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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-12 · Heft 15 (12.4.1907) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 Standes zu sein. Ihre Rechtfertigung einmal zu hören, wäre besonders interessant. Nun gibt es, wie wir oben angedeutet haben, noch einen andern, heute recht gebräuchlichen Weg. Eltern, die selbst Juden bleiben, lassen ihre Kinder laufen. Die Eltern fühlen, daß es schmählich ist, ohne innere Ueberzeugung eine andere Religion anzunehmen; warum aber, so fragen sie, sollen wir nicht unsere Kinder vor den Vorurteilen bewahren, unter denen wir selbst so viel gelitten haben? Ich sehe ab von einer besonders heiteren Form, wo Eltern ihre Söhne taufen ließen — aber nicht ihre Töchter. Den Buben die Kirche, den Mädchen die Synagoge, den Söhnen die Karriere, den Töchtern die Ehe. Auf dieser Paarung christlicher und jüdischer Religion lastet zu sehr der Fluch der Lächerlichkeit, als daß man sich ernstlich damit zu beschäftigen braucht. Ich behalte die äußerlich ernstere und würdigere Form im Auge, wo Eltern, denen aus Gründen der eigenen Ueberzeugung der Uebertritt unmöglich ist, ihre Kinder ohne Unterschied des Geschlechts dem christlichen Glauben zu führen. Aber auch hier suchen sich die Eltern über ihre eigene Charakterschwäche hinwegzntäuschen. Stehen die Eltern noch auf dem Boden der jüdischen Religion, so wäre es ein grober Ueberzeugnngsbruch, die Kinder nur irgend welcher Vorteile willen einer anderen Religion zuzuführen; stehen die Eltern aber auf freireligiösem Boden, auf dem Boden keiner Konfession, so mögen sie ihre Kinder in ihrem freien Geiste erziehen; unverantwortlich aber ist es vor den Gesetzen der Wahrheit und der Vernunft, die eigenen Kinder einem Glauben zuzuführen, der nicht der Glaube der Eltern ist. Und dann die Erziehung des Charakters der Kinder! Wer es mit angesehen hat, für den wären Erörterungen wahrlich unnötig. Die Kinder merken in frühester Jugend, daß etwas nicht stimmt; sie sind Christen, die Eltern Juden; sie wachsen nicht auf auf einem festen Boden, auf dem allein sich Charaktere entwickeln können; eine Halbheit, eine Unsicherheit haftet sich ihnen an und läßt sie nicht los Zeit ihres Lebens. Da kommt der Augenblick, wo sie sich schämen, daß die Eltern Juden sind; da kommt das Erröten über die eigene Familie. Seelische Konflikte schlimmster Art sind unausbleiblich. Die Leidensgeschichte eines zartfühlenden jüdischen Kindes ist groß; die Leidensgeschichte dieser Kinder wird größer sein- Zuviel Tradition ist ein Unglück, aber ein Unglück, das eher zu tragen und zu überwinden ist, als der Mangel jeglicher Tradition. Und der Grund dieser Mißgriffe? Der Antisemitismus. Aber noch ein anderer. Der mangelnde historische Sinn vieler Juden. Wer historisch denkt, hat Geduld. Von der Emanzipation der Juden bis heute sind große Fortschritte gemacht; die Befreiung und Aufklärung der Geister schreitet fort, langsam, aber unaufhaltsam. Ob es nicht besser wäre, anstatt sich zu verleugnen, die Kinder zu Selbstbewußtsein und Charakterstärke zu erziehen? Ob das deutsche Volk, das schließlich doch einmal den Regierungen seine eigene bessere Moral aufzwingt, den Juden, der für seine Gemeinschaft eintritt, nicht höher wertet als den getauften Juden? Wir haben schwere und tiefe Fragen angeschnitten, und mancher denkt, es ist eine peinliche Sache, über die man besser schweigt. Wir haben aber stets die Wahrheit gesucht und ausgesprochen, wo andere ihr aus dem Wege gingen und sie zu verschweigen suchten." Sie Woche. Berlin, 9. Apul. uch aus den stenographischen Protokollen des Reich - tages haben wir einen kleinen, aber charakteristisch n Nachtrag zu liefern. Wir haben zwar die Aeußerung, um! je es sich handelt, seinerzeit, bald nachdem sie gefallen, registrie t, aber im Zusammenhänge nimmt sich die Sache doch n ch ganz anders aus, und es ist darum notwendig, darauf zurr kznkommen. In der Reichstagssttzung vom 6. v. M. hat Ui antisemitische Abgeordnete Bindewald eine Stelle aus h'r Denkschrift der Regierung über die Kolonien zu einem Abfall gegen die Juden benutzt, der für unsere Antisemiten ezeichnend ist. Die betreffende Notiz lautet: „Die in Swakopmund zahlreich vertretenen Israeliten haben ' dort zu einer Kultusgemeinde zusammengetan und pflegen neben d m Gottesdienst die Unterstützung kranker und armer Glaubensgenosse An diese für die Juden durchaus ehrenvolle Notiz knüp tc der Antisemit Bindewald nachstehende, seiner Denkungsc rt völlig entsprechende Betrachtung: „Daß eine israelitische Gemeinde bereits in Swakopmund beste l, ist der beste Beweis dafür, erstens, daß in der Kolonie etwas .u holen ist, denn sonst würden die Juden nicht hingehen, und zweite? daß wir bereits eine große Anzahl von Juden in der Kolonie Hab n. Zum dritten geht daraus hervor, daß die Juden dort nicht attbr;* sind als bei uns auch, indem sie einseitig für ihre armen Glaube *= genossen (?) eintreten. Es wäre viel schöner, wenn in der Denksckn 'i zu lesen wäre, daß diese Juden sich in dem Feldzug recht Patriotdi gezeigt hätten, und daß da besondere Leistungen für die deuts iu Kolonie zu verzeichnen wären. Das wäre jedenfalls viel schöner, li was wir hier lesen. Auf Seite 92 und 93 befinden sich auch ein Stellen, die entschieden darauf schließen lassen, daß die jüdische u ib die fremde Bevölkerung sich in der Kolonie stark eingenistet hat.; heißt auf Seite 92: „Unternehmende Leute fischen in der Walsischl ii j und bringen die Beute nach Swakopmund, wo sie ein Zwisch n-! Händler mit lohnendem Verdienst an die Haushaltungen absetzt." di | bin überzeugt, wenn man nach dem Namen dieses Zwischenhündl r forscht, so wird derselbe Lewi oder Kohn heißen. Weiter auf Sk te 93 heißt es: „Auch die vorwiegend aus Kapstadt eingewande jüdische Konkurrenz hat diesen Zustand nicht zu ändern v imocht." Es ist vorher von den hohen Preisen die Nede. Da möcie ich den Herrn Kolonialdirektor bitten, im Interesse der Entwickln >.g von Südwestafrika dafür zu sorgen, daß gerade die fremdrassü n Elemente der Juden aus unserer Kolonie ferngehalien werden. £ ie müssen aus der Kolonie ferngehalten werden, denn als Farmer u rt als Ackerbauer sind diese Leute nicht tätig, sondern sie sind es, ie nachher den Rahm von der Milch abschöpfen, und deshalb wäre ’« | wünschenswert, daß diese fremden Elemente nach Möglichkeit t " I geschoben würden!" j Daß Juden in dem Feldzug gegen die Hereros sich patrioti t gezeigt, daß sie große Opfer gebracht, weiß jeder — außer di n Abgeordneten Bindewald. Dagegen weiß dieser, was wir a rt nicht wissen und auch bis zur Führung des Nachweises! - streiten, daß die Zwischenhändler in Swakopmund „Levi oi r Kohn heißen". Fast scheint es, als wäre der ganze Ausf ll weniger gegen die dortigen Juden als — gegen den Koloni e direktor gerichtet gewesen, den man gern etwas in Verlegenh it bringen wollte, und an dessen „orientalischer Phantasie" ni auch schon der Zentrumsabgeordnete Dr. Schädler Ans-di; genommen hatte. * Ein interessantes Stück aus den jetzt so viel besprochen» Papieren des päpstlichen Gesandten in F ran kr eich, Monsigm Montagnini, veröffentlicht die „Auiorite", nämlich ein Blatt tu* seinem Notizbuch über einen Kondolenzbesuch, den er

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