Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 15. Allgemeine Berlin, 12. April 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pr eisdurch Buchhandel oder Post (in verlin-u. vorcrten durch unsere Verrriebsst llen) b zogen vierieijährl. 3 M. Re -akteurr Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. VkiIsgs-LxiieMlm: Berlin, Jernsalemerstr. 46/43. Alle Zu endungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresie Verlag der ^AUgem Zrttung des )udentums", Berl.n SW., Jerusalemer Siraße 4&/49, Z" richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Ron der Tanke der Juden. Berlin, 8. April. „Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht. Der bleibt sürwahr ein erbärmlicher Wicht!" anter obigein Titel und mit diesem Motto bringt der „Badische Landesbote", das Zentralblatt der barschen Demokratie, also gewiss in beit Fragen, um die es sich ier handelt, ein absolut unverdächtiger Zeuge, in seiner ülmmer vom 26. v. M. den folgenden höchst wichtigen Aufsatz, >m wir Wort für Wort unterschreiben und der ernsten Belerzigung aller, die es irgendwie angeht, empfehlen. „Die Uebertritte von Inden zum Christentum mehren sich un Tag zu Tag; bald treten Erwachsene über, bald lassen cktern, die selbst noch im Judentum bleiben, ihre Kinder aufen. Das ist nun nicht, wie man auf den ersten Augenblick mnehmen möchte, eine interne Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft, sondern es spielen hier Fragen herein, die das anze deutsche Volk betreffen. Von diesem Gesichtspunkt aus ceten wir einmal dieser Erscheinung näher, auf die Gefahr mannigfachen Widerspruchs und vieler Mißverständnisse. Diese )inge müssen einmal besprochen werden im Interesse der rutschen Bolksgemeinschaft. Wir haben in Deutschland einen starken Antisemitismus, ärker wie in den meisten anderen Kulturländern. Die Gleichberechtigung der Juden, in der Verfassung verbrieft, riskiert in Wirklichkeit nicht; von der Verwaltung sind die uden in allen deutschen Bundesstaaten sogut wie auseschlossen; die Richterkarriere verschließen ihnen einzelne eutsche Staaten, andere erschweren sie. Die ordentliche Prossur ist an vielen Hochschulen von der Taufe abhängig; im ffizierkorps sind Juden nicht geduldet. Noch schlimmer der gesellschaftliche Antisemitismus. Judeneine Vereine, judenreine Studentenverbindungen, judenreine Freimaurerlogen „zur Pflege der Toleranz".' Wir treten in eine Kritik dieser Zustände ein; sie sind, sie werden inJahrehnten nicht verschwunden sein. Um den Schwierigkeiten, die der Antisemitismus ihnen ereitet, zu entgehen, lassen sich nun viele Juden, die zu ihrer ieligion keine Beziehungen mehr haben, taufen. Sie eröffnen ch damit eine beffere Karriere; der unduldsame Staat wird lötzlich dem getauften Juden gegenüber merkwürdig tolerant. Erzählt man sich doch auch aus unserem badischen Mustermde das gute Stücklein von dem jüdischen Juristen, dem sie ie Verwaltungslaufbahn zunächst verschloffen, aber nach der Laufe eröffneten. Als er dankerfüllt zum Minister kam, soll der ihn mit den heiteren Worten empfangen haben: „Sehen Sie, es geht schon besier!" Die Argumentation dieser neuen Christen ist eine sehr einfache : „Juden sind wir nicht; wir glauben nicht an unsere Lehre; die Gebote unserer Religion existieren für uns nicht; sie sind uns nahezu völlig unbekannt. Warum sollen wir nicht, um dem Antisemitismus auszuweichen, unsere Religion, der wir tatsächlich längst nicht mehr angehörten, auch formell aufgeben?" Bis dahin ist die Argumentation ganz gut, wenn schon vornehmere Naturen gerade wegen des Antisemitismus im Judentum bleiben. Fahnenflucht in Zeiten der Gefahr ist immer verächtlich. Aber die Sache hat eine andere, schlimmere Seite. Diese Juden treten nicht nur aus dem Judentum aus, um sich, der Wahrheit gemäß, freireligiös zu erklären. Das bringt keinen Nutzen; sondern sie treten zum Christentum über, an das sie so wenig glauben, wie an ihr altes Judentum. Die seltenen Fälle, wo Juden aus innerer religiöser Ueberzeugung Christen werden, scheiden selbstverständlich aus unserer Betrachtung aus; ein Religionswechfel aus Ueberzeugung ist eine heilige Sache des Gewissens. Der Normalfall aber ist der, daß ein Jude, der so wenig an das Christentum wie au das Judentum glaubt, sich taufen läßt. Und hier liegt das Tieftraurige der Sache. Nicht sein Austritt aus dem Judentum ist das moralisch Verwerfliche; sein Uebertritt zum Christentum, die große Lüge, die er in feierlicher Form ausspricht, um sich materielle oder gesellschaftliche Vorteile zu erkaufen, macht den getauften Juden so verabscheuungswürdig. Ein Religionswechsel aus Gründen kluger Erwägung mag eine Sache der Fürstenhöse fein; das Volk hat kein Verständnis dafür. Der Staat aber, dieser Wächter der Sitte und Moral, belohnt diese Charakterlosigkeit; er setzt eine Prämie ans sie aus; er heißt den Streber, den die Lüge nicht schreckte, willkommen, den charakterfesten Juden aber stößt er von sich. Wir verlangen volle Gleichberechtigung für die Angehörigen aller Konfessionen; die Frage aber wäre zu prüfen, ob nicht im Interesse der moralischen Reinheit der Beamtenschaft dem getauften Juden, der ohne Ueberzeugung den „Glauben" wechselte, staatliche Stellen zu verschließen wären. Die Geistlichen aber, die — und das ist die Regel — in genauer Kenntnis der wahren Gesinnung des „von der Wahrheit der christlichen Lehre überzeugten" Juden, einen heiligen Akt ihrer Religion in dieser schmählichen Weise mißbrauchen lassen, scheinen uns auch merkwürdige Vertreter ihres