Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 ben Schriftsteller, der fortschrittliche Abgeordnete Dr. Julius Ofner den Manu und Idealisten. Es ist keineswegs der Fall, wie jener sonst kundige anonyme Nekrologist behauptet, daß sich Eduard Kulke „schon in jungen Jahren einen namhaften Ruf als Novellist" — als solcher hat er fein Bestes, jedenfalls Dauerhaftestes geleistet — erworben habe. Vielmehr ist er mit einem Buche, das seine skizzenartigen Erzählungen saminelte, nicht vor den» Jahre 1869 vor die Oeffentlichkeit getreten. Da aber bot er sogleich zwei: „Aus dem jüdischen Volksleben. Geschichten", und „Geschichten"; letztere waren ein Band der Veröffentlichungen des Instituts sür jüdische Literatur, herausgegeben von L.PHilippson, L. Herzfeld und A. M. Goldschmidt. In beiden bewährte er sich auf der Stelle als warmherziger Erzähler, als geschickter Schilderer aus dein eigenartigen deutsch-jüdischen Volksleben seines engeren Heimatlandes Mähren. Und so vertritt er in derjenigen Abzweigung der deutschen Dorfgeschichte, deren Männer man wohl als „Ghettopoeten" zusammengefaßt hat, die Besonderheit der mährischen Judengasse mit Glück. Nach und neben dem ausgezeichneten Leopold Kompert, dem mit ihm seit 1861 befreundeten Meister der Ghetto-Novelle (ihm, „dem Großmeister der Ghetto-Geschichten", ist ja auch Kultes Erstling von 1869 zugeeignet), rangiert Kulke, seinen Stoffen bm Stempel der Originalität aufdrückend, indem er cs ermöglicht, die Verschiedenheiten und charakteristischen Eigentümlichkeiten seines landschaftlichen Reviers zur Geltung kommen zu lassen. Er tritt damit ganz selbständig an die Seite L. Komperts, Aron Bernsteins, S. H. Mosenthals, K. E. Franzos', L. von Sacher-Masochs, dieses Quintetts, welches Wilhelm Goldbaum als die hauptsächlichen Verkörperer der Ghetto-Poesie verknüpft, obzwar das auf den dritten und auch den fünften nur sehr bedingt paßt. Daß für Kulke auf diesem mährischen Boden Josef Sann Tauber (1822—79), von dem da doch nur der reformatorische Tendenzroman „Die letzteil Juden. Verschollene Ghettomärchen" (1853) in Betracht käme, kein Vormann und Stoffnachbar ist, diese Annahme sollte man bei einem viel erprobten Spezialkenner wie Gustav Karpeles, zumal er selbst Mähre, nicht vermuten. Doch zeigt eben dies gerade, wie ivenig Kulte in der Ursprünglichkeit und sachlichen Unabhängigkeit seines dichterischen Schaffens durchschaut ist. Der poetische Wert dieser und verwandter Erzählungen, wie sie in Zeitschriften und dergleichen erschienen, ist nicht gering, sogar wenn man von den, lebhaften ethischen lind sozialen Reiz absehen wollte, der ihrem Milieu anhaftet. Um letzteren richtig zu beurteilen, erinnere man sich, daß ihre Handlung, teilweise selbst noch ihrUrsprung, vor der tatsächlichen Judenemanzipation Oesterreichs liegen. Als Typus und Muster haben Paul Heyse und L. Laistner in die Sammlung „Neuer Deutscher Novellenschatz", Band 21 (1887), die Erzählung „Der Kunstenmacher" ans Kultes Debüt-Buche ausgenommen urid zwar mit Laistners höchst liebevoller Beleuchtung dieses kleinen Kabinettstücks. Im Jahre 1871 hat Kulke auch einen Band „Geschichten aus dein jüdischen Volksleben für die israelitische Jugend" zusainmengestellt. Alles in allein freilich muß man das Votum des oben inehrfach angeführteil Wiener Nekrologisten, Eduard Kulke sei nächst Leopold Kompert der bedeutendste Ghettoschilderer, im Hinblick ans Aron Bernsteins zwei köstliche Posener Judennovellen „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" (beide 1860 gedruckt) sowie Karl Emil Franzos' leider durch den Tod 1903 abgerissene Galerie psychologisch tieferer und künstlerisch modernerer Individualitäten und Konfliktserzählungen der podolisch - galizischen Sphäre, einigermaßen dämpfen. Allerdings sagt Kompert selbst in seinem als Vorwort dienenden Geleitsbriese zu Kultes erstem Bande 1869. dieser Jünger feinte seinem Genre, dessen Verständnis und Auffassung am nächsten. Wie Eduard Kulke nun dies sein Sondergebiet Prosa epischer Darstellung keineswegs, wie man zu sagen Pflegt, ansschlachtet, sondern sofort dessen Anbau eingestellt hat, so bald ihm die ergiebigsten Thema erschöpft schienen, so versuchte er sich als Dramatiker schnell hintereinander mit de: Tragödie „Don Perez" (1874), dem biblischen Trauerspiel „Korah" (1873), dem Lustspiel „Der gefiederte Dieb' (1876), ohne, als da nachdrücklicher Erfolg ansblieb mit Gewalt solchen erzwingen zu wollen oder mich nur zu; Pflege der theatralischen Muse zurückzukehren. Und doch sint sie, namentlich das dramatische Erzeugnis spanischen Bodens tüchtige Belege bühnenpoetischer- Anlagen sowie dichterische: Sprach- und Jdeenkrast. Des ferneren sind aus Kultes vorsichtiger Feder hervorgegangen: die Novelle „Der Glasscherbentanz", 1881 in den „Wiener Signalen" und allein gedruckt, die Erzählung „Die schöne Haustererin" (1895), ein vereinzelte, Spätling des Alters, mit dem I. B. Brandeis die „Jüdisch, Universalbibliothek" eröffnete, die fesselnden und lehrreichen „Erinnerungen an Friedrich Hebbel" (1878), mit dein er seit 1861 in regem persönlichen und brieflicheir Verkehr gestanden hatte, endlich die anziehende Studie „Zur Entwicklungsgeschichte der Meinungen" (1891), die den sechzig jährigen Kritiker uns als philosophischen Kopf verriete, wenn wir das noch nicht voin Dichter Kulke wußten. All dies verlangt für den zu Unrecht fast vergessenen Literaten geziemend, Aufmerksamkeit und würdige Fortdauer seines ehrenvol erkämpften Rufes. Nachtrag: Inzwischen hat nun Prof. Dr. Ludwig Geige, in der Wiener „Neuen Freien Presse", Nr. 15076, einen kundigen unk seinsinnigen Essah über Eduard Kulke veröffentlicht. Dieser nimm auch aus dessen nachgelassenen „Künstlerroman ans dem Rinaseimentv „Ilm holder Frauen Gunst" Bezug, welchen Friedrich Krauß 100 (leicht ergänzt) herausgegebcn. Möge auch die von Krauß, dem viel bewährten Kenner jüdischen Volks- und Schrifttums, begonnen Gesamtausgabe der Kulkeschen Erzählungen den verdienten Nachruhn des Dichters fördern. Sechs Bünde liegen von zwölf bis jetzt schoi vor'). Diese Ausgrabung hebt einen Eingesargten, keinen Toten, zu den Lebendigen empor. Vor wenigen Monaten ist zu Wien der hochbegabte Schriftsteller Jakob Julius David gestorben, als guter Vierziger, viel zu früh sü> seine poetischen Leistungen, freilich aus langem Siechtum und bösen Kampf ums Dasein, aus dem Diesseits gegangen. Dieser ausgezeichnetoriginale Erzähler mag, wie vielerseits erst bei seinem Tode entdeck ivnrde, mancherlei fruchtbare Anregungen sür seine tiefsinnigen Nv Vellen- und Romanstoffe der Sphäre mährischen Kleinjudenlums ent lehnt oder unbewußt zu verdauken gehabt haben, wie ja sogar einig Nekrologe ihn, den gebürtigen Weißkirchener, direkt ans den mährischen Ghetto heranswachsen ließen. Doch alle diese fein ') (I. „Der Glasscherbentanz". „DieLichtanzünderin". II. „Eigen Haare". „Heimweh". III. „SchnurrigeKäuze",(43) „KnrzeErzählungen' IV. „Ein Gang ins Narrenhaus", „Das große Los". V. „Die Töpfe, scheibe", „Anna". VI. „Ein Auferstandener", „Ein Jahrmarkt", „Ji Himmel", „Masel-tow", „Kohns Vorrecht", „Eine Notlüge".) Dies Werke in gediegenstem Gewände überaus würdig seit 1906 vor Publikum zu bringen, ist das große Verdienst der Deutschen Verlag aktiengesellschast zu Leipzig, derselben, die auch die Drucklegung vo Eduard Knlkes weitausgreifender originaler „Kritik der Philosoph des Schönen", mit Geleitbriefen von Pros. Dr. Ernst Mach und Pro Dr. Friedrich Jodl, herausgegeben von Dr. Friedrich S. Krauß (1906 ausgeführt hat. Die erstaunliche Serie der „Erzählende Schriften" E. Kulkes in den voraussichtlich zwölf Bänden diese Unternehmens müssen bei den Freunden jüdischer Literatur wärmst Aufmerksamkeit und höchstes Lob finden.