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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 192 (sequence 12)
Language
German
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192 auch für meine Eitelkeit war, ein bitterer Tropfen war doch dabei: Ich hatte ja niemanden dort, der sich an meinen' Triumphen erfreute. Dieses nagende Gefühl der Verlassenheit spornte mich aber nur noch mehr an, und als die zweite Prüfung noch besser ansfiel, da begann ich meine Mutter zu verstehen, was sie mit der „Erbschaft meines Vaters" gemeint hatte. J-rage ich mich heute, warum ich trotz meines körperlichen Elends so ehrgeizig vorwärtsstrebte, so finde ich den Grund gerade in meiner Armut und gänzlichen Verlassenheit. Niemand war da, mir;u helfen, meine Zukunft hing von mir allein ab, deshalb arbeitete ich so fieberhaft. Wenn mir auch in der Schule der Erfolg lächelte, so verdüsterte sich mein Leben doch, und harte Kümpfe in meiner Jugend schienen mich für noch härtere in späteren Zeiten vorbereiten zu sollen. Wegen meiner weltlichen oder vielmehr christlichen Studien verscherzte ich nämlich die Gunst meines jüdischen Gönners, der mir in seinein Hause eine Schlafstelle geivährt hatte, und ohne einen Pfennig in der Tasche mußte ich mich nach einem andern Unterkommen umsehen. Ebenso ging es mir mit meinen Mahlzeiten, und ans demselben Grunde war ich bald auf fünf, ja selbst auf vier Mahlzeiten die Woche beschränkt. Jüdische Wohltätigkeit vereinte sich nicht mit „christlichen" Studien, und nur bei den Aufgeklärteren unter den orthodoxen Inden gelvann Menschlichkeit und Mitleid mit dem halbverhungerten Knaben die Oberhand. Gebet. x'i e sa l a 21, ^t. 11 it. 12. Man rufet ',n mir aus Seir: „Hüter, ist die Nücht fcliier i)in;** Ter Hüter abex sprach: „Wenn der Morgen schau rammt, so wird es dach Nacht sein. Wenn ihr schon fraget, so werdet ihr dach wiederkaunneu und tviedcr fragen!" as drängt sich dort aus himmelweiten Fernen In fernem £ft im heil'gen Haus zusammen? Was steigt empor zur Nacht zu stillen Sternen? £ still! — Hier knien, was keine Zeit getötet, Vereint zerstreute Leid- und Glaubensbrüder! Tie Lande schweigen! Völker lauschen! Juda betet. Za, Juda betet, betet Klagelieder! Und wo vor Türre einst die Herzen stöhnten. Rauscht heute sacht ein Tränenregen nieder. Mit Kettenklang zum Thron des Allversöhnteu Reißt sich empor Israels laute Klage, Das grausam Neid und Hast und Bosheit höhnten. „Du unser Vater, treuer Hüter, sage, Wie lange sollen wir als Fremde schmachten, Mit diesem Heimweh, das nur in uns tragen? Soll ewig dieser Jammer uns umnachten? So steuerlos, im Nebel nie zu schauen, Wonach mit Fleist die ganzen Völker trachten; Soll ewig nur in weiter Ferne grauen Ter Tag, den die Propheten einst verheißen, Ter stille Sabbat ew'ger Friedensauen? Soll ewig unser Elend golden gleißen, Und unser Volk den Fluch der Vorzeit tragen? Soll uns're Kette nimmermehr zerreißen? £ Hüter, ist die Nacht schier hin? Wir wagen Noch einmal deines Kleides Saum zu fassen; Noch einmal dich zu bitten, dich zu fragen: Tu kannst uns doch nur lieben, kannst nicht hassen, £ sage doch, wann geht die Nacht zu Ende, Wann lverden deine Strafen von uns lassen? O sage doch, wann werden deine Hände Uns wieder segnen, wieder Ruhe schenken? Wann löschest Du des Völkerhasses Brände? O schau herab mit freundlichem Gedenken Du, deines Volkes treuer Hüter du! Las; sich der Nachtzeit trübe Schatten senken Und führ' uns endlich unsrem Morgen zu!" Und wie die Klagen durch deu Himmel brechen, Und wie die stillen Fremden betend lauschen, Ta ist's, als ob die heil'gen Stimmen sprechen:. „Und wenn auch gleich die Morgenwinde rauschen. Und wenn auch gleich in. aller Zonen Landen Die ganzen Völker Brudergrüße tauschen, So sollen dennoch deiner Nächte Banden Nicht von dir lassen, ob dir schrecklich grauet, Der Heimat süße Ruh' ist erst vorhanden, Wenn ich, der Hüter, deine Zeit erschauet!" „Du Hüter Israels, so Hab' Erbarmen, Und schenke deinem Volke Kraft und Glauben! Schwer ist der Knechtschaft Not! — Wehe uns Armen! Und wenn der Feinde Mengen wütend schnauben, Laß fest uns steh'n. zu aller Zeit vereinet! Durch keine £ual laß uns die Hoffnung rauben, Daß endlich uns der Morgenstern erscheinet, Und Gottes Macht wird uns're Ketten brechen! Laß Herr, dein Volk, das hier im Staube weinet, In seinem Elend dennoch gläubig sprechen: „Gelobt sei Zebaoth! Gelobt sei unser Gott! Halleluja! Amen!" U. 8. Sprechsasl. Sehr geehrter Redakteur! as Entrefilet, welches Sie in Ihrer Nummer vom 5. d. M. den Verhandlungen zwischen der Union Uibörnle Israelite in Paris mit dem Konsistorium gewidmet haben, entspricht nicht durchweg den Tatsachen, und Sie würden mich verpflichten, wenn Sie folgende Richtigstellung aufnähmen: Wir wünschten innerhalb der Pariser Gemeinde zu verbleiben und die Steuerbeiträge an die Kasse der Union des Associations Cultuelles zu leisten, daneben aber die Kosten unserer Gemeinschaft inklusive des Gehalts unseres Rabbiners allein zu tragen. Wir verlangten auch nicht, daß uns ein Tempel zur Ausübung unseres Kultus überlassen werde, sondern einfach der Saal des Konsistoriums. Die Union Uitwrale war von dem heißen Wunsche beseelt, zu einer zweckmäßigen Einigung mit dem Konsistorium zu gelangen und wir müssen loyal anerkennen, daß auch dieses von demselben Geiste des Entgegenkommens erfüllt lvar. Wenn wir trotz dieser friedlichen Bestrebungen, welche unzweifelhaft auf beiden Seiten existierten, zu einer Einigung nicht gelangt sind, so hat man den Grund hierfür nicht in den Umstand zu suchen, daß die Union Uidorale es abgelehnt hat, sich unter die Kontrolle des Konsistoriums zu stellen — denn über diesen Punkt würde man zu einer Einigung gelangt sein — sondern einzig und allein in der unnachgiebigen Haltung des Konsistoriums, welches um keinen Preis einen Sonutagsgottesdienst zulasseu wollte. Gerade diesen Punkt, welcher eines der lvichtigsten Prinzipien des Programms der Union Liberale ausmacht, gerade den. der die Begründung der Union rechtfertigen soll, konnte sie unmöglich preisgeben, wie es das Konsistorium verlangt hatte. Die Union Liberale Israelite wird ihren! Programm treu bleiben und sich als separate Kultusgemeinde konstituieren. Empfangen Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung, mit der ich zeichne als Ihr ergebener Paris, 8. April. ' Salvador Levi. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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