Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Da umarmte ihn seine Frau zum letztenmal und weinte iir seinem Halse. Dann verließ Moses sein Haus, seine Frau tu D seine Kinder und irrte" auf einen ihm unbekannten Weg traurig und nmtlos dahin. Plötzlich stieß er auf drei hübsche ju ige Männer, die auf freiem Felde ein Grab höhlten. Er kt ihnen Gottes Frieden zum Gruß und fragte sie, für wen sie das Grab errichteten. Und sie antworteten: „Für einen!ü; ittn, der ein Liebling Gottes ist." „Wenn dem so ist," sprach Moses, „so will ich mit Hand m egen." Als sie bald darauf mit der Arbeit fertig waren, sprach HK >ses: „Nun bringet den Mann, den Ihr hier bestatten wollet." I; entgegneten die Männer, welche Engel waren: „Noch w sen wir nicht, ob das Grab für den Mann passen werde; tu. aber Du in Deiner Größe dem Manne gleichst, so bitten u c Dich, in das Grab zu steigen, dannt wir das richtige Maß rr stellen können." Moses stieg in das Grab hinab; aber drin fand er den I desengel, der ihm zurief: „Friede mit Dir, Moses ben :>i warn!" „Der Friede," waren nun Moses letzten Worte, „komme über I in Haupt." Da starb Moses, und die Engel begruben ihn. Mein Lrdenskampk. Von Professor Hermann Vämbery.h ll. <^^ie Ausbildung, die ich auf der Schule erhielt, war A bestenfalls höchst magere geistige Kost, aber doch ii völlig verschieden von meinen früheren Studien, die sich r mit Ereignissen beschäftigt hatten, die tausend Jahre zurück li jen, daß selbst diese kargen Bissen mich von der größeren aft der hier gebotenen geistigen Nahrung überzeugten. Der rkehr mit christlichen Altersgenossen machte mich auch voreilsfreier, denn ich spielte mit ihnen, ohne indessen ihr ns zu betreten oder gar die angebotenen Kuchen zu beiren. Dies würde schnödeste Ketzerei gewesen sein, darin itten meine Mutter und ich gleich, und der Sohn des Rabbis ki uitc sich soweit nie vergessen! Doch das Eis war gebrochen. Noch hatte ich nicht gew gt, über den Trennungswall, den meine Erziehung zwischen n r und der Außenwelt ausgerichtet hatte, zu klimmen, aber ch warf ich schon manche Blicke hinüber. Meine Mutter b > es sich angelegen sein, mich mit dem Gedanken an eine u ltliche Laufbahn vertrant zu machen, denn nach ihrem T rnsch sollte ich Doktor werden. So kam es, daß die dichten - offen der orthodoxen Ansichten sich allmählich zerstreuten, n in Horizont sich erweiterte, und ich voll Begeisterung in b se entzückenden Fernen blickte. Ich mag damals zehn Jahre alt gewesen sein. Meine i ine für die Zukunft waren gefaßt, aber meine teure Mutter l>l unsägliche Angst bei dem Gedanken, wie sie die Mittel d> ,u aufbringen sollte. Die Armut und das Elend in unserer o milie hatten damals den Höhepunkt erreicht. Meine älteste < hwester war bereits in Dienst gegangen, und jetzt beschloß in ine Mutter mit schwerem Herzen, auch mich aus dem H use zu geben, damit ich den andern Kindern nicht das h Uebersetzt von B. Tucholsky. Brot aus denr Munde nähme. Also ging ich als Lehrling zu einer Schneiderin, deren Sohn ich im Hebräischen unterrichten sollte; als Gegenleistung gab sie mir freie Kost und Wohnung und weihte mich in die Geheimnisse ihrer Zunft ein. Die drei Stunden, die meinen pädagogischen Pflichten geweiht waren, verstrichen mir ganz angenehm: denn es schmeichelte mir, einen Schüler zu haben, der ebenso alt war wie ich selbst, dagegen desto schwerer wurde mir die Zeit, die ich am runden Schneidertische verbrachte. Da war ich der Jüngste, wurde wegen meiner Ungeschicklichkeit verlacht und erhielt oft recht fühlbare Unterweisung in der edlen Kunst des Schneiderns. Weinend klagte ich der Mutter mein Leid, die ihren Irrtum wohl einsah, mich aber doch ermähnte, wenigstens den einen Winter auszuhalten. Ihre Zureden und das Bewußtsein, während des bitter kalten Wetters wenigstens ein warmes Zimmer und erträgliches Essen zu haben, besiegten meinen Widerstand, denn sonst hatte ich in dürftigster Kleidung, nur mit ein paar warmen Kartoffeln in der Tasche, zur Schule gehen müssen. Als der Frühling kam und ich mein elftes Jahr erreicht hatte, faßte ich den Entschluß, nicht nur das Elternhaus, sondern auch die Stadt zu verlassen, in der meine Mutter lebte, das einzige Wesen, das für mich fühlte. Mit elf Jahren in die Welt hinaus zu wandern, arm und elend, mit einer Krücke als einzige Gefährtin, fern von dem liebenden Blick der Mutter unter kalten Augen Fremder zu leben — wahrlich, das ist eine bitter schwere Prüfung für ein so junges sensitives Kind. Der Gedanke daran flößte mir Entsetzen ein und kostete mich viele Tränen, die noch stärker flössen, wenn ich meine Mutter weinen sah, aber was war zu tun? In meinem tiefen Elend und absoluter Hilflosigkeit schien kein anderer Weg offen, um mich an das Ziel zu führen, auf das meine Fähigkeiten mich hinwiesen. Auch meine Mutter bestärkte mich in meinem Entschluß. „Du darfst und kannst kein gewöhnlicher Mann werden!" sagte sie. „Der Geist Deines gelehrten Vaters lebt in Dir, Du mußt studieren und Doktor werden, und zwar mußt Du in St. Georgen anfangen, wo Dein Name bekannt ist. Dazu mußt Du Dir aber erst ein paar Gulden verdienen, denn ich kann Dir höchstens ein bißchen Wäsche und einen Anzug für die Reise geben. Ja, mein Kind, viel wirst Du noch zu leiden haben, aber gib wohl acht, was ich Dir sage: „In der ersten Hälfte der Nacht müssen wir uns das Bett machen, auf dem mir in der zweiten Hälfte ruhen wollen." Solche und ähnliche Ermahnungen stärkten meinen Mut, und als mir eine Lehrerstelle im Hause des jüdischen Gastwirts im Dorfe Nyek, zwei Stunden von meiner Heimat, geboten wurde, da nahm ich sie dankbar an. Von meiner Mutter begleitet, mit Krücke und Bündel, so zog ich meinem neuen Beruf entgegen. lieber den staubigen Dorsweg und über die Felder kamen wir bald nach Nyek. Als meine Mutter mich meinem neuen Brotherrn vorstellte, sah der Mann mit eigentümlichen Blicken auf die armselige Erscheinung des hinkenden Lehrers, und deutlich hörte ich aus der geflüsterten Unterredung die Worte: „Zu jung, zu klein." Ein Jude, der mich kannte, war glücklicherweise zugegen und trat warm für mich ein. „Was kümmert Euch daS Aeußere? Was Ihr braucht, ist das, was er weiß, und der Junge ist voll von Schriftgelehrtheit. Der kennt das Siddur und das Chumesch auswendig, und wenn Moritz — dies war der Name meines Schülers — nur einen Funken Verstand hat, dann muß er bei dein was lernen."