Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228761--63464-3297357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

erziehen. Doch darf mit der Entlassung der Zöglinge aus der Anstalt die Fürsorge für sie nicht aufhören. Es ist daher dringend nötig, den Fonds für entlassene Zöglinge zu kräftigen, um diese Unglücklichen, wenn sie erst ins Leben eintreten, in jeder Beziehung fördern zu können. — In' den meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands findet die segensreiche Wirksamkeit des Vereins ungeteilte Anerkennung, und so darf der Vorstand sich der Hoffnung hin geben, daß es ihm ferner in noch gesteigertem Maße als bisher gelingen wird, das von ihm vertretene Werk der Humanität zu fördern, zur Ehre des Judentums und zum Wohle unserer taubstummen Glaubensgenossen. Die Versammlung erteilte alsdann einstimmig der Kassenverwaltung die Entlastung und genehmigte den Voranschlag des Etats sür 1907, der mit 41 050 Mark balancierte. — In den hierauf folgenden Wahlen wurden die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Pros. Dr. May bäum, Ludwig Gnmpertz, Jsmar Hamburger-Berlin, Kommerzienrat Kirchdörfer - München wieder- und die Herren Ernst Blumenthal- Leipzig, Friedrich Kau sin an n - Frankfurt a. M., S. Reiß- Mannheim, Rabbiner Dr. L. Nosenthal - Köln und Adolf Schwarz-Nürnberg neugewählt. Der Wahl ging eine Aenderung des Statuts voran, das nunmehr die Zahl der Vorstandsmitglieder auf mindestens 16 festsetzt. Einstimmig erfolgte auch die Wiederwahl der Revisoren Oskar Berlin, Heinrich Frankel und Oskar Rat heu au. Zum Schluß wurde dem Vorstand aus der Mitte der Versammlung der Dank für seine Mühewaltung ausgesprochen. n. Lteglitz, 15. April. Am verflossenen Donnerstag haben wir einen braven Mann begraben. Der Begründer der jüdischen Gemeinde in Steglitz, deren eifrigster Förderer, Herr Moses Wolf fenst ein, ein Mann, der mit vielen edlen Herzenseigenschaften einen echt religiösen Sinn und ein überaus bescheidenes, selbstloses Wesen verband, starb nach kurzer Krankheit im 69. Lebensjahr. In der kleinen Synagoge, die er in dem Garten hinter seinem Hause erbaut hatte und auf die er große Liebe und Sorgfalt verwandte, war vor dem Hechal seine Leiche aufgebahrt worden. In tiefer Bewegung wurden hier dem Verblichenen Worte der Liebe und des so reich verdienten Lobes nachgerufen. Als der Sarg in der Abenddämmerung durch die Straße zog und eine dichtgedrängte Menge Leidtragender eine große Strecke weit dem verehrten Manne das letzte Ehrengeleite gab, da empfanden wohl alle, daß wiederum einer jener immer seltener werdenden Menschen, die in stiller Art für ihre Mitmenschen leben und sorgen, von uns gegangen war. Sein Andenken wird gesegnet bleiben. e. Königsberg i. Pr., 12. April. Etwas spät, aber doch nicht zu spät, melde ich Ihnen heute das Hinscheiden des Dr. med. I. Rosen stock, des früheren langjährigen Stadtverordnetenvorstehers, der hier im 81. Lebensjahre verstorben ist. Mit ihm ist ein Veteran der Königsberger Selbstverwaltung, ein Vorkämpfer des freiheitlichen Gedankens und ein vorbildlicher Bürger und Berufskollege dahingegangen. Rosenstock ist stets ein leuchtendes Vorbild aller hohen Bürgertugenden gewesen, ein nie ermüdender Vorkämpfer für die dem Wohl der Allgemeinheit gewidmeten Bestrebungen unserer Zeit. Das Vertrauen seiner Mitbürger berief ihn, der 1826 zu Putzig geboren wurde und 1871 hierher übersiedelte, bereits 1878 in die Stadtverordnetenversammlung, und diese wühlte ihn 1891, nach dem Rücktritt des später verstorbenen Kommerzienrats Weller, zu ihrem Vorsteher. Sieben Jahre lang hat er dieses anspruchsvolle, viel Takt und Umsicht erfordernde Ehrenamt mit Auszeichnung bekleidet. Die Aera Rosenstock ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte unseres städtischen Parlaments. Dr. Rosenstock hat durch seine gleichmäßig ruhige und sachgemäße Leitung zur Förderung der Geschäfte wie zu dem guten Einvernehmen zwischen Magistrat und Stadtverordnetenversammlung stets in hervorragendem Maße beigetragen: in sicherem Anschluß an das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung, in strengem Gehorsam gegen die Gesetze des Staates und der Stadt. Anläßlich seines 80. Geburtstages, den er vor kurzem feiern konnte, überreichten ihm die städtischen Körperschaften eine Glückwunschadresse, in der sie ihm den Dank der Bürgerschaft in herzlichen und anerkennenden Worten aussprachen. Mit Rosenstock verliert die Freisinnige Volkspartei ein eifriges und treues Mitglied, und verschiedene andere Vereine, darunter der Handwerkerverein, der den Verstorbenen zum Ehrenmitglied ernannt hatte, einen unermüdlichen Förderer ihrer Interessen. Die Beerdigung fand am 19. v. M. statt. Einfach und schlicht, wie der Verstorbene im Leben gewesen war, vollzog sich auch dieser Akt. Der Shnagogenchor sang einen Choral, dann sprach Oberkantor Birnbaum ein kurzes Gebet und hierauf wurde der Sarg zur Gruft getragen, wo Gesang und Gebet die Feier beendigten. Außer den Angehörigen wohnten der Magistrat mit Oberbürgermeister und Bürgermeister an der Spitze, sowie die beiden Stadtverordnetenvorsteher mit einer großen Zahl von Stadtverordneten der Feier bei. In der Stadtverordneten-Sitzung vom selben Tage widmete der Stadtverordnetenvorsteher den: Heimgegangenen einen warmempfundenen Nachruf. Kp. Ostrowo, 14. April. Am gestrigen Sabbat nahm der nach Hannover berufene Rabbiner Dr. Freund Hierselbst nach achtjähriger Wirksamkeit von seiner Gemeinde auf der Kanzel feierlichen Abschied. Der Scheidende gab einen Rückblick auf seine Tätigkeit hierorts und betonte mit Recht, daß er stets den Frieden geliebt, ihn zu erhalten gesucht und an jedem menschenfreundlichen Werke regen Anteil genommen habe. Tief bewegt rief Herr Dr. Freund den leitenden Männern der Gemeinde, den Lehrern, den Männern, Frauen und der Jugend ein herzliches Lebewohl zu. Die Zuhörer waren alle sehr ergriffen und wurden sich eigentlich erst in diesem Augenblicke der Bedeutung bewußt, die diese Scheidestunde in sich birgt. Nur schwer wird man sich hier au die Abwesenheit des Rabbiners gewöhnen können, — Aus Anlaß des Scheidens sind von Vereinen und Gemeindemitgliedern Herrn Rabbiner Dr. Freund mancherlei Aufmerksamkeiten zuteil geworden. Der Literaturverein und der Verein sür Krankenpflege überreichten recht wertvolle Silbergerüte, und die Gemeinde widmete dem Scheidenden zum Andenken eine sehr kostbare Standuhr. Möge es Herrn Rabbiner Dr. Freund vergönnt sein, in seinem neuen Wirkungskreise sich so großer Liebe und Wertschätzung seiner Mitglieder erfreuen zu dürfen, wie dies hier der Fall gewesen ist! — Breslau, 12. April. Die Jahresberichte der beiden hiesigeil Gemeinde-Religionsanstalten sind eben erschienen; den einen (64.) erstattet Rabbiner Dr. Gutmann, beu anderen (57.) Rabbiner Dr. Rosenthal. Der erste enthält eine sehr wertvolle Arbeit über die Stellung des jüdischen Religionsunterrichts in Preußen von Rabbiner Fabian, auf die wir noch zurückkommen. An der Anstalt unterrichten die Herren Rabbiner Dr. Gutmann und Fabian, ferner die Lehrer Schönfeld, Moops, Fleischhacker, Dr. Behrens, Dr. Italiener, Dr. Süßmann, Fräulein Ellbogen und Fräulein Braun. Die Anzahl der Zöglinge betrug in der Religionsschule II 419 und in der Religionsanstalt 111 58. Neu eingerichtet wurde ein Fortbildungsknrsus für die aus der Schule entlassenen Mädchen, der sieben Teilnehmerinnen zählte. Dieser soll den an ihm teilnehmenden Schülerinnen Gelegenheit geben, ihre Kenntnisse auf allen Gebieten des Religionsunterrichts im Hebräischen, in der Religionslehre und in der jüdischen Geschichte zu vertiefen und auch ihrem Umfange nach zu erweitern. Die Religionsunterrichtsanstalt I zählte 581 Schüler (387 Knaben, 204 Mädchen). Den Unterricht erteilen außer Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal die Herren Dr. Braun, Dr. Beerwald, Hamburger, Kahlberg, Graf, Weißmann, Berlinger, Dr. Schreiber, Dr. Deutsch, Dr. Wolssohn: An der Anstatt fand zum erstenmal in diesem Herbst die Religionslehrerinnenprüfung statt. Sechs junge Damen erhielten das Zeugnis der Reife sür Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts. — In der Stadtverordnetenversammlung vom 4. d. M. brachte Justizrat Ollendorf die Zurücksetzung der jüdischen Lehrkräfte in der Schulverwaltung zur Sprache. Die Antwort des Stadtschulrats Dr. Pfundtner war eine recht schwache. Er meinte, daß sich nach dem neuen Volksschulunterhaltungsgesetz verschiedene Möglichkeiten böten, den jüdischen Religionsunterricht an den Volksschulen einzurichten, daß aber die Ausführungsbestimmungen noch fehlen. Die Stadtverordneten Hamburger und Dr. Reich konstatierten ausdrücklich, daß sie von der Antwort des Stadtschulrats durchaus nicht befriedigt seien. Nun sah sich der Oberbürgermeister Dr. Bender veranlaßt, sür diesen in sehr scharfer Weise in die Bresche zu treten. Aber auch er hat mit seiner Verteidigung sehr wenig Glück gehabt; er bestritt positiv, daß der Magistrat sich irgendwie ein Versäumnis habe zu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.