Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · p. Seite 172

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228760--63437-3297329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

172 Zweitens, die Juden der Ostmark sind schon lange nicht mehr orthodox, sondern haben sich leider auch in dieser Beziehung so modernisiert, daß Taufen und Mischehen relativ denselben Prozentsatz aufweisen wie bei den Juden in Berlin und jenseits der Elbe. Diese beiden Jrrtümer, nämlich der anscheinende gewerbliche Boykott und die scheinbare orthodoxe Gesinnung der Juden in der Ostmark, haben einerseits seit Jahren zu einer Landflucht unserer Glaubensgenossen in die großen Städte beigetragen, andererseits aber jedem Nichtostmärker die Lust genommen, sich hier bei uns niederzulassen. Die traurigen Folgen sind der allmähliche Niedergang der einst so blühenden jüdischen Volksschulen, das allmähliche Schwinden religiöser Gesinnung und das verderbliche laisser faire — laisser aller der wenigen noch einflußreichen Glaubensgenossen in der Ostmark. Unsere Synagogen-Bezirksverbände — wir haben deren zwei allein in der Provinz Posen — unser Verein jüdischer Lehrer der Ostprovinzen sehen diesem seit Jahren anhaltenden Niedergang mit verschränkten Armen zu. Eine Anzahl kleiner Gemeinden ist nicht in der Lage, ihren Kindern einen geordneten Religionsunterricht zu erteilen, jüdische Volksschulen, die sich noch lange hätten halten können, müssen sich auflösen, weil unsere Glaubensgenossen nicht früh genug ihre Kinder in die höheren Knaben- und Mädchenschulen schicken können, ein Zuwachs ist bei dem französischen System, das in unseren jüdischen Ehen ganz besonders Anwendung findet, ausgeschlossen. Ja, selbst wenn noch eine jüdische Volksschule am Orte besteht, schickt man bisweilen die Kinder in die evangelische Schule und zahlt dort ein besonderes Schulgeld, neben den Schulsteuern für die jüdische Volksschule, weil man doch unmöglich seine Kinder mit denjenigen des Schammes, des armen Hausierers oder des Almosenempsängers auf einer Bank sitzen lassen mag, ohne zu bedenken, daß in jenen Schulen das soziale Milieu, aus welchem die Schüler stammen, fast ebenso niedrig, vielleicht noch niedriger ist als das unserer jüdischen Volksschulen. Fast in jedem kleinen Städtchen der Provinz werden unter der Führung unserer Glaubensgenossen, unter großen Opfern, sogenannte „höhere" Mädchen- und Knabenschulen gegründet, deren Lehrziel nicht weit über dasjenige der Volksschule hinausragt. Wollte man aber von diesen opferfreudigen Glaubensgenossen höhere Beiträge zur Erhaltung der jüdischen Volksschule oder eines fremdsprachlich gebildeten jüdischen Volksschullehrers, der sein Mittelschullehrerbezw. Rektoratsexamen bestanden hat, verlangen, dann würde man in den beweglichsten Tönen zur Antwort erhalten: Unsere Gemeinde ist zu klein, sie kann nach dem Wegzuge der großen Steuerzahler die Schule nicht mehr erhalten. Das sagen dieselben Herren, die vielleicht 24 bis 40 Mark jährlich für Schule und Synagoge aufbringen, aber ohne mit der Wimper zu zucken für die unglückseligen Schulgebäude der Privat-Knaben- und Mädchenschulen 100 bis 200 Mark jährlich aufwenden. Ist also aus diesem Wege ein geordneter, d. h. ein von einein staatlich geprüften Lehrer erteilter Religionsunterricht nicht mehr möglich, dann wendet man sich an das sogenannte Hilfsseminar in Posen, das den Zweck hat, junge Leute, die iu anderen Berufen Schiffbruch gelitten haben, schlecht und recht durch ein wenig Unterricht im Chasames, in der Schechita und im Hebräischen zu Kantoren und „Religionslehrern" (sie) auszubilden. Dieses Institut ist so recht geeignet, der jüdischen Volksschule den Todesstoß zu versetzen. Denn nunmehr sind die Herren Gemeindevorsteher ja aller Sorge für den Religionsunterricht enthoben. Was tut es auch, wie den Kindern der Religionsunterricht erteilt wird, sie werden ihn später ja doch vergessen, wenn sie nur ein bißchen „dawenen" können und zur Not die Festgebräuche kennen lernen und zur „Barmizwah" vorbereite werden! — Daß aber in vielen kleinen Gemeinden selbst eii Chasen und Schochet überflüssig ist, weil die Mehrzahl m> an den bekannten drei Tagen im Jahr das Gotteshau besucht und nicht mehr „koschere" Wirtschaft hat, vergesse, jene Herren, die an dem Niedergange der jüdischen Volks schulen arbeiten. Und da draußen hält man unsere Provin in religiöser Beziehung für ein zweites Jerusalem, für ein Hochburg der Orthodoxie! Aber auch liberal können wir di Mehrzahl unserer Glaubensgenossen in der Provinz nich nennen. Denn ein liberaler Jude hat doch warmes Jnteress für eine geläuterte religiöse Jugenderziehung, für den Bestan der jüdischen Institutionen, unsere Landsleute aber sind leide zum größten Teilvollkommen indifferent, selbst da, wo el Rabbiner mit aller Begeisterung und allem Eifer seine Amtes waltet. Für heute will ich diesen ersten Posener Brief schließen um Ihnen nächstens über den sogenannten vermeintliche, geschäftlichen und gesellschaftlichen Boykott sowie über bi soziale Stellung unserer Glaubensgenossen in der Ostmarl einiges mitzuteilen. Z'w, Dir Wahrheit über Numänikn. Berlin, 6. Aprii s wird jetzt in der europäischen Presse viel über die Lage de Juden in Rumänien teils für, teils gegen sie geschrieben Aber klarer und mit größerer Objektivität und Sachkenntni hat noch niemand diese Lage beurteilt, als der Bukareste Korrespondent der „Frankfurter Zeitung", der am Schlup einer Artikelserie über die Bauernbewegung in Rumänie, (Nr. 93) folgendes Bild von den Verhältnissen der dortige, Juden entwirft: Ueber die elende Lage der Bauern gibt es nur ein Stimme. Wenn es aber darauf ankommt, die Ursache ode die Ursachen dieses Elendes anzugeben, machen es sich di meisten rumänischen Politiker leicht, indem sie auf die Jude, Hinweisen. Gar oft irren sie im guten Glauben. Der in stinktive Haß gegen die Juden ist ja auch anderwärts noci nicht von einer aufgeklärten Kultur gemildert oder gar aus gerottet worden. Es gab aber Leute, die sicherlich in de, Juden den Ableiter für den Ausbruch der Leidenschaften sehe, zu können glaubten. Auch muß zugegeben werden, daß seil Jahrzehnten trotz aller Ableugnung eine immer aus gesprochenere judenfeindliche Tendenz im ganzen Wirken de' Regierungen zu beobachten war. Die Schule lvurde, stat eine Pflegestätte der Liebe zu sein, eine solche des Hasses, un> die Früchte dieser falschen Erziehung haben sich bereits gezeigt Aus den Städten und von den Schülern und Studentei, unter Leitung von Lehrern und Professoren, ist die ant, semitische Bewegung ausgegangen, die jetzt, während ich dies Zeilen schreibe, den antisemitischen Charakter fast ganz ve, loren hat. Abgesehen davon, daß im Elend der Bauern die Haupt Ursache des Aufstandes zu suchen sei, kann man, sofern d, persönliche Einfluß der Gutsbesitzer und Pächter nicht z bestreiten ist, keinesfalls die Schuld ausschließlich auf d, Pächter jüdischer Abstammung oder gar auf die gesamt jüdische Bevölkerung wälzen. Denn von dem rumänische Großgrundbesitz sind nur 58 Prozent verpachtet, währen 42 Prozent von den Besitzern bewirtschaftet werden, und dies sind, ja dürfen nur Rumänen sein. Andererseits aber sin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.