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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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188 Namen nach oder persönlich gut bekannt. Unter ihnen findet sich nämlich ein Simon Neuburg, später als Christ Johann Georg Neuburg, der ein Korrespondent Goethes war und durch seine Verheiratung mit einem Mädchen aus der Familie Melber Goethes Verwandter wurde; unter ihnen ein Salomon Friedrich Stiebet, später gleichfalls getauft, ein guter Freund Börnes. der aus dessen vertrauten Briefen bekannt ist; Heinrich Schwarzschild, der Großvater meiner Frau; endlich Josef Wallach, der die Reihe schließt, einer der gebildetsten Menschen, die ich kannte und dessen Freundschaft ich mich rühme, ein scharfsinniger Denker, eine vornehme Natur, freilich mehr zum Schriftsteller als zum Arzt geeignet. Lehrreich ist auch das Kapitel über die Hofdienste der Juden. Hierbei handelt es sich natürlich nicht um großartige Hofstellungen, sondern meist um Titel und Amt eines Hosjnden oder Hoffaktors. Diese Tätigkeit und Würde wird manchmal präzisiert als „Pächter des Salzmonopols", „Lotteriekollekteur" und ähnliches. Die Auftraggeber dieser Würdenträger sind meist die kleineren deutschen Fürstell der näheren Umgebung Frankfurts, aber auch gar nicht selten der Kaiser, einmal' auch der König vor: Preußen; literarisch am interessantesten ist die Tatsache, daß am 2-"». November 1788 Moses Snßmann Rüsselsheim zürn Hofagenten des Herzogs Karl Arrgust von Weimar ernannt wurde, ein Faktum, das bisher unbekannt war und dem rnan einmal etwas näher nachgeherr ruüßte. Kulturhistorischer Wert, der über das Kuriositätenhafte hinausgeht, ist ferner der Aneinanderreihung der Standeserhöhungen der Frarrkfrrrter Juden nicht abzusprechen. Darunter werden Adelsverleihungen verstanden, die den Familien Rothschild, Erlanger, Schnapper, Reinach, Goldschmidt, Weißweiler, Stiebel, Königswarter, Gerson, Steril u. a. hauptsächlich im Laufe des 19. Jahrhunderts erteilt worden sind. In einem weiteren Kapitel werden Steirern und Abgaben zusnmmengestellt, im ganzen 34, natürlich nicht alle alls derselben Periode. Neben den hauptsächlichen: Stättigkeitsabgaben und Schutzgeld, gab es Krönungskostengelder, Verehrungen all die Bürgeruleister, Neujahrsgelder an die Schöffen, Nachtgelder, die für das Beherbergerr fremder Jllden zu entrichten lvaren, Studentengeld, d. h. eine Gebühr für die Erlaubnis, Studerrten, wohl fremde Kostgänger, zu halten, Kappenzins, worunter eine Abgabe für die Befreiung vom Kappentragen verstanden wird, Juden-Boleten-Erlaubnisgebühr für das Verlassen der Judengasse. Mit den angeführtell Geldern ist natürlich die Masse der Abgaben ilicht vollständig; aus allem geht hervor, daß die Stadt Frankfurt fast ebenso erfinderisch war, von ihren Juden Geld zu erpressen, wie die geldbedürftigen kleinen und großen Fürsten. Die Vermögen, die zll besteuern waren, sind in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Teil schon recht beträchtlich.? Im ganzen sind es 12 Familien, die mehr als loo ooO ®itlben — nicht Jahreseinkommen, sondern Vermögell — zu versteuern batten. Das größte Vernlögen ist das der Familie Speyer, das 604 oOO Gulden betrug; die Familie Rothschild rangierte damals erst als 11., also als vorletzte, mit dem bescheidenen Kapital voll 107 000 Gulden. Sehr instruktiv ist die Bevölkerungsberechnling, die von dem Verfasser in scharfsinniger Weise festgestellt wird und ihn zll Resultatell führt, die mit denen früherer Forscher in Widersprllch stehen. Besondere Beachtung verdient der von ihm aufgestellte Satz: „Ich halte es für erwiesen, daß die Gesnndheits-? Verhältnisse in der engen, dicht bevölkerten Jlldengaffe lind, die dementsprechenden Sterblichkeitsziffern zu damaliger Zeit feine ungünstigen, ja sogar bessere wie bei. der übrigen christlichen Bevölkerung der Stadt gewesen süld." Dieser Satz erlangt dadurch eine Bestätigung, daß, wahrend von der christlichen Bevölkerung jährlich 28,9 vom Tauselld starben, bei den Juden die Sterblichkeitsziffer nur 20,7 betrug. Die Bevölkerung von 1640 bis 1680 schwankte zwischen 1800 und 1800 Seelen. Jnl 18. Jahrhundert gab es durchschnittlich 3000; die Judeil lnachten zu allen Zeiten ungefähr den zehnten Teil der Bevölkerung alls. Am kürzesten muß ich über den ausführlichsten Abschllitt des Werkes hinweggehen: das alphabetische Verzeichnis der 600 (genauer 620) jüdischen Familien. Das Verzeichnis begillnt mit dem Namen Adler Ulld schließt mit dem Nanlen Zynonge; der letztere nicht etwa aus dem Auslande stammend, sondern wahrscheinlich verbildet aus dem Oertchen Zeiningen bei Rheinfelden. Erwähnellswert ist, daß der uns so ehrwürdige Name Zllnz in Frankfurt sehr häufig vertreten ist; er kommt schon im Jahre 1490 vor und stanunt von der niederrheinischen Stadt Zons bei Neuß. Diese große Familienzusammenstellung, die etwa zwei Drittel des gallzen Werkes über 300 Seiten einnimmt, ist eine ungeulein fleißige Arbeit, die natürlich in allen Einzelheiten von keinem nachgeprüft werden kann, da das ungeheure Material, über das der Verfasser gebietet, keinem anderen in ähnlicher Vollständigkeit vor-; liegen kanli. Die Artikel sind so kllrz wie möglich gefaßt: der Ursprling der betreffenden Familien (des Stamnles) wird angegeben, Wohnung lind Beruf der Stammeltern, Verzweigung, Aufzählung der einzelnen Firmen usw.; bei den Stammen werden naturgemäß die Söhne, llicht die Töchter angegeben; nur gelegentlich, durchaus nicht regelmäßig, werdell die Ehefrauen genannt, so daß manche berühmten Frauen, zum Beispiel die gerade in letzter Zeit viel genannte Freundin Börnes, Jeanette Wohl-Strauß, weder bei der Nennung ihres Vaters, noch ihres erstell Mannes (Otten-Opperlheimer), noch endlich bei der Nennung des zweiten Gatten, Salomoll Strauß, zll finden ist. Nur ein paar Einzelheiten können hervorgehoben werden. Besonders lehrreich ist der Artikel Rothschild. Der Stammvater der Fanlilie, Isaak Rothschild, verheiratete sich 1567. Durch das ganze 16. und 17. Jahrhundert hindurch war die ziemlich weit verzweigte Familie sehr wellig begütert; Wohl-! staud, nicht Reichtllm wurde durch Mayer Amschel Rothschild gegründet, der, 1744 geboren, mit dreizehll Jahren als arnles Waisenküld sein Glück zu suchen begann. Manche Sagen, die sich um ihn llnd seine Tätigkeit gewoben habell, werden mitleidlos zerstört, vor allem die weitverbreitete, schon oben zurückgewiesene Meinrrng, daß er bereits im 18. Jahrhrnrdert seine Familie zu einer besonders reichen, ja geradezu der reichsten gemacht habe. Dies gelang vielmehr erst seinem ältesten Sohne Nathan Mayer. Erst dieser, der von England aus als Warendann als Münzhändler große Geschäfte unternahm — an ihn, nicht an ben Vater wurden die Gelder des Kurfürsten von Hessen abgeliefert und voll ihm treu bewahrt und vermehrt eröffnet die Reihe der Krösusse dieses Namens. — Für meine augenblicklichen Studiell war mir der Artikel: Baruch (Börne) besonders lehrreich. Aus dem Artikel Geiger, der mir natürlich eill gallz besonderes Interesse erweckte, hebe ich hervor, daß die Familie meines Vaters etwa seit dem Jahre 1600 in Frankfurt ansässig ist, so daß ich lllich, wenn auch nicht zu dem ältesten Frankfurter Adel gehörend, doch rühmen darf, eine ganz allständige dreihlindertjährige deutsche Familientradition zll besitzen. Das Werk, dem die vorstehende Besprechung galt, verdient die höchste Anerkennung. Es ist möglich, daß ein Frankfurter Lokalhistoriker oder ein Spezialforscher jüdischer Namen und Verhältnisse gar manche Stellen aufweist, in denen den Verfasser, einen vielbeschäftigten Juristen, die Kombinationslust

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