Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1907)
- Date
- 1907-04-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Gemeindeinstitutionen qm stiefmütterlichsten bedacht worden seren, und weist zahlenmäßig nach, daß, während die anderen Verwaltungen einen erhöhten Zuschuß erhalten, dre Alterversorgungsanstalten eine Reduzierung der Zuwendung erfahren hätten. Die neu errichteten Anbauten mit ihren 72 Zimmern könnten unmöglich leer gelassen werden, weil die Subvention verweigert werde. Herr Emil Pincus weist — wie in der ersten Lesung — mit großem Nachdruck darauf ' hin, daß die Alterversorgungsanstalten von selbst gern auf die Unterstützung der Gemeinde verzichten wollen, sobald die den Anstalten zugewendeten Geschenke dies zulassen. Nicht mit Unrecht hebt er hervor, daß, wenn überhaupt ein Zuschuß der Gemeinde gegen das Statut verstoße, auch der jetzige kleinere Zuschuß statutenwidrig sein müsse. Er bat, im Interesse der Anstalten den erhöhten Zuschuß nur für zwei bis drei Uebergangsjahre zu gewähren, und erklärte, daß die Anstalten nur diejenigen Personen aufnehmen werden, sür deren Unterhaltung Stiftungen gespendet worden seien. Kommissar Eisner widerspricht der Erhöhung und erwähnt, daß die Annahme der Geldmittel für die Erbauung der neuen Anbauten nur unter der ausdrücklichen Bedingung erfolgt sei, daß keinerlei Zuschüsse für die Anstalten gewährt werden sollten. Herr Willibald Loewenthal betont, daß, je mehr die Anstalten sich darauf verlassen, von der Gemeinde aus dem allgemeinen Säckel Zuschüsse zu bekommen, desto mehr das Interesse jedes einzelnen für die Anstalten geschwächt werde. Deshalb bittet er, dem Anträge des Gemeindevorstandes zll folgen. Auch Herr Louis Sachs empfiehlt, die Annahme des Etats nicht durch diese Position zu gefährden; er ist überzeugt, daß der Gemeindevorstand im zweiten oder dritten Jahre die Subvention erhöhen werde, falls die Anstalten mit ihren Mitteln nicht auskommen würden. Trotzdem noch einmal die Herren Manheim er und Pincus sehr warm für die Belastung des erhöhten Zuschusses zugunsten der Anstalten, die, wie Herr Manheimer hervorhebt, der Gemeinde auf dem Präsentierteller entgegengebracht worden seien, eintreten, wird die Ablehnung der Position in der Abstimmung doch mit sieben gegen acht Stimmen beschlossen; in der ersten Lesung hatten sich nur drei Stimmen gegen die Annahme des Antrages erhoben. Ein Antrag Dr. Ignaz Cohn, den Waisenanstalten zu gestatten, verlassene „und andere hilfsbedürftige" Kinder aufzunehmen, bedingt nach den Ausführungen von Louis Sachs eine Statutenänderung der Waisenanstalten und wird deshalb in einer besonderen Vorlage zur Beratung gestellt werden. Ein Antrag Kalischer, in den Titel Subventionen für Religionsvereine noch 10 000 Mark mehr einzustellen, wird nach kurzer Debatte vom Antragsteller wieder zurückgezogen. Damit schließt die zweite Lesung, der Etat wird mit den erhöhten Positionen einstimmig angenommen. — Die ferneren auf der Tagesordnung befindlichen Vorlagen werden in schneller Folge fast debattelos angenommen. Die Zuwendung des Herrn Rentier Josef Loewenthal an das Krankenhaus in Höhe von 3000 Mark wird genehmigt. Zur Prüfung der Ausgabepositionen für die festgottesdienstlichen Veranstaltungen wird eine aus den Herren Loewenthal, Professor Blaschke, Benas Levh und Gerson Simon bestehende gemischte Deputation eingesetzt. Zur Beköstigung Strafgefangener in Insterburg werden 50 Mark, zurPessachbeköstigung Strafgefangener in Brandenburg a. H. 200 Mark bereitgestellt. Zur Anschaffung zweier Aktenschränke wird ein Betrag bis zur Höhe von 300 Mark gewährt, die Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidenden , Mitglieder der Waisenkommission und des Krankenhausvorstandes beschlossen. Durch Akklamation erklärt sich die Versammlung einverstanden mit der Mietung folgender Säte zur Veranstaltung von Festgottesdienst: Fiebigscher Saal, Beethovensaal, Langenbeckhaus, Oberlichtsaal der Philharmonie, Logenhaus (Joachimsthalerstraße) und Residenzsäle. Die letztgenannten drei Räume sind für den Jugendgottesdienst bestimmt. Einstimmig tritt auch die Versammlung dem Beschluß des Gemeindevorstand.es bei, die Kapitalien des Pensionsfonds und des Reliktenfonds im Betrage von ungefähr 338 000 Mark, vorbehaltlich späterer Deckung aus der aufzunehmenden Anleihe, sür die aus der letzteren zu bestreitenden Ausgaben zu verwenden. Die augenblickliche Lage des Geldmarktes läßt es nämlich ratsam erscheinen, bis zur Ausnahme von Kapitalien sür die genehmigte Gemeindeanleihe noch einige Zeit vergehen zu lassen. Damit schloß die öffentliche Sitzung. Aus der geheimen Sitzung teilen wir noch mit, daß der in ber Gemeindeverwaltung tätige Herr Dr. Jsma r Freund zum theologischen Beirat des Gemeindevorstandes gewählt worden ist. 8. Berlin, 2. April. Nachdem die Grobloge u. O. B. B. für Deutschland beschlossen hat, sich mit 40 000 Mark an der vom Deutsch- Israelitischen Gemeindebund beabsichtigten Errichtung einer Erziehungsanstalt für schwachsinnige jüdische Minderjährige zu beteiligen, ist damit die nötige Bausumme vervollständigt. Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat demgemäß beschlossen, in Gemeinschaft mit der Großloge den Bau baldmöglichst in Angriff zu nehmen. s. Berlin, 3. April. Im Krankenhause der jüdischen Gemeinde wird neben den bereits bestehenden Polikliniken für äußere und innere, sowie für Hals-, Nasen-, Ohren- und Frauenkrankheiten am 1. April er. auch eine augenärztliche Poliklinik eingerichtet, die von 8V2 bis 91/2 Uhr vormittags geöffnet sein wird. — Das jüdische Genesungsheim in Lehnitz soll in diesem Jahre bereits am 8. d. M. wieder eröffnet werden. In Anbetracht dessen, daß in den Sommermonaten das Heim stets überfüllt ist, empfiehlt es sich für Erholungsbedürftige, ihre Gesuche um Aufnahme in das Heim, unter Beifügung eines ärztlichen Ältestes, sofort an das Bureall des Vereins jüdisches Genesungsheim, Rosenstraße 2/4, zu richten. §. Berlin, 1. April. Anl Vorabend des Passahfestes fand die Feier der Einweihung der neuhergestellten Tiergarten-Synagoge an der Potsdamer Brücke statt. Das Gotteshaus, das nach seiner Renovierung einen sehr würdigen und vornehmen Eindruck macht, war in allen Teilen gefüllt. Die Gemeindebehörden hatten eine Deputation entsandt. Nach dem vom Chor gut geftlngenen Na towu und dem vom Kantor wirkungsvoll vorgetragenen Psalm 24 sprach Rabbiner Dr. Petuchowsky vor geöffneter Lade das Weihegebet. Es folgte Chorgesang und hierauf die Festpredigt, die in trefflicher Weise die Bedeutung dieses Gotteshauses erläuterte und einen tiefen Eindruck hervorbrachte. Psalm 158 in der Komposition von Lewandowski schloß die erhebende Feier in würdiger Weise ab. Dann folgte das Festabend-Gebet. 8. Berlin, 29. März. Am 26. d. M. ist hier der Geheime Kommerzienrat Julius Martin Friedländer, ein allgemein gekannter und geachteter Mann, im Alter von 70 Jahren gestorben. Als Chef einer großen Wollwarenfabrik hat er wesentlich dazu beigetragen, diesem Berliner Industriezweig seine heutige Bedeutung zu geben. Er war lange Jahre Mitglied der Berliner Stadtverordneten- Versammlung und der Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde, bekleidete das Amt eines Handelsrichters und war Vorsitzender des Brüdervereins. Seine Ernennung zum Geheimen Kommerzienrat erfolgte erst vor wenigen Tagen, anläßlich seines 70. Geburtstages am 17. d. M., den Friedländer noch in voller geistiger und körperlicher Regsamkeit beging. Die Leichenfeier fand unter außerordentlich großer Beteiligung am 29. d. M. im Trauerhause statt. Rabbiner Dr. Maybaum hielt eine ergreifende Rede. Sodann nahm Stadtverordneter Louis Sachs als Vertreter des Brüdervereins, der in dem Verstorbenen seinen Vorsitzenden verloren hat, das Wort zu einer kurzen Gedenkrede. Die Beisetzung fand auf dem Friedhof in der Schönhauser-Allee statt. Königsberg i. Pr., 1. April. Der 40. Bericht über den Religionsunterricht der hiesigen Synagogengemeinde wird von dem Dirigenten Rabbiner Dr. Vogelstein erstattet. Voran geht ein sehr beachtenswerter Vortrag von Rabbiner Dr. Perles über „Die Poesie der Juden im Mittelalter". An dem Religionsunterricht nahmen 471 Zöglinge (273 Knaben, 198 Mädchen) teil. Das Lehrerkollegium zählt acht Lehrkräfte; der Unterricht wird in 39 Klassen (Abteilungen) mit 95 Wochenstunden erteilt. Der Bericht konstatiert den erfreulichen Wandel, der sich im Laufe der Zeit bei der Mehrheit unserer Gemeindemitglieder hinsichtlich der Anschauungen über den Religionsunterricht vollzogen hat. Der Unterricht wird nicht nur in der Religionsschule, sondern auch an den städtischen Gymnasien und an einigen höheren Mädchenschulen erteilt. Die Bibliothek der Synagogengemeinde ist auch in diesem Jahre durch Ankauf und Schenkungen vergrößert, aber nur spärlich benutzt worden. Dagegen wird die Schulbibliothek besser benutzt. Der mit der Anstalt in Verbindung stehende Bekleidungsverein für arme Zöglinge der Religions-