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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174 per Tag für 20 Franken, d. i. 73 Franken per Jahr für 20, oder 365 Prozent. Im allgemeinen ist ein Zinsfuß von 250 bis 500 Prozent gang und gäbe." Und nach den angeführten Tatsachen sind die Wucherer zum allergrößten Teil Rumänen. Bleibt nur die restliche, auf die Landgemeinden verteilte jüdische Bevölkerung, auf die man die Schuld des Bauernelends wälzen könnte. Wie sieht nun diese Bevölkerung aus? Kein Mensch hat sich näher um sie gekümmert. Aber wer sie je in den elenden Wohnungen eines moldauischen Fleckens gesehen hat, der wird ihre materielle Lage nicht um vieles besser finden als jene der Bauern. Sie haben vielleicht etwas mehr von den Abfällen der Kultur genossen — führen schon dank ihrer Religion eine. hygienischere Lebensweise — aber das Elend ist auch unter ihnen groß und wird noch gesteigert durch die Unsicherheit der Existenz, die Unsicherheit des folgenden Tages, die Unsicherheit des Wohnungsrechtes, welche ihre Wurzeln in administrativer Willkür und in gesetzlichen Vorschriften haben, auch in den ewigen Hetzereien, welche sich ganz besonders gegen diese der Gefahr viel ausgesetzteren Armen richten. Sofern sie nicht kleine Beamte sind, hat der größere Teil der Juden auf dem Lande kleine Geschäfte, in denen sie Artikel der Manufaktur-, Mercerie- und Kolonialbranche feilbieten. In diesen kleinen Geschäften, die zumeist an eine unhygienische Wohnung anstoßen, befindet sich gewöhnlich ein Warenvorrat von wenigen tausend oder gar hundert Franken. Auf diesen Vorrat schulden die Krämer zumeist mehr als er wert ist. Gar oft müssen sie den Bauern Kredit gewähren und der Bauer ist nicht immer ein guter Zahler. Er kann überhaupt nicht zahlen, wenn eine Mißernte eintritt. Der Jude steht dann vor dem Fallissement. Zumeist gleicht er sich mit den Kreditoren, die sein ganzes Elend kennen, aus. Ueberhaupt hängt gerade dieser Teil der jüdischen Bevölkerung ganz von der Bauernschaft ab. Bei ihr trifft der alte Spruch zu: Hat der Bauer Geld, so hat's die ganze Welt. Nebst den Kleinhändlern wohnen noch auf dem Lande kleine Handwerker: Schneider, Kürschner, Schuster. Klempner usw. Für elende Löhne versehen sie die Bauern mit den wenigen primitiven Erzeugnissen des Handwerks, die sie brauchen, und sowohl sie wie auch die jüdischen Händler erfüllen eine notwendige soziale Funktion, indem sie zur Verfügung der Bauern das Jahr hindurch Gegenstände halten, ohne welche ihr Zustand ein noch bedauerlicherer wäre. Gegen diese arme, im Elend dahinlebende jüdische Bevölkerung hat sich die antisemitische Hetze gewendet. Selbst wenn die jüdischen Pächter so ausbeuterisch gewesen wären, daß sie unter allen Gutsbesitzern und Pächtern eine grausame Ausnahme gebildet hätten — wo ist die Gerechtigkeit, das Menschlichkeitsgefühl derjenigen, die, da sie die Großen und Reichen nicht fassen können, unschuldige Menschen die Schuld anderer büßen lassen? Aber stärker als alle Theorie, mächtiger als Vorurteil und Aberglaube ist die Macht der Ereignisse. Und aus dem frevlen Spiel der Antisemiten ist ein nationales Unglück erstanden, dessen Größe man nur abmessen kann, wenn man bedenkt, daß man zum Schluffe in ausschließlich rumänischen Gegenden, wo keine Spur eines jüdischen Pächters vorhanden ist, zur Kanone Zuflucht nehmen mußte, um die bedrohte Staatsordnung wieder Herstellen zu können. So bezahlten für die Hetzereien gewissenloser oder gedankenloser Menschen mit Leben und Habe in erster Reihe die irregeführten Bauern und die ärmste jüdische Bevölkerung der Landgemeinden, deren höchster Wunsch, ja deren höchstes Interesse es ist, daß es den Bauern wohlergehe, damit aus deren Ueberflusse auch für sie sich ein befferes Dasein ergebe. Hoffen wir aber, daß aus den jetzigen Ereignissen, wie sie trauriger gar nicht gedacht werden können, sich jene Lehren ergeben werden, die allein dieses Land vor neuen Erschütterungen bewahren können: die Lösung der Bauernfrage muß ernstlich in Angriff genommen werden; das System ist aufzugeben, wonach die gesamte jüdische Bevölkerung ganz ungerechterweise als ein dem Lande feindliches Element behandelt wird — und demgemäß nicht immer an Gesetze gegen die Juden, sondern auch an solche für sie denken. Kullilche Lultände. Von S. Wiener. r ist dahin, den man per las oder nekag so oft mit Torguemada oder Arbuez zu vergleichen beliebte. Wird sich der Juden Schicksal nun besser gestalten? Wer kanrüs sagen! — Ich glaube nicht, daß er für alle Geschehnisse im Zarenreiche verantwortlich zu machen ist. Er hat sie nicht geschaffen und auch nicht das System, dem sie entsprangen, das er aber als getreue Zarenstütze mit zähem Eifer verteidigte. Er war eine hochangelegte Natur, ein tiefer Denker, ganz anders wie die von des Jahrhunderts Blässe angekränkelten und korrupten russischen Staatsmänner. Sein Fehler war nur, daß er das Uebel in der Ferne suchte und nicht im eigenen Lande und über die Splitter der westlichen Kultur die Balken der eigenen russischen ganz übersah. Das hauptsächlich hat das ganze System, das er vertrat, schließlich zum Fallen gebracht. Ob es aber anders werden wird, bezweifeln wir. Der Byzantinismus ist zu sehr mit der russischen Autokratie verwachsen, und diese sich entwinden zu lassen, daran denkt ja gar nicht der gegenwärtige Machthaber, trotz dem parlamentarisch-konstitutionellen Anlauf, der ruhig im Sande verlaufen wird. Bestenfalls ist eine Wiederherstellung des Status quo in Rußland zu erwarten, und dabei kommt fürs Judentum höchst wenig heraus, und all das Blut, das geflossen und vergossen worden, war leider vergebens und dürfte sich früher oder später abermals erneuern. Eine gar böse Perspektive, geschaffen durch die Leibgarde des Zarismus, den „Verband der echten russischen Leute", der das Damoklesschwert der Vernichtung unablässig über die Häupter des russischen Judentums schwingt. Man täusche sich nicht über die scheinbare Stille, die jetzt herrscht. Es ist die Ruhe des Grabes, denn der Hunger naht da mit Macht und absorbiert alle Kräfte. Das Volk ist auch erschöpft von dem langwierigen vergeblichen Kampfe, aber die anarchischen Zustände dauern fort, denn Raub und Mord sind an der Tagesordnung. Man hat nun hohererseits endlich die Weisheit des parlamentarischen Regimes „Zur Tagesordnung übergehen" begriffen und handelt klüglich danach, um die Außenwelt glauben zu machen: koräre regne en klussie. Der Vulkan wird schon wieder zu speien beginnen. Daß das System nicht von Pobjedonoszew herrührt, sondern lange vor ihm im heiligen Rußland bestanden hat, davon hat sich jeder noch in den verheißungsvollen sechziger Jahren der Negierungsära der Reformen Alexander II. überzeugen können. Wer die russische Residenz, Moskau oder Kiew oder sonst eine russische Stadt, die für das Judentum tabu ist, bereiste, fand sich förmlich nach Spanien versetzt. Die Marannenzeit lebte vor mir auf, da ich zahlreiche Juden fand, die äußerlich das Christentum angenommen, um sich dadurch das Recht des Aufenthalts in der Hauptstadt zu erkaufen, die ich aber feierlich Tefillin legen und die jüdischen Gebote heimlich

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