Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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m Aufträge Merry bet Vals dem Baron Gustav Rothschild aus Anlaß des Todes von dessen Bruder Baron Alfons Rothschild abgestattet hat. Montagnini erwähnt, daß Baron Gustav Rothschild die Bekämpfung der Kongregationisten und das Trennungsgesetz auf das schärfste beklagt habe, welch letzteres für die Republik selbst verhängnisvoll werden könnte. Rothschild, der bei Montagnini eine große Rolle spielt, finde den Trennungsplan gefährlich und sagte, er sei eine Tat der Undankbarkeit gegen die katholische Kirche, der man Frankreichs Größe verdanke. Der Beileidsbesuch ist Montagnini ausdrücklich aus Rom vorgeschrieben. Rothschild dankt gerührt für die Aufmerksamkeit und läßt den Papst bitten, der Familie auch weiter sein altes Wohlwollen zu bewahren. Montagnini findet den Baron Gustav Rothschild trotz seines hohen Alters (78 Jahre) sehr klar und klug, sehr gläubig und weniger nachtragend als Baron Alfons, der sich die Dreyfussache sehr habe nahegehen lassen. Montagnini erhält aus Rom den Auftrag, alle seine Gelder bei Rothschild zu hinterlegen und von ihm für 100 000 Franken Spanische Rente kaufen zu lassen. Für das Album der „Germania"! Nachdem für die dringendste augenblickliche Not der durch die Unruhen in Rumänien Geschädigten gesorgt ist, erwächst den jüdischen Organisationen jetzt die Aufgabe, die weitere umfassende Hilfstätigkeit planvoll und zweckentsprechend durchzuführen. Man schreibt uns hierüber: Als die Gefahr ersichtlich wurde, daß sich das Hilfswerk zersplittere, begab sich Herr Dr. Paul Nathan vom Hilfsverein der Deutschen Juden nach Bukarest, um für die notwendige Einheitlichkeit, durch die allein ausreichend, zweckmäßig und gerecht für die Geschädigten gesorgt werden konnte, zu wirken. Es wurde in Bukarest ein Komitee gebildet, das aus den einflußreichsten rumänischen Glaubensgenossen besteht und dem auch der Vertreter der Jewish Colonisation Association, Herr Astruc, die Genehmigung aus Paris vorausgesetzt, angehören wird. An der Spitze des Komitees steht Herr Rabbiner Dr. Beck, Bukarest. Durch die Bildung des rumänischen Komitees sind für die Arbeiten in Rumänien selbst die notwendigen Voraussetzungen geschaffen. Das Komitee wird ferner dafür sorgen, daß auch unsere wohlhabenden Glaubensgenossen in Rumänien opferwillig sich an dem Hilfswerk beteiligen. Das Komitee in Bukarest sendet nach allen geschädigten Orten Emissäre, durch die nach genau festgesetzten Modalitäten die Abschätzung des Schadens vorzunehmen ist. Trotz der größten Beschleunigung wird diese Arbeit vor Ablauf von einigen Wochen sich nicht erledigen lassen. Aus der Rückreise von Bukarest hatte Herr Dr. Nathan eingehende Besprechungen mit den leitenden Persönlichkeiten der Israelitischen Allianz in Wien, die sich mit den Vereinbarungen in Bukarest einverstanden erklärten. Der Verkehr des Komitees in Bukarest mit den einzelnen jüdischen Organisationen im Auslande vollzieht sich durch die Wiener Allianz. Dort laufen die Nachrichten zusammen, die dann an alle übrigen Organisationen weiter gegeben werden, und von dort werden die Vorschläge übermittelt, über deren Annahme nach Einvernehmen mit den anderen Korporationen entschieden wird. Was die Lage in Rumänien anlangt, so ist jetzt daselbst nach den Nachrichten, die Herr Dr. Nathan überbracht hat, die Ruhe zurückgekehrt. Wenn auch die Situation ihren ernsten Charakter noch nicht ganz verloren hat, so ist sie doch im Augenblick für unsere rumänischen Glaubensgenossen nicht wesentlich bedrohlicher, als für die anderen Einwohner des Landes. Sämtliche nach der Bukowina geflüchteten Juden sind denn auch bereits znrückgekehrt. Die ersten Unruhen, die in der Moldau ausbrachen, trugen einen rein antisemitischen Charakter, und die Behörden verhielten sich bei der Unterdrückung dieser Exzesse zunächst passiv. Als aber auch die Walachei von den Unruhen ergriffen wurde, und diese Unruhen sich vornehmlich gegen die Großgrundbesitzer kehrten, wurden energische Maßregeln getroffen, um sowohl in der Moldau wie in der Walachei die Ausstände niederzuschlagen. Sehr prekär ist immer noch die Lage derjenigen Inden, die vor der Wut der verhetzten Bauern aus den Dörfern in die rumänischen Städte geflohen sind. Es wird die Aufgabe der rumänischen Regierung sein, diesen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Wohnstätten mit tunlicher Beschleunigung zu ermöglichen. Wenn es gelingt, diese in die Städte Geflohenen in ihre Wohnsitze aus das Land zurückzubringen und sie wieder ihren früheren Berufen zuzuführen, so ist es möglich, daß eine starke Auswanderung hintangehalten wird. Als Zeichen des guten Willens der jetzigen rumänischen Regierung wäre es zu betrachten, wenn sie die Rückkehr der von den Dörfern Verjagten schnell und energisch in die Wege leitete. In mannigfachen Unterredungen mit hervorragenden Politikern, so mit dem Ministerpräsidenten Sturdza und dem Minister des Innern Bratiano, hat Herr Dr. Paul Nathan für eine Besserung der Lage unserer rumänischen Glaubensgenossen zu wirken sich bemüht. Von dem Minister des Innern, Herrn Bratiano, erhielt er die formelle Zusicherung, daß alle Einwohner Rumäniens, gleichviel welcher Konfession oder Nationalität, gleichmäßig geschützt werden würden. Man darf hoffen, daß die akute Krisis in Rumänien jetzt vorüber ist; die wirtschaftlichen Wunden, die die Unruhen geschlagen, sind aber sehr schwere, und man kann sich darüber nicht täuschen, daß es noch langer Anstrengungen bedürfen wird, bis unsere Glaubensgenossen in Rumänien die staatsbürgerliche Gleichstellung errungen haben werden. r-ZM Kolener Sriek. Bind schon die Bewohner der Ostmark, ihr Kultur- und Geistesleben, vor allem aber ihre politischen Kämpfe den deutschen Volksgenossen gegenwärtig so interessant, daß besonders Zeitungskorrespondenzen für die größten deutschen Blätter gegründet worden sind, um wie viel mehr Interesse muß die Lage unserer Glaubensgenossen erwecken, die sozusagen die Reibungsflächen für die nationalen Kämpfe in der Ostmark abgeben. Zur Kenntnis dieser Lage glaube ich durch meine amtliche Wirksamkeit in der Provinz Posen, die sich über einen Zeitraum von vierunddreißig Jahren erstreckt und die mich oft mitten in das Parteigetriebe hinein geführt hat, in die Kultur- und geistigen Bestrebungen unserer Glaubensgenossen und der Andersgläubigen, bisweilen sogar an entscheidender Stelle, ein bescheidenes Teil beitragen zu können. Was man bisweilen über die Posener Juden hörte, ist entweder veraltet oder gilt nur für einen beschränkten Kreis und wird trotzdem von dem Berichterstatter bezw. Briefschreiber generalisiert, der seine Parteibrille aufsetzt, durch diese seine Umgebung ansieht und sagt: „So sieht die Welt aus!" Er sieht nur dasjenige, was ihm seine Brotherren auftragen. Sie aber, sehr geehrter Herr Redakteur, geben mir keine bestimmten Anweisungen, Sie wollen nur ein Bild der Wirklichkeit haben, und damit dienen wir unserer Sache auch am besten. Da möchte ich nun vor allem zwei weitverbreitete Jrrtüiner richtig stellen, die in unseren politischen Tageszeitungen und jüdischen Zeitschriften schon seit Jahren gedankenlos nachgesprochen werden: Erstens, die Juden in der Ostmark sind von ihren andersgläubigen Mitbürgern nicht Ui den gewerblichen und gesellschaftlichen sowie politischen Boykott getan, wenigstens nicht in dem außerordentlichen Umfange, wie es in den Kundgebungen unserer Abwehrvereine zum Ausdruck kommt.