Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228761--63457-3297350- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
187 nicht nach ihre» Geschlechtsnamen, sondern nach den von ihnen bewohnten Häusern aufführten und die Unterscheidung dieser oft sehr ähnlich lautenden Bezeichnungen keineswegs leicht war. Von übrigen jüdischen Quellen kommen die hebräischen Grabinschriften, die Beerdigungs- und Memorbücher in Betracht. Der Verfasser hat sich mit jüdischen Quellen nicht begnügt, sondern außer diesen vielfach die Akten des Stadtarchivs benutzt und auch ein freilich erst mit dem Jahre 1840 anfangendes Hypvthekenbuch des Amtsgerichts zu Rate gezogen. Für den Historiker ist es ungemein interessant, zu bemerken, aus wieviel Nachbarreichen und naheliegenden Städten sich die Frankfurter Judenschaft rekrutiert und wie weit, zum Teil in selbst sehr entfernte Länder, ja Erdteile ihre Verzweigungen sich erstrecken. Das wichtigste Resultat der einschlägigen Untersuchungen ist vielleicht das, daß jüdische Familien, die sich bis ans den heutigen Tag erhalten haben, an Alter und langem Bestand fast mit christlichen Familien wetteifern können, daß unter den 208 jüdischen Stämmen, die sich bis 1550 in Frankfurt niedergelassen haben, sich mehr als zwanzig befinden, und darunter gerade die am weitesten verzweigten und zahlreichsten und durch Ansehen und Reichtum bedeutendsten, die noch heute bestehen und noch jetzt einen sehr wichtigen Teil der Gemeinde bilden. Ein nicht minder wichtiges Resultat ist das zweite, daß diesen jüdischen Stämmen, die von dem Verfasser auf 620 berechnet werden und die natürlich weit zahlreicher dadurch erscheinen, daß sie fast alle in verschiedene Verzweigungen zerfallen, deren jede ziemlich zahlreich ist, fast durchaus deutsch, und zwar zumeist süddeutsch sind. Die Herkunftsorte lassen sich, so kann man nach den Ausführungen und mit den Worten des Verfassers sagen, in drei große Einwanderungsgebiete zufammenfassen, von denen das eine durch die Staaten der vier rheinischen Kurfürsten (Pfalz, Mainz, Trier und Köln), das zweite durch das alte Hessenland mit Nassau und das dritte durch Franken und Schwaben gebildet wird. Aus dem erstgenannten Gebiet entstammen nicht weniger wie 186 Familien, also 30 Prozent, aus dem zweiten 160 (26 Prozent) und aus dem dritten 156 Familien (25 Prozent), insgesamt also rund 500 Familien, gleich 80 Prozent. Das übrig bleibende einzige Fünftel entstammt nun aber nicht etwa dem Auslande, sondern zuin allergrößten Teile den rein deutschen Ländern, wie Baden, Elsaß-Lothringen, Westfalen, Hannover und Sachsen. Dagegen ist das Stammland für so viele östliche deutsche Gemeinden, Galizien (zusammen mit Schlesien, Böhmen und Mähren), mit höchstens 4 Prozent vertreten. Daher kann man in der Tat j die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung Frankfurts nicht nur als eine außerordentlich einheitliche, sondern man kann sie geradezu als eine ausschließlich deutsche bezeichnen. Denn auch die vollkommen außerdeutschen Länder haben trotz der früh bestehenden Jnternativnalität Frankfurts einen sehr geringen Beitrag zu der dortigen jüdischen Bevölkerung geliefert. Aus den Niederlanden stammen sieben, aus Italien drei, aus der Schweiz und Palästina je zwei, aus Luxemburg, England, Dänemark und Rußland je eine Familie. Ein derartig großes Werk, wie das vorliegende, läßt sich natürlich nicht vollständig analysieren; auch ist hier nicht der Ort zu einer ins einzelne gehenden Kritik. Das Werk ist zum eifrigen Studium bestimmt, soll und wird als Quelle reicher Belehrung dienen. Nur um denen, die es benutzen und sich anfchaffen wollen — und gerade die Reichen unter unseren Glaubensgenossen seien recht dringend zum Erwerbe des wertvollen, allerdings nicht billigen Werkes aufgefvrdert, da dies die einzige Art ist, in der man dem Verfasser für seine außerordentliche Mühe danken kann — eine Andeutung zu geben von dem, was sie zu erwarten haben, sei auf einige wenige Teile des vorzüglich ausgestatteten und vornehmen Quartanten etwas näher eingegangen. In dem Zeitraum von ca. 1220 an, also fünf Vierteljahrhunderte vor dem Zeitraum, in dem unser Buch beginnt, werden 104 Rabbiner aufgeführt. Von diesen wurden zwei bei dein großen Morden 1241 erschlagen. Mehrere unter den Genannten sind zugleich Vorsänger, einer wird als Schulmeister, ein paar andere nebenbei als Kaufleute bezeichnet. Allerdings muß der Herausgeber bei einzelnen bemerken, daß sie vielleicht identisch seien mit anderen von ihm aufgeführten, so daß sich die Zahl etwas, wenn auch nicht beträchtlich, vermindern dürfte; bei manchen wird von dem Schriftsteller selbst zwar nicht die Frankfurter Abstanunnng, wohl aber die dortige Wirksamkeit in Zweifel gezogen. Unter denen der ersten, mehrere Jahrhunderte umfassenden Reihe sind keine Zelebritäten ersten Ranges,aber tüchtige Männer. Bei einemheißt es „sehrreich", eine Bezeichnung, die freilich nicht für allzu viel Rabbiner zutreffend genannt werden kann; ein anderer wird, jedenfalls nach der Erabschrift, als „Krone der Zeitgenossen, eine Leuchte für die Augen der ganzen Diaspora" bezeichnet, ein Dritter gewiß nach derselben Quelle „ein Fürst der Lehre, von dem Licht ansstrahlte", genannt. Unter den zehn Rabbinern der zweiten Periode 1711 bis 1849 werden als die letzten beiden Salvmon Abraham Trier und Leopold Stein genannt. In einem Anhang über Rabbiner wird die „Klaus" behandelt, der wohl etwas zu viel Ehre angetan wird, wenn sie als „das große Forschungshaus" bezeichnet, ja geradezu als „Hochschule" tituliert wird. Denn für den Kundigen braucht nicht erst darauf hingewiesen zu werden, daß alle die sogenannten Rabbiner der Periode bis 1711 nicht Rabbiner im modernen Sinne, das heißt, daß sie nicht die geistigen Leiter und Führer der Gemeinde, selbst nach dem Begriffe vergangener Zeiten, waren; sonst wäre diese Zahl von zusammen 112 in noch nicht ganz 500 Jahren kaum zu erklären, denn es bliebe ja nur für jeden eine Wirknngszeit von viereinhalb Jahren übrig. Es waren vielmehr vielfach gelehrte Männer, von denen die meisten gar keine öffentliche Wirksainkeit übten, sondern nur den Rabbititel führten und sich dessen würdig erwiesen, weil sie entweder gelegentlich, bisweilen auch ständig, unterrichteten oder auch nur einfach ihre Tage mit „Lernen" zubrachten. Nach den Rabbinern werden in einem besonderen Kapitel > die Aerzte zusammengestellt. Auffallenderweise gibt es unendlich viel weniger Heilkundige als Rabbiner: in dem Zeitraum von 1353 bis 1848 nur 69, gewiß eine für fünf Jahrhunderte recht geringe Zahl. Wie einzelne Rabbiner, so stammen auch einige Aerzte aus dem Auslande, die Rabbiner mehr aus dem Osten, die Aerzte vielfach aus Italien, einer sogar aus Kvnstantinopel. Unter den Aerzten stammt eine ganze Generation von Salomon Bing, dem Schwiegersohn des Salvmon beu Elia Delniedigo. Es sind nicht weniger als vier Söhne des Erstgenannten wie der Vater Aerzte gewesen, von denen einer freilich später Rabbiner wurde, — eine in jenen Zeiten nicht seltene Komplikation; zuletzt wurde er Oberrabbiner zu Mainz. Während mir (ein Referent darf wohl auch einmal im eigenen Namen sprechen) die Rabbiner mit Ausnahme von Leopold Stein gänzlich unbekannt sind — mit letzterem, obgleich er aus einem Freund meines Vaters sein Feind geworden war, hatte ich einmal in späteren Jahren eine sehr merkwürdige Unterredung — sind mir manche Aerzte, obwohl sie alle einer längst vergangenen Generation angehören, dem