Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228761--63463-3297356- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
71. Jahrgang. Nr. 16. Berlin, 19. April 1907. Der Gemeindevote. Weilsgr zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums" KorrklponÄrnrm und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 15. April. Der Erweiterungsbau der dritten Alterversorgungs anstatt der hiesigen jüdischen Gemeinde in der Exerzierstraße 13 wurde heute mittag unter zahlreicher Beteiligung der Ehrenbeamten dieser Anstalt, der Vertreter des Gemeindevorstandes, des Repräsentantenkollegiums und von Freunden und Gönnern dieses Instituts in feierlicher Weise eingeweiht. Nach einleitendem Chorgesang („Wie schön sind deine Zelte, Jacob") vollzog zunächst in der loürdig geschmückten Synagoge der Anstalt Rabbiner Professor Dr. Maybaum die religiöse Weihe des Hauses. Er bezeichnete den Tag der Weihe als einen wahren Festtag für die Gemeinde, und zwar nicht so sehr darum, weil damit in den Kranz ihrer Wohltätigkeitsanstalten ein neues Blatt eingefügt wird, sondern vielmehr darum, weil unsere Gemeinde damit wiederum bezeugt, daß in ihrer Mitte Religion und Humanität aufs innigste verknüpft sind. Unter Zitierung der Verheißung Gottes au den Patriarchen Abraham: „Du wirst in Frieden eingehen zu deinen Vätern, im glücklichen Greisenalter wirst du bestattet werden." erörterte er in geistvoller Weise die Voraussetzungen eines erstrebenswerten Alters. Im Anschluß daran umgrenzte er den Wirkungsbereich der Anstalt, die zwar den Aufgenommenen die äußere Vorbedingung eines frohen Lebensabends, die Befreiung von der Sorge nur die Notdurft des Lebens, aber nicht die persönliche Voraussetzung zu gewähren vermag, welche die Pfleglinge selbst mitbringen müssen, nämlich die Empfänglichkeit des Geistes, die Heiterkeit des Gemütes, die Ruhe des Gewissens, die erst dem Abendhimmel unseres Lebens die sonnige Klarheit und den erquickenden Frieden verleihen. Die Aufnahme in die Anstalt ist nicht bloß als eine Versorgung, sondern auch als eine Auszeichnung für die Greise zu betrachten; sie ist ein Zeugnis dafür, daß sich die Aufgenommenen in den Stürmen des Lebens treu und ehrlich gehalten, daß sie in ihren Unternehmungen zwar Schiffbruch gelitten haben mögen, daß sie aber weder das Bewußtsein ihres persönlichen Wertes, noch die Achtung der Menschen verloren haben. Professor Maybaum weihte das Haus im Namen der Religion, deren Frucht es ist, mit jenen Worten, mit denen einst unser Lehrer Mose das Heiligtum der Religion geweiht hat: „Möge die Huld des Herrn, unseres Gottes, über uns walten, möge er unser Händewerk fördern und durch seinen Beistand festigen für und für!" Nach der üblichen Segenserteilung und abermaligem Chorgesang sprach der Vorsitzende der Alterversorgungsanstalt, Herr Leopold Ba dt, den beiden Stifterinnen des Neubaues, Frau Erna P ackscher und Frau Mathilde Priester, den herzlichsten Dank für ihre hochherzige Schenkung aus, die allezeit ein hervorragendes Wahrzeichen jüdischer Nächstenliebe bilden werde. In diesem Dank ließ er das schmerzliche Bedauern mit einfließen, daß es der Anstalt an den nötigen Mitteln fehlt, die so reichlich zustehenden Räume voll belegen zu können. Die Gemeindebehörden können nicht in ausreichenden! Maße helfen, weil nach ihrer Ansicht Gemeindemittel für die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Anstalt nicht in Anspruch genommen werden dürfen, und es Aufgabe der Anstalt sein muß, aus eigenen Einkünften die nötigen Ausgaben zu bestreiten. Er richtete deshalb an alle Freunde und Gönner dieser segensreich wirkenden Institution die beherzigenswerte Bitte, neue Freunde zu werben und in immer weiteren Kreisen die Aufgaben, welche die Anstalt löst, bekannt zu geben. — Ter Erweiterungsbau besteht in zwei stattlichen Flügeln, ivelche in ihrer Gestaltung im Einklang mit dem zierlichen und geschmackvollen Mittelbau stehen und 72 Zimmer enthalten. Die Alterversorgungsanstalten unserer Gemeinde erfreuen sich einer fortschreitenden und stetig sich steigernden Entwicklung. Im Jahre 1829 wurde die erste Anstalt mit 8 Hospitaliten eröffnet, heute stehen bereits drei Anstalten zur Verfügung, die mehr als 390 Personen ein schützendes Obdach für ihr Alter zu gewähren vermögen. In der dritten Anstalt, deren Erweiterungsbau heute geweiht wurde, ist die schöne Einrichtung getroffen, daß den aufgenommenen Ehepaaren zwei Zimmer, ein Wohnzimmer und Schlafzimmer, eingeräumt werden. Für den Arzt ist — ebenfalls ein Novum dieser Anstalt — ein besonderes Nntersuchungszimmer eingerichtet worden. s. Berlin, 15. April. Das Komitee für Ferienkolonien jüdischer Kinder bringt soeben seinen 22. Jahresbericht für das Jahr 1906 zur Versendung, in dem von neuem die gedeihliche Entwicklung dieses segensreich wirkenden Vereins bestätigt wird. Die Zahl der Kolonien ist die gleiche geblieben wie in den Vorjahren. In Bad Elmen waren im eigenen Heim der Kolonie in der Eugen und Amalie Rosenstiel-Stiftung im Berichtsjahre 62 Mädchen und 31 Knaben untergebracht. Vom Jüdischen Kinder-Genesungsheiin wurden außerdem 161 Kinder ausgenommen und für Rechnung des Kindersparvereins verpflegt. In Misdroh lvaren in einem Mietshanse in zwei Etappen 90 Mädchen untergebracht. Für dieses Jahr ist in Misdroh eine Villa gemietet, um dort drei Kolonien von je 60—65 Kindern zu verpflegen. Der Verein hofft, schon bis zum Jahre 1908 in der Lage zu sein, über ein eigenes Grundstück an der Ostsee, das I den Namen Adolf Mayer-Ferienheiin tragen soll, berichten zu können. In Schreckshaide, in der Nähe von Züllichau, fanden 40 Knaben Erholung und Kräftigung. In zahlreichen Freistellen, die menschenfreundliche Familien in den Provinzen vier Wochen lang gewährten, konnte der Verein 71 Knaben und 57 Mädchen die Wohltat eines Sommeraufenthalts angedeihen lassen. Die große Zahl der Freistellen ist wiederum hauptsächlich den unermüdlichen Bemühungen der treuen Freunde der Ferienkolonie Herrn Oberkantor Sarasohn in Stettin und Herrn Lehrer Borchardt in Saniter zu danken. Auch das jüdische Kurhospital in Kolberg. verschiedene Benai Brith-Logen, der Frauenverein der Berliner Logen und zahlreiche Einzelpersonen haben sich durch Aufnahme von Pfleglingen oder durch anderweite Förderung der Zwecke des Vereins den Dank aller Menschenfreunde erworben. In pietätvollen Worten gedenkt der mit dem lebenswahren Bilde Adolf Mayers geschmückte Bericht des allzu frühen Hinscheidens dieses Begründers und langjährigen Vorsitzenden des Komitees, jenes edlen Menschenfreundes, der wie ein Vater für das leibliche Wohl und das seelische Gedeihen der Kolonisten gesorgt und sich in der Förderung der jüdischen Ferienkolonie ein unvergängliches Denkmal errichtet hat. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat den jüdischen Ferienkolonien in seinem Verwaltungsgebäude, Heidereutergasse 4/5, Arbeitsräume zur Verfügung gestellt, in denen vom 10 —30. April am Dienstag und Mittwoch von 4—0 llhr und am Freitag von 4—5 Uhr Anmeldungen von Kolonisten entgegengenounuen werden. -----Berlin, 15. April. Der Verein „Freunde der Taubstummen — Iedide Ilmiin" hielt gestern im Lokal des Brüdervereins, Kurfürstenstraße 115, seine ordentliche Generalversammlung ab. Unter den zahlreich erschienenen Mitgliedern befanden sich zum erstenmal seit dem Bestehen des Vereins auch mehrere Damen, darunter Frau Franziska Ginsberg, die alle mit regem Interesse den Verhandlungen folgten. Vor" Eingang in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende Geheimrat Dr. Boas mit tiefempfundenen Worten des kürzlich verstorbenen Vorstandsmitgliedes Joseph Fränkel, dessen Andenken die Anwesenden durch Erheben von den Sitzen ehrten. Hieraus berichtete Direktor M. Reich über die Tätigkeit des Vereins im abgelaufenen Geschäftsjahr. Die Zahl der Zöglinge beträgt 48, die in acht aufsteigenden Abteilungen in sechs gesonderten Klassen von den: Direktor, vier Lehrern, zwei Lehrerinnen und einer Erzieherin unterrichtet werden. Neben den üblichen Unterrichtsfächern und der religiösen Unterweisung wird auch dem Handfertigkeitsunterricht große Aufmerksamkeit zugewendet. Das Bestreben des Vereins ist darauf gerichtet, die in der Anstalt untergebrachten Zöglinge zu brauchbaren Menschen und gesinnungstreueu Juden zu