Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1907)
- Date
- 1907-04-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228759--63429-3297320- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
schule zahlt 144 Mitglieder; er hat im vergangenen Jahre 3011,68 Mk. ingenommen und 750,53 Mark verausgabt. u. Eisenach, 31. März. In der Sitzung des Landtags in Weimar vom 23. d. M. forderte der antisemitische Abgeordnete Oberandesgerichtsrat von Richthofen die Regierung auf, die russische Studentenschaft an der Universität Jena genauer zu kontrollieren md gegen Elemente, die sich mißliebig machen, einzuschreiten. Ztaatsminister Dr. Rothe lehnte dagegen ein Einschreiten ab, die Regierung habe diese Frage bereits im Auge gehabt; von Mißständen, ne von ausländischen Studenten hervorgerufen würden, könne keine Hede sein. Der antisemitische Vorstoß ist also diesmal gründlich uißlungen. — Eine ähnliche Erklärung hat übrigens die preußische Regierung auch in der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses in ^er vorigen Woche gegeben. Es wurde von antisemitischer Seite verangt, daß angesichts der Teilnahme der Studenten an den Wahlen n Leipzig diejenigen Ausländer, die Sozialdemokraten seien, entfernt vürden. Die Regierung steht grundsätzlich aus demselben Standpunkt, oetonte aber, daß in Preußen eine Gefahr sich bisher nicht gezeigt labe. Die Zahl der Ausländer sei konstant, sie betrage annähernd icht vom Hundert; in Berlin seien die Bedingungen für die Aufnahme ehr streng, da man von den Ausländern eine gleichwertige Bildung nit der der Inländer verlange; man werde der Teilnahme der Ausänder an der Politik mit Nachdruck entgegentreten, zudem würden üe Ausländer auch von der Polizei kontrolliert. Eine Ausländerzebühr zu erheben, sei aber aus manchen Gründen bedenklich. i. Dortmund, 28. März. Geradezu unerhörte Mitteilungen kommen aus dem durch die Roburit-Explosion vor kurzem so viel genannten Städtchen Annen. Die Geldsammlungen für die von )er Explosion Betroffenen haben im ganzen etwa 650 000 Mark .rgeben. Diese Sümme sollte gleichmäßig, d. h. im Verhältnis zur höhe des Schadens, unter die Leidtragenden in -Annen und Witten oerteilt werden. In Annen sind vor etwa zwei Monaten schon;weimal Unterstützungen gewährt worden. Ungefähr 65000 Mark und damals an diejenigen verteilt worden, die am härtesten betroffen unb der Unterstützung am meisten bedürftig waren; deshalb ist der Gemeinde Annen eine Summe von 200000 Mark überwiesen worden, oie dieser Tage verteilt wurde. Es hätte vielleicht genügt und wäre wirksamer gewesen, wenn nur die Bedürftigen Unterstützung erhalten Hütten. Aber man ist weiter, gegangen und hat fast allen Beschädigten eine Entschädigung von 10—30 Prozent des taxierten Schadens zukommen lassen. Ausgefallen sind jedoch, wie das „Dortm. Tagebl." schreibt, sämtliche Israeliten mit Ausnahme eines Illthändlers, dem man einige Mark gegeben hat. Dies hat allgemein unangenehm berührt, aber im besonderen noch deswegen, veil die christlichen Geschäftsleute, die teils in gleichen, teils in viel besseren Vermögensverhältnissen als ihre Kollegen leben, sämtlich, selbst notorisch reiche Leute, eine Entschädigung von 200—1000 Mark erhalten haben. Selbstverständlich hat man diese Zurücksetzung iüdischerseits nicht stillschweigend hingenommen. Man hat zunächst öen Amtmann zur Rede gestellt, der natürlich die Absicht bestritt, oaß die jüdischen Einwohner gegenüber den christlichen hätten zurückgesetzt werden sollen, und dann die Ansicht vertrat, daß die Geschädigten jüdischer Konfession nicht hilfsbedürftig seien. Daß die jüdischen Beschwerdeführer von diesem Bescheid nicht erbaut waren, hn auch nicht gelten ließen, versteht sich von selbst. Der Amtmann hat die Unzufriedenen auf den Beschwerdeweg an die Regierung verwiesen, der jedenfalls auch beschritten werden wird. Nun haben aber gerade die jüdischen Einwohner sich in ganz hervorragender Weise an dem Hilfswerk beteiligt. Zunächst sind Berge von Wäsche und dergleichen für das evangelische und das katholische Krankenhaus von den jüdischen Frauen, die selbst die Pflege der Verunglückten rbernommen hatten, beschafft morden. Obdachlos gewordene christiche Familien sind von Juden ausgenommen und beherbergt worden, »um Teil findet diese unentgeltliche Beherbergung auch heute noch 'tatt. Die jüdischen Geschäftsleute haben sofort nach der Katastrophe bei all ihren Geschäftsfreunden usw. Hilssgelder gesammelt, viele Tausende zusammengebracht und dem allgemeinen Unterstützungssond zugeführt. Die Zurücksetzung der Inden dürste wohl deshalb allgemeine Mißbilligung finden. n, Frankfurt a. M., 28. Marz. Das Programm der Realschule der israelitischen Gemeinde „Philantropin" ist soeben erschienen. Es zeigt, daß die Anstalt unter der Leitung ihres gegenwärtigen Direktors einen neuen Aufschwung genommen hat. Den Religionsunterricht an derselben erteilen die Herren Dr. Adler, Professor Kracauer, Professor Kuttner, Dr. Galliner, Dr. Hartmann, Schwarz und Scherer. Die Realschule wird von 237, die Vorschule von 114, die Mädchenschule von 175 Zöglingen besucht. Das Schuljahr brachte den Verlust des früheren Direktors Dr. Hermann Bärwald, dessen Erinnerung eine Beilage zum Programm der Anstalt feiert, die zunächst das wohlgetroffene Bild des Verewigten, sodann die Trauerreden von Direktor Dr. Adler, Rabbiner Dr. Seligmann, Direktor Dr. Bode und Rechtsanwalt Dr. Auerbach enthält. 52S Wiesbaden, im April. Der 30. Jahresbericht des Israelitischen Unterstützungsvereins für 1906 bringt die unerfreuliche Tatsache zur allgemeinen Kenntnis, daß die regelmäßigen Einnahmen und Spenden für den stets größer werdenden Bedarf nicht mehr ausgereicht haben und das nahezu 1000 Mark dem frühere:: Bestand entnommen werden mußten. Beider steigenden Not unserer Glaubensgenossen auf dem Lande ist eine Besserung der Verhältnisse auch nicht vorauszusehen. Hierzu kommt noch, daß die russischen Verhältnisse große Ausgaben jetzt und in Zukunft bringen. Der Verein zählt 285 Mitglieder; er hat 17388,63 Mark eingenommen und 16937,83 Mark ausgegeben. Der Vorstand besteht aus den Herren Moritz Heimerdinger, M. Eisberg, M. Baum, V. Grödel, S. Hamburger, S. Heß, I. Löwenstein, A. Marxheimer, M. Strauß, Adolf Strauß, M. Sulzberger und Benedikt Straus. —t. München, 26. März. Eine ehrenvolle Auszeichnung wurde dieser Tage dem bekannten Kaukasusforscher Dr. Gottfried Merzbacher in München zuteil. Gottfried Merzbacher wurde bereits vor einigen Jahren von der philosophischen Fakultät der Lndwig- Maximilians-Universität in München zum vr. phil. hon. c. ernannt. Jetzt wurde ihm in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Erfolge der Titel eines Königl. Professors verliehen. In der Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 6. Januar 1905 wurde ein Bild des Entwicklungsganges des mit seltener Energie seine Ziele verfolgenden Mannes gebracht. n. Nürnberg, 29. März. Aus dem Bericht des Vereins für jüdische Krankenp Negerinnen ist ersichtlich, daß im vergangenen Jahre die Schwestern 512 Vollpflegeu, 203 Nachtwachen und 184 Tagespflegen leisteten. Als Helferinnen bei Operationen waren sie in 22 Fällen und ambulatorisch in 214 Fällen tätig. Die Oberschwester hat sich auch im verflossenen Jahre in der Armenpflege hilfreich erwiesen und 119 Armen- und Krankenbesuche vorgenonlmen. In nicht ferner Zeit wird der Verein, da er gegenwärtig einige Schwestern ausbilden läßt, mit 8 Schwestern arbeiten können. Der Bericht betont mit besonderem Danke das Entgegenkommen, uüt welchem der Martha-Maria-Verein, der Verein für Krankenpflege durch Niederbronner Schwestern und der Bayrische Frauenverein zum Roten Kreuz gemeinsame Pflegen mit den von: Verein ausgestellten Schwestern übernommen haben. * Gesterretch-Nngarn. Wien, 1. April. Die Bauernunruhen in Rumänien machen unserer Regierung große Sorge. Zwar darf sie nur für die österreichisch-ungarischen Untertanen intervenieren, allein erstens wächst die Zahl dieser, die geschädigt wurden, von Tag zu Tag, zweitens aber befürchtet man noch immer ein Uebergreifen der Revolte aus österreichischen Boden. Der Minister des Auswärtigen, Freiherr von Aehrenthal, hat übrigens, wie es. heißt, bei der rumänischen Regierung wegen Beschüßung aller Betroffenen zu intervenieren versucht. Wie wohlinformiert der Minister über die Vorgänge war, erhellt daraus, daß er bereits acht Tage vor Ausbruch der Unruhen dem Präsidenten der „Israelitischen Allianz", Herrn David Ritter von Gutmann, von der bevorstehenden „Agrarbewegung" Mitteilung machte und sogar die Namen der bedrohten jüdischen Pächter nannte'