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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-05 · Heft 14 (5.4.1907) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 14 (5.4.1907)
Date
1907-04-05
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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167 Missionar Dr. Martin von den Juden in Chinas entwarf, kann in übertragendem Sinne auch auf die Juden in Abesfinien angewendet werden: „Ein vom Berge Zion ausgerissener Felsen, durch irgend eine große nationale Katastrophe in die abessinischen Berge verpflanzt, stand er dort, während die Jahrhunderte vorbeieilten, in seinem erhabenen Alter und in seiner Einsamkeit. Nun ist er nahe daran, durch die Flut seiner nichtjüdischen Umgebung verschlungen zu werden. Ach! Ein gar trauriges Schauspiel!" Die Falascha selbst sind sich ihrer traurigen Lage wohl bewußt, aber es fehlt ihnen die Kraft und der Mut, die über ihnen lagernden schwarzen Schatten eines gräßlichen Schicksals zu durchbrechen und zum reinen Lichte des geläuterten Judentums empor zu streben. Nun aber scheint für diesen so lange sich selbst überlassenen Bruchteil des jüdischen Volkes eine neue Aera zu beginnen. Dem kürzlich verstorbenen Großrabbiner von Frankreich, Zadoc Kahn, >var es nämlich noch kurz vor seinem Tode gelungen, das Interesse des Barons Edmund von Rothschild für diese unsere unglücklichen Brüder wachzurufen, und Dank der Munifizenz dieses um die Interessen des jüdischen Volkes so hochverdienten Mannes dürfen wir hoffen, daß es nunmehr gelingen wird, die Falascha nicht bloß dem Judentum zu erhalten, sondern auch Mittel und Wege zu schaffen, um sie künftighin vor den Widerwärtigkeiten und Seelenkämpfen zu schützen, die ihnen seitens der „weltbeglückenden" Missionsgesellschaften seit fast einem Jahrhundert bereitet werden. Vor allem aber gebührt ungeteilte Anerkennung und aufrichtiger Dank der Gesamtjudenheit dem opferwilligen und tatkräftigen Dr. S. Faitlowitsch in Paris, der, nachdem ihm die erforderlichen Mittel seitens des Barons Rothschild zur Verfügung gestellt waren, seinen längst gehegten Wunsch, die Falascha aufzusuchen, in die Tat umgesetzt hat. Nach einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan trat er im Januar 1904 seine Reise nach Abessinien an, hielt sich dort 18 Monate auf und hatte während dieser Zeit Gelegenheit, einen Teil des äthiopischen Kaiserreiches zu bereisen und zu den dortigen Juden in nahe persönliche Beziehung zu treten. Seine erste Bekanntschaft mit den Falascha machte er in Aksum und hatte große Schwierig-! leiten zu überwinden, bis es ihm gelungen war, sie zu überzeugen, daß er ihr Glaubensgenosse sei; denn sie glaubten ihm nicht und sagten: „Alle Europäer, die zu uns kommen, geben sich als Juden aus; aber das ist nicht wahr, denn sie predigen alle das Evangelium. Uebrigens soll es ja keine Juden mehr auf Erden geben. Vor etwa vierzig Jahren kam ein Weißer hierher, der Jude zu sein behauptete; er nannte sich Sofie?.2) Auch er hatte uns versichert, daß es in Europa Juden gibt, und versprach, sich für uns zu interessieren, seine Brüder, die eine Gesellschaft sür die Unterweisung ihrer Glaubensgenossen geschaffen haben, zu bitten, uns Lehrer und Rabbiner zu schicken, damit sie uns ebenfalls unterrichten, ganz in den Wegen MoseS zu wandeln. Zu dem Zwecke ist einer unserer Brüder mit ihm abgereift, um sich auszubilden und unsere Brüder in Europa kennen zu lernen. Indessen seitdem haben wir nie einen Beweis von Sympathie oder auch nur die geringste Nachricht von diesen weißen Juden erhalten, auf welche wir unsere Hoffnung und unser Nertrauen gesetzt hatten. Sie kennen de» Weg, um uns zu finden; aber wir kennen den Weg nicht, sie auszusuchen. Wir haben uns aufgemacht, um nach Jerusalem zu gelangen, konnten es aber nicht finden. Sicherlich ist nicht nur dieser Josief, sondern sind auch alle anderen Juden der Welt tot und gibt es außer hier keine mehr auf Erden." Doch bald zerstreuten die intimeren Unterredungen ihre Zweifel, sie faßten Vertrauen zu ihm und erzählten ihm alles, was sie über ihre Religion wissen, von ihrer Lage und ihren 0 Siehe meine Schrift: Die Juden in China, S. 20. ") Sie ineinten Joseph Halövy. Beziehungen zu der Landesbevölkerung, und berichteten ihm, wo sich die anderen Falascha-Gemeinden befinden und welche religiöse Oberhäupter in Tigrö an ihrer Spitze stehen. Herr Dr. Faitlowitsch folgte ihren Winken und unterzog sich den größten Strapazen, um seiner Mission gerecht zu werden. Seinem Berichte zufolge befinden sich größere jüdische Niederlassungen in den Provinzen Dembea, Wogara, Sennen und Last«, während ein ziemlich großer Teil über alle Teile des Landes, besonders dicht in den Westprovinzen und in den nördlichen Gebirgen, zerstreut, von der Landesbevölkerung gut gelitten und ihr in jeder Beziehung gleich gestellt ist. (Schluß folgt.) Dir tzrldrnmutter. Eine wahre Geschichte aus der Zeit der Pogrome. , Bon Artur Anders. n der äußeren Peripherie einer russischen Provinzstadt im Süden des Landes war eS, wo Rebekka Rubin ihr Geschäft, einen Laden mit alten Kleidern, mit drei wackeren Söhnen führte. Emsig in ihrer Arbeit, eifrig im Glauben, so lebten sie in Rühe und Zufriedenheit dahin, bis mit einem Male Unfriede und Aufstand ins Land zogen. Immer höher stieg die Erregung im Volke, imnrer greller tobte der Sturm der Empörung; die Menschheit, die sich in dem Kampfe gegen das schwere Staatsjoch erhob, zog mordend und brennend durch die Straßen . . . Da, lvie mit einem Schlage, richtete sich des Pöbels Zorn in blinder, verdammungswürdiger Wut plötzlich gegen die Juden. Teils , waren es Wühlereien gewissenloser Hetzer, teils die angeborene,! bloß durch das starre Gesetz im Zaum gehaltene tierische Wildheit, die die entfesselte Mordgier dermaßen reizte. So kam eine böse Zeit für Rebekka und die Leute „der Gasse". Am schwersten aber sollte das Schicksal, das der Allmächtige in seinem unergründlichen Ratschlüsse leitet, Rebekka treffen, denn eines Tages erhielt sie die Trauerbotschaft, daß wilde Kosaken ihren ältesten Sohn, ihren braven, frommen Josef, auf seinem Geschäftsgänge verfolgt und ermordet hatten. Tiefe, unnennbare Trauer erfaßte ihr Gemüt; fast glaubte sie zu unterliegen. Aber sie faßte sich und sprach: „Wie Gott will! Er gab mir mein geliebtes Kind, er nahm es mir - sein Name sei gepriesen in Ewigkeit!" Und mit um so größerer Liebe umfing sie nunmehr ihre beiden Söhne, die von heiligem Zorn gegen ihre Bedränger erfüllt waren. Und wieder kam ein schwerer, verhängnisvoller Tag für die geprüfte Mutter: Ihren zweiten Sohn, der sich von seinem Berufe nicht abhalten ließ, hatte. ein gutgezielter Steinwurf eines jener mordenden Hallunken wenige Wochen später das Haupt zerschmettert. Diese Nachricht wirkte geradezu vernichtend auf die Atutter und Jsak, den letzten Sohn. „Ich schäme mich meines Müßigganges," sagte dieser eines Tages nach der Trauerzeit zu seiner Mutter, die ihn nun nicht mehr aus dem Hause ließ, „da pfleg' ich der Ruhe und des Friedens, indes sich meine Glaubensbrüder zusammenscharen, um sich mutig zu verteidigen." „Mein teures Kind," antwortete Rebekka, „mein Augapfel, verlaß mich nicht; ich bin alt und schwach, Du aber bist jung ätä

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