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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-19 · Heft 16 (19.4.1907) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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-186 alles geschieht, „damit es keineur jüdischen Kinde während des schulpflichtigen Alters an dem erforderlichen Religionsunterricht fehle". Weniger fürsorglich verhält sich der Staat gegenüber der religiösen Erziehung der der Schulpflicht entwachsenen Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten. Wie groß der vielbeklagte Anteil des elterlichen Jndifferentismns an der öfters sogar vom Standpunkt der allgemeineil Bildung ans tadelnswerten Ignoranz in religiösen Dingen auf seiten unserer „besseren" Jugend ist, mag hier unerörtert bleiben. Wir wollen uns mit einem anderen rrngünstigen Faktor beschäftigen, deni Lehrermangel. Nicht überall sind akademisch gebildete Männer in genügender Zahl vorhanden, um den Unterricht in den mittleren und oberen Klassen 51t erteilen. Mit wenigen Ausnahmen liegt dieses Fach in den Händen der Theologen, doch nicht immer ist an Orten, wo es höhere Lehranstalten mit jüdischen Zöglingen gibt, der Sitz eines Rabbiners. Aber auch dort, wo ein solcher amtiert, ist er vielfach mit Amtsgeschäften so überlastet, daß es ihm schwer füllt, der schwierigen Aufgabe das notige Maß von Arbeitskraft zu widmen. Wo rinn ans dem einen oder anderen Grunde eine Lücke oder auch nur Unznlänglichkeit vorhanden ist, müßten unsere jüdischen Lehrer und Lehrerinnen eintreten, wie ja bei den Protestanten der Religionsunterricht auch an höheren Lehranstalten von den an der Anstalt selbst wirkenden Lehrkräften erteilt wird. Um einen Kompetenzstreit: ob Rabbiner, ob Oberlehrer handelt es sich dabei ganz und gar nicht. Zweifellos besitzt der erstere den größeren Schatz von Kenntnissen auf dem fraglichen Gebiete, während andererseits der Oberlehrer trotz alleranerkennenswerten Bemühungen der Rabbiner-Bildungsanstalten, ihren Hörern auch pädagogische Anleitung zu geben, zweifellos die größere praktische Uebung im Unterrichtswesen voraus hat. Soweit es sich um die für den Lehrerfolg wichtigste Frage, nämlich die pädagogische Begabung handelt, so ist diese Gottesgabe keinem Stande besonders verliehen, wie sie denn auch bisweilen gerade den größten Gelehrten versagt ist, seien es nun Theologen oder Philologen. Immerhin könnten sich die Pädagogen der: ihrer Autorität so günstigen Umstand ihrer Zugehörigkeit zum Lehrerkollegium sowie ihre Vertrautheit mit den speziellen Eigentümlichkeiten des Schulorganismus, in dem sie wirken, zwei für den Unterrichtserfolg beachtenswerte Faktoren, auf die Kreditseite schreiben. Tie Zahl der jüdischen Lehrer an höherer: Lehranstalten, die sich mit Erteilung des Religionsunterrichts befassen, ist bisher eine kleine. Es hat lange Zeit an Gelegenheit gefehlt, die vielfach nicht ausreichender: religionswissenschaftlichen Fachkenntnisse der Kandidaten des höherer: Lehramts zu erweiterrr. Seit einigen Jahren ist aber Abhilfe geschaffen. Der Deutsch-Israelitische G e rn ei n d e b vt r: d veranstaltet irr Berlin Vorlesungskurse, die von den Herren Rabbinern Tr. Blurnenthal,Dr. Galliner und Dr. Warschauer sowie von Herrn Tr. Elbogen, Dozent arr der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, über alle einschlägigen Disziplinen kostenlos gehalten werden. Zur Teilnahme sind Universitätsstudierende, Kandidaten des höheren Lehramts sowie auch solche Lehrerinnen, deren Vorkenntnisse es ihnen ermöglichen, erfolgreich den Kursen beizuwohnen, zugelassen. Jetzt beginnt ein neues Semester. Es wäre zu wünschen, daß diese vortreffliche Gelegenheit von recht viele:: ausgenützt würde. Wegen Auskunft wolle:: sich die Interessenten an Rabbiner Tr. Blumenthal, Berlin N., Monbijouplatz 4 wenden. Stammbuch brr franbfurtrr Juden. Von Professor Ludwig Geiger. jüdische Zeitungen und einzelne wenige politisch-freisinnig? Blätter führen mit Recht genau Buch über ' Ve unglimpfungen und Beeinträchtigungen, die den Juden angeta 1 werden; fast mit noch größerem Recht muß ein jüdisches Blo t Notiz nehmen von Ehrungen, die den Juden zuteil werde . Eine solche Ehrung ist das Buch, dein die nachfolgenden Zeilen gelten. Sein Verfassers ein Frankfurter christlicher Recht - anwalt, der die Stunden, die ihm sein Beruf freilüs t, historischen Studien zuwendet und dessen vor einiger A t erschienenes „Frankfurter Bürgerbuch" verdienten Beist;i gefunden hat, widmet sein Werk, die Frucht zehnjährig l Arbeit, demAndenken zweier „früh verstorbenen lieben Kollegen , unter denen Julius Plotke auch in weiteren Kreisen bekan: t ist. Zur Eharakteristik der ihn beseelenden Gesinnung möge: folgende Sätze aus seiner Einleitung gelten: „Von allen jüdischen Gemeinden des heutigen Deutschland fa 1 1 sich keine an altem Ansehen mit der Frankfurter messen. Jh - Mitglieder haben sich seit Generationen in Sitte nnd Anschauung! weise mit der christlichen Bevölkerung verschmolzen und nehmen ( \ I dem Nus, den die hiesige Handelswelt wegen ihrer Tätigkeit, Necl : sch affen heit und Vorsicht genießt, vollen Anteil. Christ oder Int , I wer fragt hier danach? Weder besteht auf der einen Seite A ueigung, noch auf der anderen Seite Gereiztheit." Schon in der Vorbemerkung weist der Verfasser die A j sicht als falsch zurück, daß die Juden sich iinmer nüt Tröd l 1 und Wucher abgegeben Hütten, führt auf Grund des ihm vo! liegenden Materials aus, daß es im 15. und 16. Jahrhunde t : unter den Frankfurter Juden bereits Großkaufleute gegeb-n! habe und bemerkt über jüdische Handwerker folgendes: „Wir finden in der Zeit von 1490 bis 1530 hier eiu;i I Schwarzfärber, einen Glaser, einen Zeugmacher und einen Go' - | schmied. Bei einer im Jahre 1495 zu Münster abgehaltenen jüdisch 1 Hochzeit befanden sich unter den Gästen ein Schwertfeger, ein Wür' -! macher m:d drei Mühlenmacher." Reben den Pferdehändlern, A s kleiderhändlern, die allerdings schon im 14. nnd 15. Jahrhnnix l j uns begegnen, gab es aber schon früh Höherstrebende und grüße e : Betriebe unterhaltende Kaufleute. Der Verfasser sagt darüber: „N t; der zunehmenden Zahl und Sicherheit der Gemeinde hielt die wi - > schaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ihrer Mitglieder gleich 11 | Schritt. Neben kleinen Trödlern nnd Pfandleihern gab es bedeuten c > Kaufleute und Kapitalisten, neben den: geringen, ungebildeten Ma. u I reiche nnd vornehme Leute. Eine herrschende Kaste, ein jüdisch > | Patriziat kam auf, welches die ganze Gemeindeverwaltung beherrscl e j und das Emporkommen anderer Familien nach Kräften zu verhinde l ' suchte. Ich denke hierbei namentlich an die Familie Kann, geg :i . derer: Uebermacht sich z:vei regelrechte Ansstände gerichtet haben."! Das Werk ist aber keine Geschichtserzählung, sondern ei e! aktenmäßige Zusammenstellung. Der kurze Titel, der dier! Abhandlung vorangestellt ist, ist freilich geeignet, Mißverstür ' i niffe zu erwecken. Unter einem Stammbuch versteht man; i wohnlich ein Sammelbuch schwärmerischer Mädchen ot 1 eifriger Jünglinge, die nach Berühmtheiten jagen; hier dageg u ist ein Stammesbuch gemeint, ein Buch der Stänune, d > heißt ein alphabetisches Verzeichnis der Juden nach ih: u Stämmen oder Familien. Be: der Eigenart der jüdisck n Quellen war die Arbeit sehr schwierig. Benutzt wurden if Gemeindebücher, die aber erst mit dem Jahre 1817 beginn 1, die Verzeichnisse der jüdischen Steuerzahler, deren Angal u sehr schwer zu gebrauchen waren, weil sie die Eingeschätzh Geschichtliche Mitteilungen über die Frankfurter jüdisi -u Familien von 1349 bis 1849, nebst einem Plane der Judengasse,: 11 Dr. Alexander Dietz. Frankfurt a. M. Verlag von I. St. Go r. XII und 481 Seiten Quartformat. 1907.

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