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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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191 sühlige Sondierung Poetischer Elemente in der bodenständigen Künstlernatur I. I. Davids, den antisemitische Literaturkritiker vom Schlage des berüchtigten Herrn Adolf Bartels mit Gewalt zum sogenannten „Nassejuden" stempeln, kann allerdings Eduard Kultes — in seiner Bescheidenheit nie geltend gemachten — Anspruch auf die Entdeckung und musterhafte literarische Verewigung des heute gemach verschwindenden Ghettos der nationalzerrissenen Landschaft Mähren nimmer beeinträchtigen. L. F. Mein Lebenskampf. Von Professor Hermann Vämbery. J£*iuuje Tage nach meiner Einsegnungsfeier wurde mein Bündel gepackt — ach, ein so kleines Bündel — es enthielt nur wenige Kleider und ein paar Bücher, und in der Däminerung verließ ich Duna Szerdahely, die Krücke unter dem Arm und meine Mutter nur zur Seite. Wir hofften, daß irgend ein Fuhrmann, der sein Korn nach Preßburg zum Wochenmarkt brachte, uns gegen einen Trunk oder vielleicht gar umsonst mitnehmen würde, und wir hatten auch richtig das erhoffte Glück. Doch waren die Wagen so voll beladen, daß >vir beide auf verschiedenen Fuhrwerken Platz nehmen mnßten. Meine Mutter richtete mir meinen Sitz zwischen den Säcken so bequem wie möglich, doch hörte ich sie trotzdem mehreremal während der Nacht, wie sie mir zurief, mich ja festzuhalten. Sv erreichte ich Preßburg an einem kühlen Herbstmorgen und verbrachte einige Tage in der Stadt, die mir durch die zweistöckigen Häuser mit den vielen Fenstern gewaltig imponierte. Wir setzten unsere Reise nach St. Georgen in einem Ochsenwagen fort, und so war mein bescheidener Einzug in das hübsche Städtchen ein passender Anfang für das armselige Leben, das ich dort führen sollte. Unser erster Gang war zu einem Jugendfreunde meines Vaters, der als frommer Mann und aus alter Freundschaft einwilligte, mir freie Wohnung zu geben. Gern tat er's nicht, denn ich wollte ja nicht den Talmud, sondern „christliche Wissenschaften" studieren! Was die „Wohnung" betrifft, so durfte ich meine Strohmatratze nachts irgendwo im Hause hinbreiten, und mitleidige Seelen gaben mir ein Kissen und eine Decke. Aber immerhin hatte ich nun ein Dach über mir, und nun zog meine Mutter befriedigt mit mir zum Direktor des Piaristengymnasiums, wo sie mich in die Liste für die Parva, die niedrigste Lateinklasse, einschreiben ließ. Beinah die Hälfte meines schwer verdienten Geldes wurde von der Einschreibuugsgebühr verschlungen, mit der anderen .Hälfte kaufte ich die Schulbücher und blieb also ohne einen Pfennig in der Tasche, als von meiner Beköstigung überhaupt noch nicht gesprochen worden war. Es war nämlich die Sache der jüdischen Gemeinde, für das Mittagessen der Talmudjünger ju sorgen. Mitleidige aber arme Leute boten mir eine Mahlzeit wöchentlich an, so daß ich an Wochentagen versorgt war, und am Sonnabend war ich der offizielle Gast der jüdischen Gemeinde. Der Kassierer gab mir dann nämlich einen Schein (Bolette) für eines der reicheren Mitglieder. Den hatte ich dann am Freitag der Frau des Hauses zu präsentieren und wurde oft eine sehr unliebsame Ueberraschung für sie. So kam ich denn wohl zu einer besseren Mahlzeit, doch ich aß sie mit dem bitteren Gefühl, ein lästiger Gast zu sein. Mit den andern Mahlzeiten >var es ein ganz anderes Ding. Sie wurden gern gegeben, aus Mitleid oder um meines verstorbenen Vaters willen, und schmeckten mir deshalb viel besser. Auch hatte diese Weise, 31t meinen Mahlzeiten zu gelangen, ihre komische Seite, denn es geschah wohl, daß ich die ganze Woche hindurch dasselbe Gericht vorgesetzt bekam. Zufällig war es gerade in allen Häusern mit mir zugleich „an der Reihe". Aber ich wurde'doch satt, bekam sogar manchmal ein Stück Brot für das Abendbrot geschenkt, und so lange meine Gönner mir wohlwollten, war ich sogar besser dran als zu Hause. Diese Gewohnheit des „Tische-Gebens", die selbst von den ärmsten Juden widerspruchslos ausgeübt wurde, zeigt so recht das Mitleid dieser vielgcschmühteu Gemeinde und auch ihren Wunsch, arme Studenten in ihrem Wissensdurst zu unterstützen. Der arme, verlassene, hartgedrückte Jude war doch immer bereit, sein schwer verdientes Stückchen Brot mit denen zu teilen, die nach dem Wissen verlangten, und das ist eilt herrlicher Zug ehrlicher Menschlichkeit und ein edles Bemühen, andern im Kampfe des Geistes weiter zu helfen. Also Kost und Logis hatte ich: nun konnte ich mich den Studien in der Parva mit ungeteilter Aufmerksamkeit widmen. Meine Mutter trennte sich nur schwer von mir; sie gab mir noch viele gute Lehren, wie ich mich am besten unter Fremden betragen sollte, steckte mir noch ein paar Pfennige und einen Sack Mehl zu, das mir zur Morgensuppe dienen sollte, küßte mich herzlich und ging davon. Dieser zweite Abschied wurde mir nicht so bitter schwer wie der erste; Gewohnheit stumpft uns ab, und hier fand ich junge Schulgefährten, mit denen ich mich befreundete, so daß ich bald recht gern zur Schule ging. Meine kindliche Frohnatur half mir über alle meine Entbehrungen hinweg, und so verstoß das erste Schuljahr mir sehr angenehm. Für mich, der ich schon ganze Bände voll Hebräisch übersetzt und auswendig gelernt hatte, war das Lateinische ein Kinderspiel. Obgleich auch ein bißchen Geschichte, Geographie und Rechnen gelehrt wurden, nahm doch das Lateinische den breitesten Raum ein und wehe dem, der es in der Schule nicht als Umgangssprache benutzte, er bekam eine barbarische Strafarbeit. Ein förmliches Spioniershstem hatte sich unter den Schülern ausgebildet und half dazu, das Lateinische znm täglichen Gebrauch zu befestigen. Welch Gegensatz zu dem heute in Ungarn als vollberechtigte Staatssprache eingeführtcn Ungarisch! Ebenso streng wurde die katholische Disziplin der Schule aufrecht erhalten. Lutheraner, Calvinisten nnd Juden waren gezwungen, das Veni sancte Spiritus, Ave Maria und Vaterunser zu wiederholen; wir durften die Klasse beim Katechismusunterricht nicht verlassen, wir durften am Freitag kein Fleisch in die Schule bringen, kurz, es wurde eine Art stillen Druckes auf uns ausgeübt, der doch eine seltsame Wirkung bei mir hatte, der ich früher ein so strenggläubiger Jude gewesen war und das Wort „Kreuz" nicht um die Welt ausgesprochen hätte. Meine Lehrer, ein zwanzigjähriger Piarist, Pater Siebenlist, ein Mann von seltener Herzensgüte, war von Anfang an gut zu mir. Er streichelte inich wohl mal, gab mir hin und wieder einen Apfel, nnd einmal, als ich mitten im Winter gar zu jämmerlich angezogen in die Schule kam, rief er mich in sein Zimmer und schenkte mir warme Kleider. Ans reiner Herzensgüte tat er das alles. Ich tat jedensalls mein Bestes in der Schule und konnte nur deshalb nicht Primus werden, weil ich doch die Katechismusstunden nicht teilte. Bei der ersten Schulprüfung wurde ich denn auch nicht wenig gelobt, und wie süß das

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