Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · p. Seite 175

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228760--63440-3297332
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

175 ei üttcn sah. Jeder jüdische Student oder jüdische Einwohner 1, tte ostentativ zu Ostern Palmzweige in seiner Wohnung, daß i, in ihn ja für einen „Prawoslawen" halte. In den Landli( ufern von Ginsburg, Poljakoff, Warschawski usw. war das uttergottesbild mit dem brennenden Lichte ausgestellt, vor t>! n sich jeder Russe bekreuzigt und ohne welches er die L hwelle nicht überschreiten würde. Beim Zweitgenannten ii;ö ich sogar an der Tür seines Bureaus eine Warnungsel mit der Aufschrift: Jewrejew nje prinimaitja — Juden u rden nicht empfangen. — Nicht wahr, recht charakteristisch? In ineinem Leben vergesse ich den Eindruck nicht, den ich d zur Zeit des Rüsttages des Versöhnungsfestes empfing, als it eine Straße St. Petersburgs passierte. Ein ältlicher Mann n t wirrem Aussehen und weißem Filzhut kam auf mich zug schritten und ermahnte mich eindringlich, des kommenden t ligen Festes eingedenk zu sein. Dieselbe Mahnung richtete r an alle Personen, von denen er annahm, daß es Juden u reu. Auf Befragen erfuhr ich, daß dieser Mann einst sehr u hlhabend gewesen, jetzt aber heruntergekommen sei: Wie r le andere, so hatte auch er mit dem scheinbaren Uebertritt; griechisch-orthodoxen Kirche das St. Petersburger Bürgerr ht erworben. Nun war sein Geist verstört und daher dieses u iderbare Gebühren. . . Wozu aber noch alle die Fälle herzählen, die meine Anti ven unterstützen sollen? — Ehe nicht zunächst endgültig mit t sein System aufgeräumt wird, ist keine Besserung in Ruß- >> rd für unsere Glaubensbrüder zu erwarten und damit hat c lange Weile, denn es ist, wie gesagt, aufs innigste mit der r 'fischen Autokratie verknüpft, die wohl bis zum letzten manow sortbestehen wird. Llile Lr?es?ko, die Ghrttopartin. Von Samuel Meisels - Charlottenburg. t ^^ieser Tage feiert die polnische Romanschriftstellerin Elise ' Orzeszko ihr vierzigjähriges Schriftstellerjubiläum. ' erzig Jahre int Dienste der Literatur, vierzig Jahre einer u ermüdlichen und fast unerschöpflichen schriftstellerischen Tätigt müssen wohl einem wahrhaft großen Talent Früchte der t. Erkennung und des Ruhmes eingetragen haben. Frau Orzeszko >; t diese Früchte in reichem Maße gepflückt, und sie hat sie redlich verdient. Elise Orzeszko ist ein urwüchsiges Talent, das schrist-!! lerische Qualitäten der verschiedensteit Art in. sich vereinigt, t le unerschrockene Vorkämpferin für die Wohlfahrt des Volkes, gut sie jedem ihrer Werke eine Tendenz, die Lösung irgend > er sozialen Frage mit auf den Weg. Sie ist von einer > taunlichen Produktivität, ohne deshalb oberflächlich zu sein. J o verbindet ein enormes theoretisches Wissen mit einem arf ausgeprägten praktischen Sinn für das tägliche Leben, i uerseits eine Jdealistin Volt reiitstetn Schlage, die dent g ästigen Fortschritt überschwengliche Loblieder singt, neigt sie a derseits dem Utilitarismus zu, dem „der Ingenieur utehr g t, wie alle Gelehrten und Schriftsteller der Welt". „Der >- genieur", sagt sie in einem ihrer Werke, „ist das nützlichste itglied der Gesellschaft. Nicht Gelehrte, soildern Männer der t braucht die Welt. . ." Wie in einem Kaleidoskop wechseln die Bilder in ihren 'H inanen und Novellen. Bald frappieren uns die derb v ilistischen Zeichnungen, die sie entwirft, bald entzücken uns romantisch-mhstischeit Bilder, die sie uns vor Augen führt, it gleicher Meisterschaft schildert sie das Leben in den glänzenden Palästen der Fürsten, in den prächtigen Salons der Adligen, in den Wohnungen der Bürger, wie in den schmutzigelt Hütten der Bauern und in den verfallenen Häuscheit der armen Juden in Polen. In der polnischen Literatur nimmt Elise Orzeszko eine hervorragende Stellung ein; sie lvird mit den bedeutendsten polnischen Romanschriftstellern Kraszewski, Zachariasiewicz, Milkowski, Glowacki, Sienkiewicz in eine Reihe gestellt. Von ihren Kolleginnen in der polnischen Literatur, von der Klementiile Hoffmann von Tanska bis auf Gabrhela Zapolska, ist keine, die ihr gleichkommt. Wir wollen tms indes hier ltur mit Elise Orzeszko, der Ghettodichterin, beschäftigen. Auf der Höhe ihrer Schaffenskraft zeigen sie ihre Judenromaue sowie ihre Skizzen aus dem polnisch-jüdischen Leben. Die Jlldenroiilane verdienen schon deshalb eine ausführlichere Besprechung, weil sie einerseits an sich die interessantesten, künstlerisch vollendetsten Werke der Verfasserin sind, anderseits weil sie das Spezialgebiet der Orzeszko bilden. Auf allen anderen Gebieten der Erzählungskunst, denen die Orzeszko sich zuwaildte, haben Polnische Schriftsteller vor und nach ihr dasselbe, manchmal auch Hervorragenderes geleistet; mit ihren Judenroinanen jedoch steht sie in der polnischen Literatur einzig und unübertroffen da. Der Jude spielt im Leben der Polen eine so wichtige Rolle, daß der polnische Schriftsteller in seinen Schilderungen des polnischeit Lebens notgedrungen auch ans den Juden zurückgreifen muß. Tritt ja selbst in dem bedeutendsten Nationalepos der Polen, in „Herr Taddäus" von Mickiewicz, der Jude Jankel in die vorderste Reihe. Aber der Judenroman als etwas Ganzes, Abgeschlossenes, der Judenroman, der das Leben des Juden in allen seinen Lichtreflexen darstellt, ist ihr eigenes Werk. Und sie hat sich die Arbeit nicht leicht gemacht. Sie hat den Juden studiert in seiltem alltäglichen Leben, in seiner Geschichte - und in seinem Schrifttum. Sie hat sich in seinen Gedanken- und Empfindungskreis hineinzulebeu versucht. Deshalb kennt sie auch den Juden sogut und fällt ein gerechtes Urteil über ihn. Sie hebt seine Mängel ebenso unverblümt hervor wie seine Vorzüge; sie registriert seine Schwächen ebenso gewissenhaft wie seine Tugenden. Deshalb sind ihre Schilderungen des jüdischen Lebens in Poleit voll hinreißender Plastik, und von einer Lebenswahrheit, wie wir sie selten in den Ehettogeschichten anderer Autoren finden. Es kann durchaus nicht schaden, die Fehler und Schwächen der Juden aufzudecken, wenn man nur auch seine Vorzüge und Tugenden sieht. Ihre Tugenden besonders herauszustreicheu und über ihre Fehler den Mantel der Verschwiegenheit werfen, ist tinklug, weil man damit Menschen die Unfehlbarkeit andichten will; ihre Fehler dagegen an den Pranger stellen und ihre Tugenden negieren, ist ein Verbrechen, weil ein solches Verfahren dazu dient, Menschen auf ttngerechte Weise zu erniedrigen und in Staub zu treten. Elise Orzeszko dagegen verteilt gleichmäßig Licht und Schatten. Ein in der Komposition wie in der Darstellung gleich vortreffliches Kulturbild entrollt sie uns in „Eli Makower", ihrem ersten Judenroman, der das Verhältnis der Juden zu den Polen behandelt. Diesen überragt an Farbenreichtum und Formschönheit „Meier Ezafowicz", ein Roman, der im Jahre 1878 (deutsch übersetzt von Leonhard Brixen, illustriert von M. Andriolli, 3. Aust., Dresden 1887) erschienett ist und der den Namen seiner Verfasserin weit über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bekannt gemacht hat. — Meier Ezofowicz! Der bleickie Ghettojüngling niit dem dunkeln Haar, der weißen Stirn und den tiefliegenden großeit grauen Augen — wer ist ihm im Leben nicht schon begegnet? . . . Meier Ezofowicz, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.