Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1907)
- Date
- 1907-04-05
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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165 auf die eigene Mutter; wenn jenlals einer gelingt, so fallen die Täter mit der Tat." Während in den angeführten Sätze», das tief wurzelnde jüdische Bewußtsein Steinschneiders zum Ausdruck gelangt, so gewährt die dann folgende Aenßerung einen ergreifenden Einblick in die inystisch-religiöse Stinunung des ernsten Denkers. „Der Abschied von diesem Buche, welches die größere Hälfte eines langen Lebens in Anspruch genommen, ist gewissermaßen ein Abschied von, Leben selbst, und jedes Ende mahnt uns daran, wie winzig der einzelne der Gesamtheit gegenüber ist: aber gerade dieser Gedanke treibt uns zur Erforschung des Zusainmenhanges zwischen dem Einen und dem All, welcher uns lehrt, daß das Endliche im Unendlichen aufnicht untergeht." V. Den „Abschied von, Leben" hat eine gütige Vorsehung z» einem langen, tätigen und überaus sruchtreichen Lebensabend umgewandelt. Seit Steinschneider jenes bewegte Abschiedswort niederschrieb, verflossen volle vierzehn Jahre, bis das Wort zur Wahrheit wurde. Zweimal wurden während dieser Jahre dein die gewöhnliche Grenze des irdischen Daseins rüstig Üeberschreitenden die Huldigungen der Verehrung und Dankbarkeit dargcbracht. Den, Achtzigjährigen wurde eine Festschrift gewidmet; aber er selbst feierte nicht, und rastlos schaffend trat er ins zehnte Jahrzehnt seines Lebens. Mit Bewunderung erfreuten wir uns Jahr um Jahr der Ergebnisse seiner geradezu wachsenden Schaffenslust. Aeltere, bisher unveröffentlicht gebliebene Arbeiten, die jedoch den vollen Rest der Neuheit besaßen, aber auch neue Beitrüge zu den verschiedensten Zweigen der Literaturforschung wurden in Zeitschriften oder in Buchform herautzgegeben. Nur oie bedeutendsten und auch durch ihren Uinfang bemerkenswerten dieser Veröffentlichungen seiner letzten Lebensperiode seien hervorgehoben. In der Breslauer Monatsschrift erschienen von 1893—1897 „Miszellen" des mannigfachsten Inhaltes, die er selbst als „Endnoten" zu den „Hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters" bezeichnet; ebendaselbst von 1898—1990 eine Monographie über die italienische Literatur der Juden, und von 1902—1904 eine höchst interessante kulturhistorisch-bibliographische Studie unter dem Titel „Purim und Parodie". Die Zeitschrift, fitv hebräische Bibliographie brachte von 1896 bis 1901 den wichtigen Beitrag zur Geschichte der hebräischen Stndien in Europa: Christliche Hebraisten. In Erneströms Bibliotheca Mathemalica von 1893 bis 1895 erschien (in Fortführung früherer daselbst und anderwärts erschienener Beiträge zur Geschichte der Mathematik) die Monographie: „Die Mathematik bei den Juden", deren Fortsetzung in den Jahrgängen 1905 und 1906 der Monatsschrift veröffentlicht wurde. Ueber „arabische Mathematiker und Astronomen" schrieb Steinschneider eine lange Reihe von Aufsätzen in der „Orientalistischen Literaturzeitung" (1900 bis 1907). Im Jahre 1897 erschienen die „Vorlesungen über die Kunde hebräischer Handschristen, deren Sammlungen und Verzeichnisse"; im Jahre 1905 das wichtige Hilfsmittel zur jüdischen Historik: Die Gefchichtsliteratur der Juden. Die „Jewish Quarterly Review“ brachte in den Jahren 1904 und 1905 die „Allgemeine Einleitung in die jüdische Literatur des Mittelalters", eine systematische und lichtvolle Darstellung aller bei der Erforschung dieser Literatur in Betracht kommenden Gesichtspunkte und Fragen. Vorher war in derselben Zeitschrift (1897 bis 1903) in englischer Bearbeitung erschienen die „Einleitung in die arabische Literatur der Juden". Der umfangreichste Abschnitt dieser Einleitung behandelt in alphabetischer Reihenfolge die arabischen Namen der Juden. Eine Darstellung des jüdisch-arabischen Schrifttums selbst bot Steinschneider in seinem 1902 erschienenen Werke: „Die arabische Literatur der Juden. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte der Araber, großenteils aus handschriftlichen Quellen" (das Buch führt auch den lateinischen Titel: Bibliotheca Judaica). Dieses Werk bezeichnet Steinschneider selbst als eine Lebensarbeit, die „nach beinahe 60jähriger Unternehmung" ausgeführt wurde. Die vierzig Seiten starke Einleitung behandelt vornehmlich die Gesichtspunkte für eine zugleich die Kulturgeschichte ins Auge fassende Darstellung .der jüdisch-arabischen Literatur. Für diese Aufgabe soll hier die erste bibliographische und biographische Grundlage geboten werden. In dem Rückblick auf die allmähliche Entstehung des Werkes gedenkt Steinschneider i auch seiner eigenen Frühzeit, als er'„in Leipzig als Schüler! Fleischers und Mitarbeiter Franz Delitzschs alle Anregung ' zum Studium der Verhältnisse zwischen Arabern und Juden! fand" und eine Uebersetzung des Korans ins Hebräische unter-! nahm, aber nicht zu Ende führte. „Das gegenwärtige Buch — j so kennzeichnet er selbst den Inhalt desselben — bietet haupt-! sächlich eine möglichst vollständige Zusammenstellung der! Schriften ” in arabischer Sprache, deren Verfasser als; Juden geboren waren, unter Angabe der etwaigen Drucke! oder Manuskripte des ganzen Werkes oder eines Fraginentes, : oder einer Uebersetzung in irgend einer Sprache." — Im Vvr-; Worte kommt auch hier der tief sitzende Unwille über moderne : Unduldsamkeit, aber auch die Reflexion über die höchsten! Fragen in epigrammatischen Sätzen zum Ausdruck. Nach! sehr merkwürdigen Aeußerungeu über Religion und Wissen-! schaft schließt das Vorwort mit folgenden Worten: „Aufgabe I desjenigen, der die Gesauckheit zu leiten sich berufen fühlt, ist; es, das Gemeinschaftliche in den verschiedenen Kreisen der : Menschheit hervorzuheben, auf den „einen Vater unser aller" -- auf das, was die Menschen einander nähert, hinzuweisen; der edle Mensch fühlt sich berufen, edle Menschheit zu fördern, er dient in der „Heilsarmee" ohne Waffen, ohne Traktätchen und ohne Pamphlete." „Mehr, als ich euch vorgelesen habe, steht hier geschrieben." So sprach der Hohepriester, wenn er am Versöhuungstag aus dem heilige,. Buche die Festabschnitte gelesen hatte. Auch ich schließe mit dem Hinweise darauf, daß Steinschneiders Leben mehr enthielt und mehr bedeutete, als was hier mit der Vorführung seiner wichtigsten Werke gezeigt werden konnte. Tie, wie er selbst es ausdrückt, selbstzweckliche und darum selbstlose Hingebung an die wissenschaftliche Forschung bildet nicht den alleinigen Inhalt seines Lebens. Die Kämpfe des Lebens waren ihm nicht vorenthalten. Die Segnungen und Sorgen der Familie hat er in vollem Maße gekannt: die Mühen und Kleinlichkeiten eines engen Berufskreises waren auch sein Los, aber auch die Genugtuung, die aus treu geübter Pflichterfüllung stammt. Und er war ein edler Mensch in dein Sinne, den seine zuletzt angeführten Worte umschreiben. Als Patriarchen der Wissenschaft uingaben ihn die nnter seinen Augen groß gewordenen neuenGeschlechter ihrer Jünger mit den Gefühlen der Dankbarkeit und Verehrung, und mit denselben Gefühlen wird die Nachwelt an ihn denken, die aus seinen Werken nie versagende Anleitung, nie versiegende Anregung schöpfen wird. So lange der Reichtnn, der von ihm gesammelten Schätze der Erkenntnis nicht erschöpft, so lange die Fülle der von ihm gestellten Aufgaben nicht gelöst wird, wird den Namen Moritz Steinschneider nie verdunkelnder Glanz umgeben, wird sein Andenken ein gesegnetes sein!