Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Apostel der Aufklärung und deS Lichts, der Kämpfer gegen Aberglauben und Finsternis, hat in dem fast ausschließlich von Juden bewohnten Städtchen Szybüw in Weißrußland das Licht der Welt erblickt. Man darf von Szybüw nicht gering denken, denn Szybüw besaß einmal für die jüdische Bevölkerung in Weißrußland eine große Bedeutung. Das beweist das folgende, von einem mehr übermütigen als klugen polnischen Edelmann mit einem jüdischen Unterhändler geführte Gespräch, das uns die Verfasserin mitteilt: Der Herr war guter Laune und scherzte mit dem Juden. „Chaimek," sprach er, „warst Du schon jemals in Krakau?" — „Nein, gnädiger Herr!" — „Dann bist Du, mein Lieber, eigentlich recht dumm!" Chaimek verbeugte sich. . . „Chaimek, warst Du schon jemals in Rom?" — „Nein, gnädiger Herr!" — „Dann, mein Lieber, bist Du sehr dumm!" Chaimek verbeugte sich abermals, doch trat er zugleich dem Herrn um zwei Schritte näher. „Ich bitte den gnädigen Herrn untertänig um Verzeihung," sagte er leise, „waren der gnädige Herr jemals in Szybüw?" — „Nein, ich bin nie dort gewesen," erwiderte der Edelmann. — „Nun, und was weiter?" flüsterte noch leiser Chaimek . . . Chaimek galt Szybüw ebensoviel wie dem polnischen Edelmann Krakau oder Rom; Szybüw war ihm der Markstein der Schöpfung. In der Tat ist Szybüw auch eine „berühmte" Stadt, denn seit mehr als hundert Jahren tobt in ihren Mauern ein mächtiger Kamps — ein hundertjähriger Krieg, der die Bevölkerung dieses Ortes in zwei feindliche Lager spaltet. Es ist der Kampf des Hauses der Ezofowicz gegen das der Todros, der Kampf der Aufklärung gegen den religiösen Fanatismus. Schon Hersch Ezofowicz hat diesen bittern Kampf gegen den Fanatiker Rabbi Nuchim Todros geführt und ist im Kampfe unterlegen. Sein Urenkel Meier führt ihn gegen Rabbi Jsak Todros und wird vom gleichen Schicksal ereilt. Er wird in den Bann getan, und fluchbeladen verläßt er seine Heimatstadt, um sich in der weiten ungekannten Welt den Weg züm Quell des Wissens zu bahnen. „Wird Meier jemals zu seinem Geburtsort zurückkehren und mit seiner Vergebung auch das Licht zurückbringen?" . . . Diese Frage, die den Roman beschließt, läßt die Verfasserin unbeantwortet. Freilich, als die Orzeszko in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts diesen Roman vollendete, wußte sie noch keine Antwort auf diese Frage. Wir aber wissen es: Meier Ezofowicz ist in Deutschland, in Frankreich, in England gewesen, hat aus den Quellen des Wissens geschöpft und dann die Fackel der Aufklärung nach Szybüw getragen. Jetzt winkt ihm dort der Sieg. Die Finsternis ist noch nicht ganz verscheucht, der Aberglaube noch nicht geschwunden, aber es tagt bereits in den Judenhäusern in Polen- In diesem Roman hat Elise Orzeszko in die Literatur einen Typ eingeführt, der in Europa sogut wie unbekannt ist. Ich meine Abel, den Karäer. Abel ist das einzige Ueberbleibsel der einst groß gewesenen Karäer-Gemeinde in Szybüw. Die Karäer sind eine im achten Jahrhundert entstandene jüdische Sekte, die den Talmud und jede Ueberlieferung verwirft und nur das Bibelwort anerkennt. Diese Sekte, die einst groß und mächtig gewesen war, schrumpfte im Laufe der Jahrhunderte auf einige winzige Karäer-Gemeinden zusainmen, die nur noch in der Krim und in Galizien vegetieren. Der Buchstabe hat sie getötet. * Voll ergreifender Tragik ist die Novelle „Der starke Simson". Reb Schimsche ist ein gelehrter, sehr gelehrter Mann; er kennt den Talmud und andere heilige Schriften und lebt von der Außenwelt gänzlich abgeschlossen. Da wird er eines Tages aufgefordert, sich an einer Wohltätigkeitsvorstellung zu beteiligen, bei der das Stück „Der starke Simson" zur Aufführung gelangt. Schimsche soll die Roll, des Titelhelden spielen. Schimsche willigt ein. Ist' es dock zugunsten der Armen! Die Delila spielt der sechzehnjährige Kürschnergeselle Meier, ein Jüngling mit einem feinen Gesicht, der sich als „ganz schöne Dame" repräsentiert. Dieses harmlose Spiel bedeutet einen Wendepunkt im Leben Schimsches Er wird mit einmal ein anderer, ein starker Simson inst „Riesenarmen und einer vulkanischen Seele". Er spielt die Rolle nicht, er lebt sie. Leidenschaftlich preßt er die schöne Delila vulgo Meier an sein Herz und drückt feurige Küsse aus ihre (richtiger: seine) Wangen. Er kämpft mit wahrem Heldenmut gegen die Philister . . . Und als das Spiel zu Ende ist und Schimsche sich wieder zu Hause vor seinem Folianten befindet, da überkommt ihn ein Gefühl der Trauer. Et erwacht in ihm die Sehnsucht nach einem neuen Leben, nach jenem Leben, in welchem es schöne Delila und einen Kampf mii Philistern gibt. Und derselbe Schimsche, der gestern noch die Weisheit Salomonis für seinen Sohn gewünscht hatte, hebt heute seinen Jüngsten in die Höhe und betet: „Guter Gott, laß ihn einen starken Simson werden!" In diesem Gebet liegt ein ganzes Programm, das Programm, das die Jungjudäer in dem Schlagwort „Muskeljudentum" zusammenfassen. Mit wundervoller Anschaulichkeit und innigem Verständnis malt Orzeszko das kleine Genrebild: „Daj kwiatek“. Da ist die alte Lumpenhändlerin Chaita mit ihrem Enkelkinde Chaimek. Die Armut im Hause ist groß und wird mit jedem Tage größer. Jeden Abend bringt Chaimek eine Kupfermünze nach Hause, die ihm irgend ein Schlachziz geschenkt hat. Jeden Abend schimpft Großmutter wegen der Bettelei, läßt jedoch die Kupfermünze in ihre Tasche verschwinden und — seufzt. Eines Tages begegnet Chaimek einer weißgekleideten Dame, die einen prächtigen Blirmenstrauß in der Hand hält. Wann hat Chaimek Blumen gesehen? Er rennt der Dame nach und zeigt mit dem schmutzigen Fingerchen auf die Blumen. Die Dame lächelt mild und fragt ihn, was er denn wünsche. Allein die Dame spricht polnisch; Chaimek versteht sie nicht. Da lächelt die Dame noch milder und lehrt ihn die zwei polnischen Worte: daj kwiatek (Gib eine Blume!). Mit großer Anstrengung spricht er die zwei Worte, worauf er eine herrliche Rose erhält. Hochbeglückt eilt er nach Hause, um Großmutter das wunderbare Geschenk zu zeigen. An diesem Abend schläft Chaimek tatsächlich auf Rosen gebettet. Jedoch als er morgens erwacht und die Blume hinter seinem Kiffen hervorzieht, da gibts ein Jammern und Wehklagen. Die Blume hat sich akklimatisiert: sie sieht so verwelkt aus wie Großmutter, so bleich wie Chaimek. Die Großmutter.geht indessen zu Rabbi Nuchim und seufzt und klagt. „Rebbe," sagt sie, „ich hall' ein einziges Kind zuhause. Ich kann ihn nicht erziehen. Er eignet sich schlechte Gewohnheiten an: er bettelt. Von Bettelei zu Diebstahl ist nur ein Schritt. Erbarme dich seiner!" Rabbi Nuchim ist ein großer Gelehrter und ein großer Wohltäter. Er nimmt Chaimek zu sich und unterweist ihn in den heiligen Büchern. Als er ihm eines Tages vom Engel Sandalfon erzählt, daß er aus den Gebeten Israels Blumenkränze windet und sie zu Füßen Gottes legt, da taucht die Gestalt der weißgekleideten Dame mit dem Blumenstrauß vor den Augen des Kindes auf und es ruft laut: daj kwiatek! Elise Orzeszko wurde auf dem Gute ihrer Eltern Milkowszczyzna bei Grodno im Jahre 1842 geboren. Sie genoß eine klösterliche Erziehung. Im sechzehnten Lebensjahr heiratete sie den Gutsbesitzer Peter Orzeszko, der bei dem Aufstand von 1863 nach Sibirien verbannt wurde. Nach dem Tode ihres Mannes überfiedelte sie nach Grodno, wo sie noch