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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · p. Seite 173

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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173 ton den 3832 Pächtern, die man gezählt hat, mehr als zwei rittel, genau 2417, Rumänen, während nur 429 Juden und? 43 Fremde sind. Kann man unter solchen Verhältnissen die ^uden für das Elend verantwortlich machen, an dem die auern sterben und das zu den heutigen Aufständen geführt l at? Es ist augenscheinlich, daß dies nicht möglich ist.! ebrigens müßten ja, wenn die Behauptung der Antisemiten . ahr wäre, die Bauern sich nur auf den von Juden gepachteten i ütern empört haben, müßte der Aufstand sich nur auf diese « üter beschränken. Die Wahrheit aber ist, daß der Aufstand r sicher als selbst Kenner der Verhältnisse dachten, seinen anti- > mitischen Charakter verloren undeinen fast rein agrarischen < igenommen hat, und daß heute nur noch ganz leise die antii mitische Propaganda in der Tätigkeit der Aufständischen nach- ' iitgt. Ja die Wut der Aufrührer war bedeutender, ihre > reneltaten waren scheußlicher, der Rachedurst größer in!;r Walachei und in Bezirken, wo jüdische Pächter kaum als ltene Ausnahmen vorhanden sind . .. Uebrigens kommen auch in friedlichen Zeiten, wenn derBauer cduldig sein Elend und sein Joch trägt, hier und da Ausrüche gegen Gutsbesitzer oder Pächter vor. Man wird verglich nach solchen auf den von Juden gepachteten Gütern tchen. Die Chronik weiß von solchen mehr aus der Walachei i erzählen. Die Antisemiten haben viel Lärm geschlagen, eil, wie sie behaupteten, ein jüdischer Pächter namens appaport mehrere minderjährige Mädchen mißbraucht aben soll. Keinem Menschen wird es einfallen, ein so ge- >eines Verbrechen entschuldigen oder gar beschönigen zu wllen. Nun, Rappaport wurde von einem rumänischen Gellste freigesprochen. Trotzdem fährt man fort, für sein Zerbrechen die ganze jüdische Bevölkerung zu beschuldigen. In ner sozialistischen Broschüre wird aber folgender Fall erihlt, der ein Gegenstück zum Falle Rappaport bildet. Der achter des Gutes Parapani (Distrikt Vlaschka, wo jetzt gleich- ' ills Unruhen stattfinden) ließ jeden Abend die Frauen und achter der Bauern unter dem Vorwände, es wäre irgend ne Arbeit zu verrichten, zu sich kommen. Aus Angst vor cm Pächter lassen die Bauern die Weiber zum Gutshofe hen. Die Alten des Dorfes aber meinen, es sei kein Unteryied zwischen den Gewohnheiten der Pächter von Parapani iku und PeterJoanid und jenen der Türken, die einst dieses Land herrscht haben. Die Frauen und Mädchen werden jetzt wie daals vergewaltigt. Der Dorfschullehrer wollte sich diesem Treiben idersetzen, erhielt aber die Antwort, daß er mißhandelt und rtrieben werde. Niku Joanid fährt in einem mit sechs ierden bespannten Wagen durchs Dorf, und während er mit ner Hand die Zügel führt, hält er in der anderen einen evolver, mit dem er alles niederschießt, was ihm in den Weg ilft: Hunde, Schweine, Geflügel usw. Erst kürzlich berichtete rofessor Torga, der bekannte Antisemit, über einen, ähnlichen Fall. Diese Beispiele, die vermehrt werden könnten, sollen nicht wa besagen, daß alle rumänischen Gutsbesitzer oder Pächter eich schlecht und verbrecherisch seien. Es gibt unter ihnen cwiß viele, sehr viele brave, sehr brave Leute, die für den Bauern n Herz haben und sich Mühe geben, ihnen entgegenzukommen, ie erwähnten Fälle müssen sicher als Ausnahmen betrachtet 'erden. Ich habe diese Beispiele jedoch angeführt, um zu igen, daß es ungerecht ist, die jüdischen Gutsbesitzer, die schon as einem natürlichen Vorsichtsgefühle, weil sie keine Bürger rid und immer angegriffen werden, sich vor Ueberschreitungen üten müssen, für das ganze Bauernelend ausschließlich verntwortlich zu machen. Auch sollen durch diese Vergleiche ' icht etwa die jüdischen Pächter als reine Engel heraus- > cstrichen werden. Sie sind im Durchschnitte gewiß nicht besser als im Durchschnitte ihre rumänischen Berufsgenoffen. Ich stimme mit Herrn Carp überein, der meinte: „Geben wir zu, daß die rumänischen Pächter nicht besser sind als die jüdischen." Man braucht eben nicht ganz dem Marxismus ergeben zu sein, um in diesem Falle zu sagen: Nicht in der Rasse, sondern in der Klasse liegt das ganze Uebel. Nun wird ein besonderer Vorwurf den sogenannten Pächtertrusts gemacht. Es sind einige jüdische Familien, die große Güterkomplexe gepachtet haben nnd zwar zu sehr hohen Preisen. Es sind dies im ganzen drei, von denen nur zwei, die Fischers und die Justers, ungefähr 189 000 Hektar in ihren Händen haben. Kein geringerer als Herr Carp, ein Kenner der Verhältnisse und Großgrundbesitzer, der sein Gut selbst bestellt, hat sich in der Kammer verpflichtet, zu beweisen, daß die Trusts der Landwirtschaft und besonders den Bauern nicht nur nicht geschadet, sondern sogar genützt haben. Als Demokrat kann ich nun für diese Großpächter keine besonderen Sympathien hegen, für sie aber die ganze jüdische Bevölkerung verantwortlich machen und dem ärmeren Teil derselben in Dörfern und Gemeinden die winzige Habe zu vernichten — dazu gehört doch eine gute Portion Gefühllosigkeit. Es ist jedoch charakteristisch, daß selbst jette, die gegen die Trusts wüteten, sich nicht entschließen konnten, ein Gesetz gegen sie zu erlassen, was ihnen kein vernünftiger Mensch verübelt hätte. Noch charakteristischer ist, daß kein Grundbesitzer sich durch alle Anklagen, welche gegen die Trusts erhoben wurden, abhalten ließ, den Fischers ihre Güter zu verpachten. Alle diese bisher angeführten Argumente zeigen, daß die jüdischen Pächter nicht mehr als die rumänischen Gutsbesitzer und Pächter für das Bauerneleitd und die Bauernunruhen verantwortlich gemacht werden können. Um so weniger können dafür die andereit in den Dörfern und Marktflecken wohnenden Juden verantwortlich gemacht werden. Es wird ihnen nun in erster Reihe vorgeworfen, sie vergifteten die Bauern mit Alkohol. Mehr als 30 Jahre sind es her, seit es den Inden verboten ist, auf dem Lande Alkohol auszuschenken. Es sind wohl heute noch hier und da jüdische Wirtshäuser, deren Besitzer sich der Bürgerrechte erfreuen, weil sie oder deren Väter an dem Kriege teilgenommen haben. Auch soll zugegeben werden, daß manche mit Hilfe einer bestechlichen Verwaltung oder gar mit Hilfe des rumänischen Gutsbesitzers, entgegen dem Wortlaute des Gesetzes, hier und da eine Schenke halten. Bei dem Antisemitismus, der überall wütet, ist deren Existenz eine elende, ewig bedrohte und jedenfalls deren Anzahl eine äußerst geringe. Hat aber dieses Ausnahmegesetz etwa gewirkt? Keine Spur? Die Zähl der Wirtshäuser auf dem Lande hat sich immer vermehrt und vermehrt sich noch alljährlich. 1886 waren in Rumänien 23 533 Schenken, 1892 bereits 26 313 und heute dürften, gering geschätzt, 30 000 vorhanden sein, also auf 200 Einwohner ein Wirtshaus. Und deren Inhaber sind gewiß zu 90 Prozent Rumänen. Dann soll der Jude die Bauern au swucheru. Möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß unter den wenigen Dorfjuden da und dort auch ein Wucherer wohnt. Ich halte mich aber gerne an Tatsachen, und die Enqueten über die Wucherfrage, die verschiedene rumänische Politiker, keinesfalls Philosemiten, die hier selten sind, veranstaltet haben, erwähnen sehr wenig diesbezügliches. Die wichtigste, jene des ehemaligen Direktors der Nationalbank Nenitzescu, förderte grauenhafte Zustände zutage. „Zinsen von 1 Franken für 20 per Monat, das ist 60 Prozent, sind bereits als väterlich zu betrachten." sagt Herr Nenitzescu. „120 Prozent finden wir in allen Bezirken längs der Donau von Turnu Severin bis Galatzi. Im Dorfe Kleanova (Distrikt Mehedintzi) zahlen die Bauern 20 Centimen

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