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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-05 · Heft 14 (5.4.1907) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 14 (5.4.1907)
Date
1907-04-05
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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166 Die Juden in AdeMnien. Von Albert Katz. in. eben der fremdartigen Erscheinung der Mönche gibt es unter den Falascha-Frauen auch „Batiwa" (Nonnen), die ein bölliges Einsiedlerleben führen und sich ausschließlich dem Fasten, dem Gebete und der Ausübung wohltätiger Werke widmen. Wie die Mönche, betreten auch sie kein gewöhnliches Falaschahaus, geschweige denn das eines Andersgläubigen, um sich nicht zu verunreinigen. „Gelehrsamkeit — berichtet Flad — findet man weder bei den Mönchen noch bei deir übrigen Falascha. Was sie aus den fünf Büchern Moses am geläufigsten wissen, sind die Opfer-, Zehnt-, Reinigungs- und Bußgesetze. Die meisten sind notdürftig bekannt mit der Geschichte Israels bis zur babylonischen Gefangenschaft, und nur wenige von ihnen haben die Geschichte der Inden von Josephus, wovon sie eine Uebersetzung besitzen, gelesen." Und nun kommt das Interessante: „Erst durch die Mission wurden sie angeregt oder angetrieben, in den prophetischen Büchern zu forschen. Für die Wahrheit (das Christentum) zeigten sich die Mönche nebst den Priestern am unzugänglichsten. Sie unterhielten sich schon gern über allerlei Punkte aus der Heiligen Schrift, sobald man aber eine messianische Stelle besprechen ivvllte - und sie keinen Ausweg mehr fanden — war es ihre stetige hartnäckige Antwort: Unsere Väter haben nicht an Christum geglaubt, darum glauben wir auch nicht an ihn." Zn welchen Mitteln die Mönche zuweilen greisen mußten, um ihre Glaubensgenossen aus der Umgarnung der Missionare zu befreien und sie von dem Abfall zurückzuhalten, bekundet mn treffendsten nachstehende, von Flad selbst mitgeteilte Episode: „Nachdem wir eine geraume Zeit unter den Falascha gearbeitet hatten, schien es, als ob wir auf keinen Erfolg hoffen dürften. > Da auf einmal, durch eifriges Forschen in der Bibel veranlaßt, entstand eine große Bewegung. Die des Lesens kundigen Laien forderten Mönche und Kahen zur Verantwortung ihres Glaubens auf und erklärten, sie wollten sich taufen lassen. Die Mönche, die bis dahin anscheinend unsere besten Freunde waren, griffen nun zu einer List. Sie sagten: Die Juden in Europa hätten die Missionare zu den Falascha geschickt, um sie zu Christen zu mache», denn jene wüßten ganz gut, daß die Zeit sehr nähe sei, wo Gott die Juden von allen Enden der Erde sammeln und sie wieder in das Land ihrer Väter bringen werde. Nun sei es natürlich, daß diejenigen, die Christen würden, keine Ansprüche auf das Land ihrer Väter mehr zu machen Hütten." Die Missionare, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Abessinien wirkten, schildern die Verderbtheit der abessinischen Kirche, die Lasterhaftigkeit ihrer Priester und die Unsittlichkeit der abessinischen Christen in den schwärzesten Farben, während sie nicht umhin können, den Falascha, namentlich in sittlicher Hinsicht, ein glänzendes Zeugnis auszustellen. Und dennoch waren ihnen alle Mittel, auch die verwerflichsten, recht, um die abessinischen Juden zu jener von ihnen selbst als verkommen geschilderten Kirche zu bekehren. Ueber die Leiden, welche das Treiben dieser Apostel der christlichen Liebe, unter denen einige getaufte polnische und deutsche Juden sich ganz besonders schmachvoll auszeichneten, über die armen Falascha brachten, haben wir ausführliche Nachrichten in einem Bericht, den Professor Halevh in der Sitzung vom 80. Juli 1868 an den Zentralausschuß der Alliance Israelite Universelle erstattet hat. Er erzählt »'örtlich: „Man bereitete einen entscheidenden Schlag gegen das Gesetz vom-Sinai vor, man wollte den Erleuchteten in Europa den Fall des Judentums in Abessinien verkünden. Mehrere Falaschapriester wurden in den Palast nach Gondar vorgeladen, um in Gegenwart des Negus Theodoras über religiöse Fragen zu disputieren. Die Fanatiker und die Abtrünnigen entwickelte» eine große Tätigkeit, um dem Kreuz den Sieg zu sichern. Ein panischer Schrecken bemächtigte sich der Geister der schwachen Falascha; sie glaubten sich in die Zeiten des Antiochus versetzt. Da zeigten sich aber glücklicherweise die Makkabäer. Die jüdischen Priester kamen zum Negus nicht allein; sie waren von Hunderten der Gläubigen begleitet. Die Disputation beginnt, die Geister erhitzen sich. Der Negus, durch den Widerstand der jüdischen Priester gereizt, befiehlt seinen Soldaten, auf die Rebellen anzulegen. Da zeigen sich augenblicklich Hunderte von Köpfen; die Männer entblößen die Brust. „Siehe Herr," sagen sie, „wir alle sind bereit, für unsere Religion zu sterben." Der Negus, der im Grunde ein ritterliches Gemüt besaß, bewunderte die Festigkeit der Falascha, entließ die Versammlung und machte den jüdischen Priestern die schönsten Geschenke." Diese Gefahr war nun, wie so manche vorher, glücklich an ihnen vorübergegangen, und blieben auch die Gemüter der Falascha eine Zeitlang in tiefer Erregung, so zeigten sie sich doch als würdige Nachkommen ihrer frommen und tapferen Väter, die selbst den fürchterlichsten Tod nicht scheuten, wenn es galt, den Namen Gottes und seiner heiligen Lehre;u verherrlichen. Wie aus den Mitteilungen der Missionare herborgeht, besitzen die Falascha neben der Bibel noch folgende Bücher: Auszüge aus dem 5. Buche Mose mit zugefügten Erklärungen, „die Gott dem Mose auf dem Berge Sinai gegeben haben soll"; Säbbatgesetze; das Buch Henoch; das Buch der Geheimnisse; eine Geschichte Adams; eine Geschichte Abrahams, die analog der talmudischeu Sage berichtet, daß Abraham als Knabe die Götzen seines Vaters zertrümmert hätte; eine Geschichte Moses; die bereits erwähnte Geschichte der Juden (eine Uebersetzung des Josephus) und Auszüge aus dem Gesetz, den Psalmen und den Propheten. Alle diese Bücher sind in aethiopischer Sprache auf Pergament geschrieben. Wir wissen nicht, aus welcher Zeit diese Bücher herrühren und kennen auch nicht die Rainen ihrer Verfasser. Das Wenige, das uns über ihre literarische» Erzeugnisse bekannt ist, ist aus nichtjüdischen Quellen geschöpft, die einer sorgfältigen Nachprüfung bedürfen. Nicht etwa, weil wir an deren Authentizität zweifeln, sondern weil wir überzeugt sind, daß die Falascha, die den Europäern, insbesondere den Missionaren gegenüber sehr mißtrauisch sind, diese nur oberflächlich und vielleicht unter Verheimlichung ihrer wichtigsten Schriften, über den Bestand und Ursprung ihrer Geistesschätze unterrichtet haben. Leider ist von jüdischer Seite bisher so gut wie nichts geschehen, um die literarischen Denkmäler dieses um seinen Fortbestand so hart kämpfenden Bruderstammes ans Licht zu ziehen. Dank der Unterstützung der Alliance Israelite hat zwar Professor Halevy von seiner vor 40 Jahren unternommenen Reise zu den Falascha außer sehr wichtigen literarischen Notizen auch die Werke „Sabbatvorschriften" und „Gebete der Falascha" mitgebracht; allein der größte Teil der literarischen Notizen ist ein Raub der Flammen geworden und die genannten Werke sind nicht vollständig. Es ist daher wie vom allgemein jüdischen, so auch vom rein literarischen Standpunkte aus freudig zu begrüßen, daß nunmehr auch in jüdischen Kreisen das Interesse für die Falascha sich zu regen beginnt. Das Bild, das der amerikanische

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