Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1907)
- Date
- 1907-04-05
- Page
- Seite 168 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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168 und kräftig; es ziemt sich vor allem, daß Du mich behütest und schützest." - - . Jsak blieb; aber mit Unwillen. Immer vergrämter und verstockter wurde er, sein Wesen wurde verschlossen, bitter, seine Wangen, auf denen sich früher die Röte und Frische der Jugend gezeigt, wurden bleich und fielen ein. Und nun geschah es urplötzlich eines Tages, als ob die Seelen Rebekkas und Jsaks geradezu vertauscht waren. Niemand wußte, warum und wieso sich diese Wandlung vollzogen hatte! Die Mutter, fast versteinert vor Schmerz wie Niobe, trieb ihren Sohn, sich am Feinde zu rächen, der ihre beiden Kinder gemordet; der Sohn wieder, aufgelöst in Tränen über den Gram seiner Mutter, wagte es nicht, die alte Frau zu verlassen, in einem Augenblick von ihr zu scheiden, wo die Revolution und Verfolgung am ärgsten tobten. -tz * * Ein neuer Tag war angebrochen, der letzte Tag des Passahfestes. Schon Wochen vorher hatte man für diese Festzeit das Schlimmste befürchtet. Aber die ersten Tage vergingen ruhig. Erst am setzten Tage sielen vereinzelte Schüsse in den Straften, die alle erschreckten. Jedesmal griff Jsak instinktiv nach dem Gewehr, aber beim nächsten Blick, den er auf seine Mutter heftete, legte er das Mordwerkzeug wieder aus der Hand. In einem solchen Moment ergriff Rebekka plötzlich die Waffe, imb sie dem Zagenden in die Hand drückend, sprach sie in bebendem Tone: „Nimm und räche das heilige Blut deiner gemordeten Brüder!" Ihre Augen waren trocken, als sic das sagte, ihre Stimme zitterte nur .wenig, aber die tiefe Bewegung, die in ihren Worten bebte, übten eine in diesem Augenblick unwiderstehliche Gewalt auf Jsak aus. Er wagte keine Einwendung mehr: er umarmte stürinisch die Mutter, empfing den Segen der greisen Frau und verließ dann mit ruhiger Entschlossenheit das Haus. „Gott meiner Väter, Du wirst ihn mir erhalten!" flehte Rebekka in stillein, inbrünstigenr Gebete... Eine Schar von Jsaks Freunden war soeben vorübergezogen, als dieser aus dem Hause trat. Freudig wurde er begrüßt und gleich, als sollte er sich zeigen und erproben, zog ein Haufe bewaffneten Mobs vom „Verband der echt russischen Männer" die Strafte herauf — ihnen entgegen. Ein heftiger Kampf entspann sich. Das Haus der Trödlerin wurde der Mittelpunkt desselben. Rebekka war trotz der großen Gefahr herausgeeilt, das alte Gebetbuch in den zitternden Händen und lehnte kreidebleich, mit starren Augen, an der Mauer. Sie sah nicht, sie hörte nicht, all ihr Wesen löste sich auf in dem einzigen Gedanken, der bangen Bitte: „Gott der Ewige, erhalte mir meinen Letzten!" Und Gott erhielt ihn. Der Feind, durch den unerwarteten Widerstand eingeschüchtert, hatte feig die Flucht ergriffen. Unversehrt, fast der einzige unter den vielen, trat Jsak auf seine Mutter zu, die er gar wohl bemerkt hatte. In dem Augenblick erhielt er von einem der Verwundeten, der in der Nähe lag, einen Pistolenschuß in den Hinterkopf, und mit dem Aufschrei: „Mutter!" stürzte er neben Rebekka nieder. Entsetzt wandte sich diese nach ihm. Da sah sie ihren geliebten Sohn blutend, mit dem Tode ringend, auf dein Gesichte liegen. Mit dem Aufgebot all ihrer Kräfte umfaßte sie nunmehr den Sterbenden; sein blutendes Haupt an die Brust gelehnt, überschritt sie die Schwelle ihres verödeten Hauses. Jsak warf einen schmerzvollen Blick auf seine Mutter, die wachsbleich vor ihm saß — dann zum Himmel empor. Er wollte sprechen, doch er vermochte es nicht mehr; seine Hand krallte sich in die Brust, der Körper zuckte im Todeskampfe, die Äugen kehrten das Weiße hervor. Rebekka hielt des Sohnes Hand krampfhaft ängstlich umschlungen; hier war menschliche Hilfe verloren, das wußte sie ach nur zu bald. Sie bewachte einen Blick, der sie nicht mehr kannte — nicht traf, sie drückte eine Hand, die nicht mehr fühlte — noch erwiderte; sie stammelte heiße Gebete, denen nur das grause Röcheln des Todeskampfes antwortete. Immer näher rückte sie ihr Antlitz dem Sterbenden, immer inniger umfaßte sie die stets schwerer werdende, erkaltende Linke des Sohnes. Endlich war's aus! Kein Zucken, mehr, kein Atem; das Blut stockte — das Herz stand still; Jsak war tot . . . Rebekka schrie nicht, sie weinte nicht. Sie sah dem Toten lauge, ins bleiche Antlitz und sog aus jedem Zug desselben neuen Schmerz in sich. Nachdem sie ihn lange betrachtet hatte, betete sie still und inbrünstig vor sich hin, küßte den Verblichenen und drückte ihm die Augen zu. Dann ging sie fort, ohne sich umzusehen, und niemand in der Judengasse des kleinen Städtchens weiß bis heute, was ans ihr geworden ist. Literarilchr Mitteilungen. — Tr. M. Lev in, Lehrbuch der biblische»: Geschichte und Literatur. Vierte, durchaus verbesserte Auflage. Berlin, S. Calvarh & Co., 1907. Dieses Schulbuch liegt nunmehr in der vierten Auflage vor, ein Beweis dafür, das; es sich beim Unterricht in der biblischen Geschichte sehr gut bewährt, hat. Es verdient auch zweifellos diese Beliebtheit, da es allen gerechten Anforderungen, die »nan an eine solche kurzgefaßte Darstellung des umfangreichen Lehrstoffs stellen darf, durchaus entspricht. Die biblische Geschichte ist mit Verständnis und Geschmack geschildert, immer und ausschließlich die Schuljugend berücksichtigend, für welche das Buch bestimmt ist. Es ist gleichzeitig Erzählung, in einem schlichten und dem Inhalt augepaßten Torr gehalten, und Darstellung der Sittenlehre des biblischen Judentums. Der Verfasser hat geschickt und mit pädagogischem Verständnis wie in den mosaischen Büchern selbst Lehre und Erzählung ineinandergeflochten. Auch die Auswahl der Bibelverse aus den Propheten, den Psalmen, den biblischen Dichtungen und aus den erzählenden Büchern der heiligen Schrift ist mit großer Sorgfalt getroffen. Sehr dankbar ist die starke Benutzung der herrlichen Trostreden an Israel aus dem zweiten Jesaia anznerkennen. Auf einige Punkte möchte ich jedoch im Interesse dieses vortrefflichen Lehrbuches berichtigend Hinweisen- In der Rede Kains (1. Moses 4, 13) müßte richtig übersetzt werden: Zu groß ist »»»eine Strafe, und nicht meine Schuld Dagegen in Jesaia 1, 18 heißt es richtig: O kommt, daß wir uns versöhnen, und nicht: laßt uns rechten, was schon Luzzatto unb vor ihm noch Saadia Gaon richtig erklärt haben. Psalm 126, 1 muß es heißen: Als der Herr Zion »nieder herstellte, rvaren wir »vie Genesende. Tie übliche Uebersetzung: Als der Herr die Gefangenen Zions heimführte, da war es »ms, als erwachten »vir aus einem Traume, gibt erstens keinen rechten Sinn, außerdem ist von Erwachen hier keine Rede. Die Redensart „schaw schewut“ heißt richtig „etwas wiederherstellen"; die Uebersetzung „die Gefangenen zurückführen" ist ein alter Irrtum. Das „cholemim“ ist mit „gesunden" zu übersetzen, nach Jesaia 38, 16 und Hiob 39, 4. Am Schluß des Lehrbuches ist ein kurzer Anhang gegeben: die biblische Literatur. Da sind einige gut ausgewählte Psalrnen, Stücke aus den Sprüchen Saloruons, aus Hiob, Kohelet usw. in trefflicher Uebersetzung zusammengestellt. Das Ganze ist sehr »vohl geeignet, bei der jüdischen Schuljugend Liebe und Verehrung für das biblische Schrifttum und für die Sittenlehre Israels zu erwecken. Hoffentlich gewinnt das Buch »vieder zahlreiche neue Freunde und findet immer mehr die »vohlverdiente Verwendung beim jüdischen Religionsunterricht. S. Bernfeld. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Aeram»vortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.