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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
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Unterdessen war auch mein Schüler mit seiner Mutter herein gekommen, und während mich die Frau mit einem Lächeln anstarrte, das deutlich sagte: „Der wird meinem Moritzkaum gewachsen sein/' warf mir das Söhnchen wütende Blicke zu, riß sich dann von seiner Mutter los und lief in den Garten. Solcher Empfang erfüllte mich nicht mit frohem Mute für meinen künftigen Beruf. Aufs tiefste verlegen und unglücklich stand ich da. Meine Mutter war wohl noch unglücklicher, verriet es aber mit keiner Miene. Sie blieb noch ein bißchen bei mir, dann küßte sie mich und ging, sich nur noch ein paarmal nmwendend, mit raschen Schritten davon. Da stand ich mm, sterbensunglücklich und sah meiner Mutter nach. Als sie verschwunden war, sank ich nieder, küßte die Schwelle, die ihr Fuß berührt hatte und weinte herzbrechend. Eine rauhe Berührung schreckte mich ans meiner knieenden Stellung auf. Moritz stand vor mir, grinste und sagte: „Lehrer, zu Tisch!" Ich gehorchte und fand die Familie schon um den Tisch versammelt, doch ich konnte nichts essen. Mehrere Tage vergingen, bevor ich mich an meine neue Lage gewöhnt hatte und die mir obliegenden Pflichten erfüllen konnte. Denn ich war ja nicht nur Lehrer, sondern auch Diener und Kellner. Vier Stunden täglich hatte ich „Moritzchen" im Schreiben, Lesen, Rechnen und Pentateuch zu unterrichten, aber morgens und abends hatte ich die Bauern; mit Wein und Schnaps zu bedienen, und am Freitag Nach- ,nittag sogar sämtliche Schuhe und Kleider der Familie zu putzen. Wie mein Prinzipal auf die Idee kam, einen „Burschen für alles" ans seinem Lehrer zu machen, ist mir noch heute ein Rätsel. Aber er huldigte dem orientalischen Sprichwort: j „Der Herr ladet dem Esel soviel auf, wie er nur irgend kann, und nicht, wie der Esel es möchte." Ich tat meine j Pflicht, so gut ich's konnte, was aber nicht verhinderte, daß die! Bauern das von mir gebrachte Maß stets zu klein fanden, j während mein Zögling und seine Mutter mich wieder beim Vater verklagten, daß ich Moritzchen zu viel Arbeit zumute. Hätte ich nicht den Fehler gemacht, meinen Schüler außerhalb der Stunden als Spielgenossen zu betrachten, was doch so natürlich war, denn wir standen in gleichem Alter — so hätte ich ihm vielleicht noch imponieren können. Sv aber rächte das Un-! natürliche meiner Situation, als Spielgefährte und Respektsperson zu dienen, sich auf das bitterste an mir. Als ich einmal, vom Lehreifer hingerissen, meinem Schüler in recht starken i Ausdrücken wegen seiner Nachlässigkeit und Dummheit tadelte, da stürzte sich der Bengel, der viel größer und stärker war als ich, ans mich los, warf mich zu Boden und prügelte mich jämmerlich durch. Als mein Geschrei endlich seine Mutter herbei ries, konnte sie mich nur mit Mühe ans seinen Händen - befreien. Moritzchen bekam einen Verweis, und dann blieb alles beim alten. Dieser ersten Niederlage meiner pädagogischen Tätigkeit folgten viele. In meiner Fähigkeit als Kellner und Stiefelputzer konnte ich, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, die Würde meines Amtes aufrecht erhalten, aber als Lehrer war ich, dank meines im Grunde lustigen und zu kindischer Ausgelassenheit neigenden Temperaments, entschieden weniger erfolgreich. Bald wurde ich meiner falschen Situation herzlich müde und schätzte mich nur zu glücklich, als endlich die sechs Monate zu Ende waren und ich nach Hause zurückkehren konnte mit meinem Verdienst — ganzen acht Gulden — in der Tasche. Mein Besuch in der Heimat war herzerfrischend; statt der kalten Blicke der Fremden die liebevollen Aeußerungen von Geschwistern und der Mutter, die so stolz auf ihren Sohn war, der schon acht Gulden verdient hatte! Im Geiste sah sie mich schon als gesuchten Dorfarzt, dem das Geld nur so in bi; Taschen floß. Die Gelehrsamkeit ihres ersten Mannes wer ihr unvergessen, und eifrig suchte fle in mir alle Gaben, du er besessen hatte. Eigentlich hätte ich gleich auf die Lateinschule nach St. Georgen sollen, aber es wurde beschlossen, daß ich die wichtige Zeit, den Uebergang von der Kindheit ins Jünglingsalter, zu Hause verleben sollte. Dieser Zeitpunkt findet ii jüdischen Familien im Alter von 13 Jahren statt und wirk durch das Fest der Barmizwah gefeiert. Bei dieser Gelegenheit mußte der Knabe, dem sich di« Reihen der rechtgläubigen Juden öffnen sollen, über ein reli giöses Thema eine öffentliche Rede halten und wurde dan> zum Lesen der Thora in der Synagoge zugelassen. Diese; Fest, das seinen Eintritt ins Jünglingsalter bezeichnet, ist eine sehr schöne Feier. Ein Gastmahl, zu dem sämtliche Alters genossen eingeladen wurden, ward gegeben. In der Mitte des Tisches befand sich ein großer, aus Teig geflochtener Korb, der mit Ruten, ebenfalls aus Teig gebacken, gefüllt war. Diese wurden beim Mahl unter die Knaben verteilt und von ihnen verzehrt, zum Zeichen, daß sie in Zukunft nicht mehr angewendet würden. Der Knabe ist ein Mann geworden! Meine Mutter vergaß Freudentränen und meinte während meiner öffentlichen Rede meinen Vater aus mir sprechen zu hören. Mehr als einmal schluchzte sie: „Er wird sicher noch einmal sehr glücklich, denn sein Vater betet für ihn iin Paradiese." So seltsam es klingt, die ganze Feier machte auf midi selbst nur einen geringen Eindruck. Mein einziger Wunsch war, meiner Mutter Freude zu machen und die Bewunderung meiner Zuhörer zu gewinnen; der religiöse Teil der Zeremonie ließ mich aber ziemlich kühl, denn das Lesen deutscher Bücher hatte den gewaltigen Einfluß des orthodoxen Glaubens sehr in mir abgeschwächt. Noch war ich kein Zweifler, aber die Furcht, die Ritualgesetze zu übertreten, war im Schwinden begriffen. Anders zubereitetes Essen schien mir nicht mehr wie Gift, und allmählich wurde mein Glaube den Angriffen von außen gegenüber widerstandsloser, seit die Schranken der Orthodoxie abbröckelten. Der erste Stoß erschütterte ihn, ohne ihn zu vernichten, und mein innerer Friede war noch nicht sehr gestört, nicht so, wie zum Beispiel Renans, der in seine»: zwanzigsten Jahre um Mitternacht in die Zelle seines Freundes stürzte mit dem Rufe: „Ich bin ein Zweifler geworden." Literarilchr Mitteilungen. — Soeben ist in der Druckerei von I. Rosenfeld in Nürnberg ein kleines Heft „Zur Erinnerung an Rabbiner Dr. Bernhard Ziemlich" erschienen, das die Reden am Grabe des unvergeßlichen Mannes und bei der Trauerfeier in der Synagoge enthält. Voran geht die Rede des Herrn Rabbiner 'Tr. Eckstein-Bamberg, dann folgen die Ansprachen des Vorstandsnütglieds Herrn Heinrich Jung, hierauf die der Herren Rabbiner Dr. Neubürger-Fürth, Lehrer Rillst Nürnberg, Rabbiner Dr. Stein-Schweinfnrt, Schuldirektor Bl. Gombrich und Rabbiner Dr. Chone. Zn allen diesen Reden zeigt sich, welch eine ungewöhnliche Beliebtheit der Verewigte in seinem Kreise und weit darüber hinaus genossen hat; einstimmig kehrt darin die Ueberzeugung wieder, daß er ein Mann von wahrhaft idealem Charakter, von seltener Begabung und einer fast antiken Bescheidenheit gewesen ist. Möge die Erinnerung an sein Wirken vorbildlich sein für den Nachwuchs unserer jungen Theologen! Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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