Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
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minister Dr. v. Htudt in dieser Frage ruhig und nüchtern sprach und eine Haltung einnahm, der jeder objektiv Denkende zustimmen konnte. Er legte dar, daß die Zahl der in Preußen studierenden Ausländer überschätzt werde, daß namentlich die Zahl der Russen, die in Preußen studierten, geringer sei, als man gewöhnlich annehme. Aber während der Minister wie der konservative Abgeordnete immer nur von den Ausländern im allgelneinen sprachen, war es dem nationalliberalen Herrn Dr. Beniner Vorbehalten, die bestimmte Note in die Verhandlung hineinzutragen. Er sagte u. a.: „Es gibt recht viele Studenten aus Rußland, Galizien und anderen Kultnrstaaten, die nicht die erforderliche Vorbildung haben und die kraft der ihnen angeborenen Charaktereigenschaft sich stets in den Vordergrund zu drängen gewußt haben. Hier muß Abhilfe geschaffen werden." Es wäre interessant, festzustellen, ob Herr Beniner diese Aeußerung im Namen seiner Partei gemacht hat. 9 Ueber das seiner Zeit vielbeliebte Thema von den „christlichen Wirtsvölkern" bringt der „Plutus" folgende interessante Betrachtungen: Anläßlich der rumänischen Bauernunruhen wird in der „Kreuz- Zeitung" ein Artikel der „National-Zeitung" zitiert, in dem das revolutionäre Vorgehen der rumänischen Bauern ans den Pachtwucher griechischer und jüdischer Großpächter in Rumänien zurückgeführt wird. Tie „Kreuz-Zeitung" kommt auf Grund dieser Behauptung zu dem generalisierenden Schluß, daß „das Judentunr in seiner Gesamtheit keinen Respekt vor dem nationalen Interesse seiner Wirtsvölker hat, und daß es da, wo es zur Macht gelangt, ruinierend wirkt". Ebenso generell, wie sie aufgestellt wird, diese Behauptung widerlegen wollen, hieße eine Geschichte der Wirtschaftsentwicklung '»fast aller Kulturvölker unter dem Gesichtspunkt der jüdischen Triebkräfte schreiben, die den Gang dieser Entwicklung beeinflußten. Doch auch ohne solch weitschweifige Beweisführung ist jedem objektiven und gründlichen Betrachter ökonomischer Dinge ohne weiteres klar, welche Rolle das Judentunr trotz enormer Gesetzeserschwerungen bei dem Aufbau der modernen Wirtschaftsverfassung gespielt hat. Er weiß, wie von ihm der Detailhandel organisiert wurde, wie der Geldverkehr — sehr häufig die Notquelle arischer Monarchen — von Land zu Land durch Juden geleitet wurde, und wie der jüdische (keineswegs erbliche) Geschäftsgeist das Kapital zu Welthandelszwecken und damit auch zur Befruchtung nationaler Produktion mobilisiert hat. Man wird aus solcher Kenntnis nur dann ein Gehässigkeitsgefühl herleiten können, wenn man den Gang der Wirtschaft nicht versteht. Wenn man die Börse, das vorletzte Resultat jüdischen Kreditsinns, einen Giftbaum nennt und sich in spaßiger Inkonsequenz zum Netter eines Mittelstandes machen will, in dem das Embryonentum jüdischen Handelstalents noch sein rückständiges Wesen treibt. Aber dieses Schaustück hat uns die „Kreuz-Zeitung" ja schon häufiger vorgespielt. So bei früheren rumänischen Unruhen, bei russischen Pogromen usw. Es fehlen ihr nur stets die konkreten Beweise, und da diesmal ihre generelle Anklage sich wieder auf rumänische Verhältnisse stützt, muß man doch mal untersuchen, wie es denn eigentlich um die jüdische „Dekomposition" der rumänischen Volkswirtschaft und speziell der Landwirtschaft steht. In Rumänien leben nicht viel über 250000 Juden. Hiervon sind eine ganze Anzahl, etwa 30 000, Handwerker. Ein weiterer großer Teil besteht aus Handelsleuten. Es sind dies ungefähr 35% aller rumänischen Kaufleute. Auch an der Industrie sind sie nicht unbeträchtlich beteiligt. Run hat zwar Rumänien keinen ausgedehnten Handel und keine imponierende Industrie, aber soweit beide vorhanden sind, verdanken sie in der Hauptsache Juden ihre Existenz. Denn jüdische Händler haben einst die Handelsverbindung zwischen dem damals rein agrarischen Rumänien und dem Westen geschaffen. Die Bezeichnung „Lipscani", d. i. Leipziger, für den kleineren Tuchkanfmann deutet darauf hin, daß auch in Rumänien, wie fast überall, der Jude handelsverbiudende und schaffende Element gewesen ist. Nachde hier der Boden vorbereitet war, kamen einheimische Interessenten un wendeten sich kaufmännischen Berufen zu. Diesen Uebergang such; man den Landeskindern durch rabiate Gesetze gegen den jüdische Handel, wie das Handelskammergesetz, zu erleichtern. Die Steue; beitrüge der Juden zum Staatssäckel nahm man jedoch auch in ehöhten Quoten — ohne Gesetzeseinschränkung. Die Folge dies liebenswürdigen Politik war ein Aufschwung des rumänischen Kar mannsstandes und ein Abnehmen des jüdischen. Wenn man dm , den Handel der Industrie Absatzmöglichkeiten geschaffen hat, sv h i man auch das Recht, seine Kapitalien in der Industrie selbst zu i - vestieren. Auch dieser Versuch ist den Juden nur teilweise gegli'n . Noch im Jahre 1903 brachte man einen Gesetzentwurf ein, in de? der jüdische Fabrikant aufs äußerste beschränkt, der rumänische d gegen mit Prämien und Subventionen bedacht wurde. Solche Gese entwürfe kann man in Rumänien um so leichter einbringen, als dt rumänische Gesetz den dortigen Juden als Ausländer behandelt; ei hübscher Kommentar zu der Bezeichnung des Rumänenvolkes a eines „Wirtsvolkes" den Juden, gegenüber. In einem Artikel d. „Frankfurter Zeitung" vom 5. Dezember 1903 finde ich einige rea interessante, auf authentische Quellen gegründete Mitteilungen übt die Stellung der Juden im rumänischen Bankfach. Danach sind d ältesten Bankhäuser in Bukarest und Jassy jüdische Bankhäuser. S sind natürlich, wie das ja eine bei allen „Wirtsvölkern" — ich e; erinnere nur an das mittelalterliche Spanien und Italien — miede; kehrende Erscheinung ist, besonders den Machthabern unter diese Wirtsvölkern sehr angenehme Auswüchse des jüdischen Kreditsinn Die Firma Michel Daniel Fils in Jassy, die jetzt aufgelöst ist, wa der Geldgeber der großen moldauischen Bojarenfamilien (Kund waren die Herren Ministerpräsidenten A. Sturdza und Peter Ccm das Bankhaus Halfon in Bukarest ist die Geldquelle der wattachischc Bojarensamilien. Die größte Privatbank in Rumänien, Marmoros; , Blank & Co., wurde von Juden gegründet. Als Anerkennung solch;! „Verdienstes" gab man Herrn Maurice Blank das Bürgerrecl worum im Jahre 1904 nicht so verdienstvolle jüdische Delegierte d; i König Carol vergeblich baten. Nun aber der Hauptpunkt der Ai klage: die jüdischen Gutspächter, die ungefähr 37 Prozent des ve pachteten Bodens in Pacht haben, also nicht nur des „Alphabet; wegen", wie die „Kreuzzeitung" behauptet, den griechischen Pächter in dem Artikel der „Nationalzeitung" nachgestellt sind. Die „Bauerbefreiung" in Rumänien hat bekanntlich den dortigen Bauer zu; elenden Proletarier gemacht, dessen armseliges Dasein in Händen d; Gutsbesitzer lag, bis es diesen bequemer erschien — hauptsächlich um die Bahn für eine staatliche Aemtertätigkeit frei zu bekommen - ihre Bewucherungspraxis gegen riesenhafte Pachtzinsen an rumänisch griechische und jüdische Großpächter abzutreten. Wenn mm ein Bewucherung des rumänischen Bauern von seiten der Juden wirkli stattfindet, so ist das erstens auf Kosten der hohen Pachtzinsen, die y zahlen müssen, zu setzen, dann aber sind die Gutsbesitzer selbst dara schuld, denn sie lassen die Dinge, obwohl sie die politische Großmacl in Rumänien sind, ruhig geschehen. Schlimmstenfalls haben d Juden von ihnen die „Dekomposition" der rumänischen Wirtscha gelernt. Daraus ist es auch zu erklären, daß die rumänische Bauern bewegung keineswegs hauptsächlich antisemitischen Charakters ii Gegen die Juden tritt sie nur deshalb verschärft auf, weil hier Nass» und Neligionsgegensätze mitspielen, die das „Wirtsvolk" in seine Angehörigen durch rigorose Gesetzesmaßnahmen und Verhetzunge vertieft hat. Die rumänische Bauernbewegung ist vielmehr — dr haben ja schon weit zurückliegende Aufstände, zuzeiten als es no keine jüdischen Großpächter gab, gezeigt — das Resultat jahrhundert langer Bedrückung durch den Großgrundbesitz. Es zeigt sich hier di selbe Erscheinung wie etwa in Preußen, nur daß man in Preuw zur Zeit Stein-Hardenbergs schon frühzeitig mit Reformen eingri Die Latifundiengestaltung mit all ihren Schäden ist feudaler, konse vativer Natur. Sie schafft die Kathen- und Jnstenverhältnisse, fr schauderhaften Pachtzustände wie in Rumänien und Rußland. Dies; Verhältnissen wehren die nicht, die sie verursacht haben, erheben ab nachher lautes Geschrei, wenn ihre Sünden fortwirken. Dann hei es natürlich die Schuld abwälzen, und als Sündenbock findet um