Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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, halben foutmeu lassen und nicht das Seinige in dieser Frage getan at. Dem wird aber niemand zustimmen, der die hiesigen Verhältjffe genauer kennt. ----- Göttiiigen, 10. April. Der Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde, Dr. Sonderling, der österreichischer Staatsangehöriger 'ar, ist bekanntlich seinerzeit von der Regierung bestätigt worden nter der Bedingung, daß er sich naturalisieren lasse und demgemäß inev Militärpflicht genüge. Dr. Sonderling, der bereits vamilienvater ist, hat denn auch dieser Tage beim hiesigen Jnfanterieegiment Nr. 82 als Einjähriger eintreten müssen. Der Gemeinde, ie ihm für das Dienstjahr sein volles Gehalt zahlt, hat er einen rertreter gestellt. U Frankfurt a. M., 8. April. Der Freisinnige Verein ür jüdisches Gemeindeleben beschäftigte sich dieser Tage in iner Sitzung im „Kaiserhof" mit der zweiten Hauptversammlung es Verbandes der deutschen Juden, die am 6. Oktober hier abehalten werden soll. Sanitätsrat Dr. Jasfe, der als Delegierter der . sten Tagung in Berlin beigewohnt hat, gab einen Ueberblick über ie Gründung des Verbandes, der eine autonome Vertretung der eutschen Juden sein und für deren staatsbürgerliche wie religiösttliche Interessen nach jeder Richtung hin eintreten will. An das ieferat knüpfte sich eine Diskussion. Mehrere Redner betonten, daß er Sache der Juden eine schwere Gefahr drohe von seiten einer n Zahl geringen, aber äußerst rührigen separatistischen Orthodoxie, er als erstrebenswertes Ziel ein „Schutzjudentum" vorschwebt, und ie sich bei der Regierung als Anwalt der Juden aufspielt. Es sei eshalb von höchster Bedeutung, daß der Verband sich zu einer caftvollen Organisation auswachse und daß die liberale Richtung en ihr gebührenden Einfluß auf seine Leitung gewinne. — Der >entralverein israelitischer Mitglieder hat am 9. d. M. u einer öffentlichen Versammlung Stellung zu der Frage genommen: Sott an Samstagen und an israelitischen Feiertagen an den Neuauten der israelitischen Gemeinde gearbeitet werden?" Selbsterständlich wurde die Frage entschieden verneint., x Kaiserslautern, 12. April. An der hiesigen Volksschule ürkte bisher ein jüdischer Volksschullehrer, der die Aufgabe hatte, en israelitischen Religionsunterricht zu erteilen und bis zur Höhe er wöchentlichen Pflichtstundenzahl Vertretungen zu übernehmen. 'ci der seitherige Stelleninhaber in den Ruhestand versetzt wurde, uollte der Stadtrat eine neue jüdische Lehrkraft in Vorschlag bringen. 2ie Lokalschulinspektion, die protestantische Distriktsschulinspektion md das Bezirksamt befürworteten den Antrag. Die katholische listriktsschulinspektion dagegen erhob Einspruch mit Rücksicht aus en christlichen Charakter der Kaiserslauterner konfessionell gemischten wlksschule. Der Antrag des Stadtrates wurde wohl aus diesem Grunde durch die Kreisregieruug abgelehnt. Der Synagogenauschuß hat nunmehr gegen die Regierungsentscheidung beim 'Ministerium Einspruch erhoben. Wie die Entscheidung ausfallen ürd, ist bei der sonstigen Haltung des jetzigen „Geschästsministeriums" -mm noch zweifelhaft. Gesterretch-Nnsarn. A Wien, 15. April. Die Ostertage haben wieder die obligate l itualmord-Lüge gebracht. Natürlich war es das „Deutsche wlksblatt" des Herrn Ernst Vergani, dem eine gefällige Regierung en Titel eines Negierungsrats verliehen hat, das die Meldung verreitete, einem Dienstmädchen namens Karoline Podsemnik seien bei ■ent jüdischen Handelsagenten Heller Stich- und Schnittverletzungen n den Füßen beigebracht worden, „um zu rituellen Zwecken Blut bzuzapfeu". Die Polizei bezeichnete die Angaben des Mädchens, das nr Prüfung seines Geisteszustandes nach dem Krankenhause gebracht mode, als völlig erfunden. Ein Glück, sagt die „Oesterreichische Wochenschrift" mit Recht, daß das Wiener Landesgericht nicht unterer Vorschrift einer antisemitischen Untersuchungskommission steht, in Glück, daß in Wien 160000 Juden leben, die sich zu wehren wissen werden — denn an einem kleineren Orte wären die Juden ereits so gut wie wirtschaftlich vernichtet, und dieser Kaufmann Zeller könnte sich, wenn er vielleicht in Kuttenberg lebte, darauf esaßt machen, dem Leopold Hilsner Gesellschaft zu leisten.—In der Sitzung vom 10. d. M. hat der galizische Landtag nach Anhörung eines Referats von Professor Dr. Jaworski nachstehende Resolution angenommen: „Dem Landesausschusse wird aufgetragen, sich mit dem k. k. Unterrichtsministerium und den Kultusvorständen von Krakau und Lemberg wegen Schaffung einer israelitisch-theologischen Lehranstalt in Lemberg anläßlich des Kaiser-Jubiläums, ins Einvernehmen zu setzen und in der Herbstsession des Landtages darüber Bericht zu erstatten." Dieser Gegenstand hat bereits den Unterrichtsausschuß des Landtages beschäftigt. Auf Grund der Beratungen desselben wurde der Ausschußbericht verfaßt, dessen wichtigste Stellen lauten: „Die Kultusvorstände in Krakau und Lemberg erwarten vom Landesausschusse die Einleitung von Schritten, welche den Gedanken der Gründung einer eigenen israelitisch-theologischen Anstalt in Lemberg verwirklichen würden. Denn die Wiener Zentralanstalt entspricht nicht den Bedürfnissen des Landes. Nur eine Landesanstalt vermag jüdische Neligionslehrer heranzubilden, die polnisch sprechen und sich als Söhne des Landes suhlen würden. Deshalb empfiehlt der Unterrichtsausschuß die Petitionen der Kultusvorstünde von Lemberg und Krakau, ohne jedoch bezüglich einer Subvention eine Entscheidung zu treffen, da diese Frage noch verfrüht ist." — Der Kaiser hat dem kaiserlichen Rat Bernhard Pollack, Kultusvertreter in Wien, den Adelsstand und dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Agram, Ingenieur Siebenschein, den Titel eines kaiserlichen Rats verliehen. — Ans Lovrana wird der „Montags-Revue" die Schreckenskuude mitgeteilt, daß Bürgermeister Dr. Lueger sich dort in Behandlung eines Dr. Kohu befinde und diesem Arzte das größte Vertrauen entgegenbringe. Daß Dr. Kohn ein Jude ist, irritiert den Bürgermeister durchaus nicht, ja er setzt gerade in diesen Arzt die besten Hoffnungen. Wien ist atemlos. * Vvn Mh und Lern. -- Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Logen N. O. B. B., hat durch seine Vermittlung im Monat März 236 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 42 Personen vorübergehende Beschäftigung nachgewiesen. — In der Korrespondenz über den Hilfsverein der Rawitscher in Nr. 15 muß es heißen: In den Vorstand wurde gewählt: Herr Louis Friedmann, nicht Friedenau; ferner muß es heißen: der Vorsitzende, Vorstandsmitglied unserer jüdischen Gemeinde, Herr Leopold Badt und nicht Levy Badt. — Drei angesehene und verdienstvolle Schulmänner in Rheinland-Westfalen haben ihr 25 jähriges Amtsjubiläum iu dieser Woche unter allgemeiner Teilnahme weiter Kreise gefeiert. Am 13. d. M. feierte Herr M. O sterm an n iu Bochum sein silbernes Ortsjubiläum, während am 15. d. M. die Herren Ransenberg in Neuwied und Dr. Salomon in Iserlohn das Jubiläum ihres Dienstantritts feierten. Allen drei Männern unsere herzlichsten Glückwünsche. — Zum Rabbiner in Elberfeld wurde Herr Dr. I. Corden-Mislowitz gewählt. — Die gegen die Entscheidung des Kölner Regierungspräsidenten bezüglich des Protestes gegen die Wahl eines Ausländers zum Repräsentanten der jüdischen Gemeinde eingelegte Beschwerde ist vom Oberpräsidenten der Nheinprovinz als unbegründet zurückgewiesen worden. — Der Oberregierungsrat Dr. Paul Meyer iu Frankfurt a. M., bisher stellvertretender Präsident der königlichen Eisenbahudirektion, ist in den Ruhestand getreten. — Mit neun gegen acht Stimmen hat der Magistrat zu Fürth in seiner letzten Sitzung beschlossen, den vom Sturme umgerissenen Zaun zwischen deur christlichen und israelitischen Friedhof nicht wieder aufzurichten. Es bedürfe zwischen dem christlichen und den: israelitischen Friedhofe keines Abschlusses, da sich zwischen den beiden Bekenntnissen im Leben so viele Berührungspunkte finden. Der „Frünk. Kurier" bemerkt hierzu, daß wegen entgegenstehender ritueller Vorschriften dieser Magistratsbeschluß wohl wieder werde aufgehoben werden müssen. — Die bayerische Stadt Hof zählt nur eine jüdische Bevölkerung von 81 Seelen auf. Unter diesen befinden sich: ein Landgerichtsrat, ein Oberamtsrichter, ein zweiter Staatsanwalt und ein Amtsgerichtssekretär. — In Triest sind in den Jahren 1887 bis 1903 im ganzen 472 jüdische und 170 Mischehen geschlossen worden. — Aus Paris