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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 Moses sprach zum Ewigen: „Herr! Ich beschwöre Dich bei Deinem mir kundgetanen Namen, den außer Dir und mir niemand weiter kennt, offenbare mir meinen Todestag." Der Ewige erwiderte ihm: „Ich habe bis jetzt noch keinem Wesen den Todestag im voraus verkündigt, weder den Propheten, die vor Dir gelebt, noch den Engeln, die mir nahe sind; doch Dir will ich ihn Verrätern Ich werde am sechsten Tage der Woche Deine Seele zurück verlangen." Und Moses reinigte sich an jedem sechsten Tage der Woche, legte Totengewänder an und harrte so der Ankunft des Todesengels. Da aber Wochen und Morrde verstrichen, so vergaß Moses! seines Todestages. Eines Tages bestieg er den Berg! Sinai, um dort den Herrn anzubeten, und da kam auch der Todesengel in der Gestalt eines Jünglings der Söhne Israels auf den Berg, stellte sich vor Mose hin und sprach: „Friede mit Dir Moses!" Als nun Moses diese Stimme vernahm, i war seine Kehle wie zugeschnürt, seine Zunge wie gelähmt, j und seine Knie begannen zu wanken. Doch bald faßte er sich wieder, verbeugte sich und sprach: „Bist Du es gewesen, der mich mit „Friede sei mit Dir" begrüßte? Noch nie hat eine Stimme mich so erschreckt, wie die Deine." Da entgegnete der Todesengel: „Wie! Du kennst mich nicht? So will ich Dir! sagen, wer ich bin: Ich bin das Fatum, das dem Manne j Frau und Tochter entreißt, das Häuser verwüstet und Gräber errichtet bis zum Ende der Tage: Ich bin Suriel, der! Todesengel!"! „Und was ist der Zweck Deines Kommens?" j „Ich bin gekommen, um Deine Seele zu holen und sie! vor Gott zu bringen."! „So beschwöre ich Dich," sprach Moses, „beim Namen; dessen, der Dich gesandt, daß Du meine Seele nicht nimmst, : bevor die drei ersten Tagesstunden abgelaufen sind, damit ich vorher noch meine Frau und Kinder aufsuchen könne." Da rief der Ewige dem Todesengel zu: „Lasse von ihm und warte bis seine Stunde kommen wird." Der Todesengel : gehorchte und verschwand in der Sonne Schatten. j Moses stieg nun vom Berge Sinai herab und gelangte! an einen Scheidepunkt, von dem aus ein Weg zu seiner i Mutter und ein zweiter zu seiner Frau führte, und er überlegte, welchen er nun einschlagen sollte. Aber während er nun darüber nachdachte, vernahm er eine Stimme aus dem Himmel: „Geh' zuerst zu Deiner Mutter." Er ging nun zu j seiner Mutter, und als er an ihrer Hütte sich befand, pochte er an die Tür und sprach: „Mutter, öffne mir." Die Mutter kam und öffnete ihm; aber als sie sein verstörtes Wesen beinerkte, erschrak sie und sprach: „Mein Sohn, was ist Dir j widerfahren? Haben Deine Hirten oder sonst jemand durch j einen ungebührlichen Ruf Dich geärgert?" j Und Moses entgeguete: „Ich höre nur auf den Ruf des Herrn, und ich fürchte niemand außer dem Tod." Da sagte die Mutter: „Was! Wer Gottes Angesicht geschaut und von Mund zu Mund mit ihm geredet, der sollte sterben?" „Ja," versetzte Moses, „er soll und muß sterben wie alle, die ihm vorangingen. Doch nun richte Dich auf, stelle Dich . hinter mich (wörtlich: Setze Deinen linken Fuß an meine linke Seite), erhebe Deine Hände zum Himmel und bete zu Gott, daß er die Schmerzen des Todes nrir erleichtere." Sie folgte seinem Geheiß lind betete, aber als er sich weinend von ihr verabschiedet und sie verlassen hatte, sah sie ihm traurig nach und sprach vor sich hin: „Wir glauben nicht an die Dinge dieser Welt und hoffen auf Glückseligkeit im Himmel." Moses schlug nun den Weg ein, der zu seiner Frau führte, und nur mit großer Mühe fand er sich zurecht. Als er endlich das Zelt seiner Frau erreicht hatte, rief er an der Tür: „Oeffne Deinem Gemahl Moses." Die Tür wurde geöffnet, und auch die Frau, als sie sah, wie Trauer auf seinem Gesicht lagerte und wie er am ganzen Körper zitterte, rief ganz entsetzt aus: „Mein Lieber! Was ist denn vorgefallen, daß Du so betrübt, so ganz verändert aussiehst? Sind Dir die Kamele entlaufen oder hast Du sonst irgend einen Verlust zu beklagen?" Moses erwiderte: „Gott ruft mich, und ich fürchte den Tod." „Wäre es möglich," rief die Frau, „daß auch derjenige, der mit Gott gesprochen, der Sterblichen Los teilen sollte?" „Ja," sagte Moses, „er soll und wird sterben, wie auch Abraham und alle anderen Propheten gestorben sind." Moses fragte dann: „Wo sind unsere Kinder?" Die Frau antwortete: „Sie schlafen schon." Da verlangte er stürmisch nach ihnen, und sie ging weinend an das Lager der Kinder, weckte sie vom Schlaf, faßte sie an die Hände und sprach zu ihnen: „Kommt zum Vater und weint um ihn, denn er wird bald für immer von uns scheiden." Als die Kinder das verstörte Aussehen des Vaters bemerkten, fielen sie auf ihr Antlitz und begannen bitterlich zu weinen. Da weinte auch Moses und klagte: „Wehe, wehe, wir müssen von einander scheiden," und auch die Mutter stimmte schluchzend in die Klage ein und rief: „Wehe! Wehe! Wir sehen uns nie wieder." Und Moses nahm seine Söhne, den jüngeren Elieser auf das rechte, den älteren Gersom auf das linke Knie, und segnete sie. Da sprach der jüngere zum älteren Bruder: „Von nun ab, da der Vater von uns scheidet, werden unsere Feinde uns fortjagen, und selbst die einst als unsere Freunde galten, werden sich nicht scheuen, uns Böses anzutun." Als Moses seine Kinder so reden hörte, begann er auss neue zu weinen, und auch Himmel und Erde weinten mit ihm. Da sprach der Ewige zu Moses: „Warum weinst Du? Wird Dir die Trennung von der Erde so schwer? Fürchtest Du so sehr den Tod?" „Herr!" erwiderte Moses. „Mein Schwähr Jithro ist tot, auch mein Bruder Aron ist gestorben, und wenn auch ich nun sterben soll, wer wird sich der Meinen annehmen?" „Siehe!" sprach darauf der Ewige: „Als Du geboren wurdest und Deine Mutter Jochebed Dich in ein Schiffleiu legte und es im Schilfe des Nils zurückließ, vergaß ich Dein? War ich es nicht, der Pharao den Mund schloß und im Herzen seiner Tochter Tarmuth die Liebe zu Dir nährte, so daß sie Dich betrachtete, als wärest Du ihr eigen Kind und vierzig Jahre lang Dich beschützte? So richte Dich doch auf, nimm Deinen Stab und spalte den Nil." Moses tat wie ihm befohlen ward, und er fand in der Tiefe des Nils einen großen rollenden Stein. Und wieder sprach der Herr: „Spalte auch den Stein." Da spaltete Moses den Stein und gewahrte in dessen Höhlung ein auf grünem Gras ruhendes Würmchen, und er hörte wie es sprach: „Gelobt sei der Herr, der mich auch in der Tiefe des Meeres nicht verlassen hat." Und wiederum sprach Gott zu Moses: „Du hast Dich nun überzeugt, daß ich das Würmchen in der Tiefe des Meeres und in der Höhlung des Steines nicht vergessen habe, und Deiner Kinder sollte ich vergessen? O nein! Sie werden, wie das Würmchen, zu mir beten, und mir ein heiliges Unterpfand sein. Nun aber zögere nicht, küsse Deine Kinder und Deine Frau; denn schon nähern sich, die Deine Seele.lösen sollen, und nie wieder wirst Du hierher zurückkehren."

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