Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-05-01 · Heft 52 (1.5.1838) · p. Seite 210

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 52 (1.5.1838)
Date
1838-05-01
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3224856-3224909--00992-3297363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

210 »iß von der Toleranz '.einer hochw. Geistlichkeit, so wie von dem regen Streben einer nicht unfähigen Zugend ablegen. Theologie. Hamburg er religiöse Zustände. (Schluß.) Im Ganzen dauert der Gottesdienst im Tempel unstreitig zu lang, nemlich über drei Stunden am gewöhnlichen Sabbatmorgen, weshalb denn ein großer Theil des Publikums blos der Predigt und den angrenzenden Stücken beiwohnt, und der Uebelstand, den die christlichen Protestanten so schmerzlich empfinden, daß die Predigt allein als wichtigster Theil des 'Cultus betrachtet wird, immer, mehr einreißt. Jene Langwierigkeit entsteht aber daraus, daß eigentlich zweierlei Kulte parallel neben einander laufen, nemlich der erwähntermaßen wenig verkürzte herkömmliche Sidur, der wegen des langsamen, würdevollen Vortrages *) viele Zeit wegnimmt, und zweitens die vielen deutschen Choräle, von denen an jedem Sabbatmorgen (zur Einleitung, vor Jischtabach— vor dem Toralesen, vor der Predigt — nach derselben, zum Schluß) mehr gesungen werden, als beim protestantischen Gottesdienst, und das noch obendrein in Melodien, denen man größtentheils keinen lebhaftem Charakter zu geben suchte, als eben den des breiten norddeutschen Chorals. .Dieser übermäßige Gebrauch deutscher Lieder und deren isolirte Stellung im Ensemble des Rituals hat denn auch, die üble Folge gehabt, daß in dem eingeführtm Gesaügbuche neben einer Anzahl wahrhaft schöner Lieder die größere Halste der Nummern — deren überhaupt die wenigsten im Geiste positiver Religion gedichtet sind — wirkliche Salbadereien genannt werden können, in denen ein Paar'dürftige Ideen allgemeiner Gefühlsmoral bis zum Ueberdruß wiederholt werden, und sich in einem Wüste von schwülstigen Apostrofen, Spielereien und fader Gesühlskoketterien fast verlieren. . Beiläufig erfahren wir auch aus diesem Gesangbuch einige Dinge, von denen unsere Vorfahren nichts gewußt haben, z. 33. daß bk Tobten auf den Sternen wohnen, daß °) Die Chonrielodien so wie 'überhaupt die modulirte Vortragsweise dev Hebräischen sind eben wie die Pronuncicmonvon der portugiesischen Synagoge entlehnt, bloS einige Melodien z. B. EH Zion, die drei Makarismen nach dem Schofarblasm :c. stammen von der deutschen. Der ausgezeichnete volle Bariton deö Chasanö Meldola hebt das Ganze ungemein. altes irdische Thun und Treiben, ja die Welt selbst Tand und Unnutz seirc.; ferner ist das erhebende Wir aller unserer alten Gebete fast durchgehends in das kleinliche Ich umgewandelt. Auch im Gebetbuch stößt man auf ganz unerwartete Dogmen, z. B. daß Gott, der jüdische El chaj, beständig in heiliger Ruhe hernieder blicke auf alles Geschaffene; daß die Geister der Verstorbenen uns umschweben u. s. w. Noch mehr auffallende Erscheinungen, die wot lediglich der UeberUlung ihr Dasein verdanken, können gerügt werden. Da ist z. B. ein Tamid-Licht, das aber blos einmal die Woche brennt, da ist Orgelmust'k, aber der Spielende darf kein Jude sein, da wird z. B. die Haftara ganz ungenirt beseitigt, aber gemäß des Magen Abraham wird am Torafreudenfeste (selbst wenn es erwähntermaßen secularisict ist) von den Aharoniden der Segen nicht gesprochen und dgl. m. Das sind nun freilich Dinge, die eine starke Jnconsequenz — wenigstens was man bis auf unsere Zeit so genannt hat — verrathen; aber wo ist denn jetzt diese Jticonsequenz nicht zu finden? Ganz folgerecht nach alter Logik denken nur diejenigen, die entweder alles bejahen oder alles verneinen, und auch diese kaum! Und ist denn der Rabbine consequent, der seine Kanzelvorträge und seine theologische Literatur in Sprache, Form und Styl völlig germanisirt, desorientalisixt- und dabei sich und seine Kinder . nicht anders als mit bedecktem Haupte zeigt? Wenn er das für einen asiatischen Despoten oder italienischen Eonäottwre verfaßte Gebet hanoten abliest und gleich darauf von Staatsverhältnissen. nach den Begriffen unsers Jahrhunderts redet? Wenn er am 9. Ab für Anstand und Reinlichkeit in der-Synagoge bemühet ist, und bei der Privattrauer für zerrissene Kleider und ungeschorne Bärte sorgt? Wenn er Versöhnlichkeit und Duldung predigt, und das Welamal8ohlnim nicht abzustellen wagt? Auch wird sich voü der rein praktischen Seite, wo man nicht die Colonien als ein Princip preis gibt, und im Sturme gern etwas Ballast, ja. etwas Frachtgut wegwirst, um das Schiff zu retten,' wenig gegen das System des Tempels einwenden lassen, das in einem besonnenen Eklekticismus besteht, nicht allzu ängstlich den theoretischen statu« quo, aber um so mehr das BoK befragend, welche Formen — vom Inhalte selbst kann nicht die Rede ffein, .der steht unverbrüchlich fest — ihm noch Sinn und G§- müth ansprechen; welche der stützenden Reform bedürfen und ' welche ihrer-eigenen Kraft oder Schwäche zu überlassen sind. Was einem solchen System an logischer Begründung adgeht, das gewinnt es unstreitig an inniger Befreundung mit dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.