gewipen behaupten. Einen besonders erfreulichen Anblick, gewährte überdies die äußere Erscheinung, die bescheidene sittige Haltung, die Sorgfalt und Sauberkeit im 'Anzuge dieser, gerade nicht den begüterteren Claffen angehörenden Mädchen, und hierin allein schon spricht sich der wohlthätige Einfluß Dieser Schule auf Sittlichkeit und Veredlung des weiblichen GemüthS unverkennbar aus; wiewol es nicht unerwähnt bleiben kann, daß die Anstalt das Glück hat, in ihren beiden Lehrerinnen zwei hohe .Vorbilder deö vollendesten weiblichen Wissens und werblicher Art zu besitzen, die dem rhatigen Oberlehrer Herrn Engelmann würdig zur Seite stehen, und thatkräftig Mitwirken zum Gedeihen dieser Anstalt. — So wogen nun beide Institute, unter Gottes Schutz und Segen, fortblühen und rüstig fonschreiten aus der betretenen Bahn, und mögen sie so denhohen Zweck ihrer Gründer erfüllen, der Jugend dieser Gemeinde eine Pflanzschule der Tugend und des Wissens, der Sittlichkeit und der Erkenntniß zu sein, unserer frommen Gemeinde selbst aber zum Stolz und zur Zierde zu gereichen. — Und nun schließe id) diesen schon zu lang gewordenen Bericht, dessen Stoff jedoch reichhaltig ist, indem ich Ihnen noch die erfreuliche Nachricht mittheilen kann, daß unserm bisher in Lethargie versunken gewesenen Seminar eine neue Organitation bcvorsteht, und daß unser eben so berühmter als gelehrter vr. Zunz die Oberleitung desselben übernommen hat. Auch ein Versuch zur Veredelung des Synagogen-Gottesdienstes ist im Werke, Dank den Bemühungen unserer aufgeklärten Gemeinde- Vorsteher, kurz es ist Stoff vorhanden, Ihnen für die Zukunft, recht erfreuliche Berichte aus unserer Mitte zukommen zu lassen. Reda-tcur vr. L. Philippson. - Verlag von Ba«n.gariner-s Buchhandlung. - Druck v°u I. B. Hirschfeld.