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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-05 · Heft 14 (5.4.1907) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 14 (5.4.1907)
Date
1907-04-05
Page
Seite 163 (sequence 7)
Language
German
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Zwischerr den Wahlen ist es war angängig, in den Wahlkreisen der Provinz durch Wanderedner, denen aber mich große Hindernisse in der praktischen Wirksamkeit begegnen würden, wenn sie offen unter der irdischen Firma reisen würden, Aufklärungsarbeit in der Be- 'ölkerung zu verrichte». Das wird aber gerade in der Zeit inmöglich, in der solche Arbeit am nötigsten ist, nämlich in der Wahl zeit. Auf das bloße Bekenntnis der Gegnerschaft zum Antisemitismus wird in Deutschland kein Kandidat gewählt, 8 müssen wahrlich viele andere Eigenschaften hinznkommen. Wie soll sich mm bei dieser Sachlage der Redner der jüdischen Organisation verhalten? Welchem Kandidaten soll er beipringen? Dem Freisinnigen? Dem Nationalliberalen? Dem Sozialdemokraten? Es ist ohne weiteres klar, daß aus diesem Zwiespalt nicht herauszukommen ist. Jüdische Organisationen ils solche können lediglich die politischen Parteien, welche mit mtisemitischen Gegnern im Kampfe liegen, unterstützen und war so, daß sie die Stoßkraft dieser. antisemitenfeinblichen Parteien durch Wahlhilfe mit Wort und Schrift ilnd Geldmitteln erhöhen. Das weist uns aber auf den einzigen Weg, aus dem eine Perbesserung der bei der letzten Reichstagswahl wahrlich wenig tröstlichen Verhältnisse erreicht werden kann. Ich will nicht die Dinge in allzuschwarzem Lichte sehen. Denn schließlich sind die Antisemiten auch im jetzigen Reichstage mitsamt ihren Bundesgenossen zur Ohnmacht verdammt. Aber eine ganze Reihe von Wahlkreisen ist ihnen ausgeliefert worden, die ihren Gegnern hätten erhalten bleiben können. Das ist nun namentlich geschehen, wenn es sich um Stichwahlen zwischen Sozialdemokraten und Antisemiten oder diesen nahestehenden Kandidaten handelte. Darüber können freilich die Sozialdemokraten selbst am wenigsten klagen, die ans taktischen Gründen eine ganze Reihe von Wahlkreisen den auf dem Boden gleichen Rechts stehenden bürgerlichen Parteien zugunsten ,'on Konservativen und Zentrumsleuten entrissen haben. So ist es denn auch Wahltaktik gewesen, wenn selbst linksliberale Wähler bei der letzten Wahl gegenüber dem Sozialdemokraten jedem anderen — noch dazu gegen den Willen ihrer Parteileitung — den Vorzug gegeben haben; eine Wahltaktik, die um so erklärlicher ist, als einmal eine nationale Frage zu entscheiden war, ferner die antisemitische Gefahr gegenüber der sozialdemokratischen von vielen als die geringere und ferner liegende erachtet worden ist, und schließlich gerade die Sozialdemokraten den Wahlkampf in der brutalsten Weise geführt haben. Daß dennoch ein Jude unter keinen Umstünden einen Autiiemiten wählen darf, ist ein selbstverständliches Gebot der Selbstachtung. Gerade vom Standpunkt deutscher Ehre aus kann keinem Juden zugemutet werden, demjenigen die Stimme zu geben, der ihn seines Rechtes als Deutscher berauben will. Etwas anderes aber ist, ob den linksstehenden bürgerlichen Wählern, soweit sie nicht Juden sind, dieselbe Pflicht aufzuerlegen ist. Da ist es durchaus verfehlt, wenn besonders eifrige Parteigänger die Sozialdemokratie auf Kosten des entschiedenen Liberalismus heraus streichen. Denn auch unter den Sozialdemokraten gibt es in Fragen des Antisemitismus recht viele unsichere Kantonisten. Will man erreichen, daß in Zukunft die Antisemitenpartei in ihrer Bedeutung geschwächt werde, so geht das nur dadurch, daß man durch eifrige Mitarbeit in den Kreisen der antisemitenfeindlichen Parteien — ein jeder in seiner eigenen — diese in ihrem Kampfe gegen die Antisemiten unterstützt. Je mehr die Juden sich in den ihnen nahestehenden politischen Parteien betätigen, um so mehr werden diese Parteien zur Macht, um so eher die Antisemiten zu Schaden kommen. Das war auch die Ansicht, die der erste Delegiertentag des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf meinen Antrag einstinunig zu der seinen gemacht hat. Und diese Ansicht unter den deutschen Juden zu verbreiten und zu festigen, ist vor allem die Aufgabe der jüdischen Presse, welcher Parteischattierung sie auch angehören möge. Die jüdische Presse kann den deutschen Juden und der Sache der Menschlichkeit und Gerechtigkeit großen Nutzen stiften, wenn sie dieser schwierigen Aufgabe gerecht zu werden versteht. An allen aber, die im deutschen Judentum an leitender Stelle stehen, muß es sein, auch zu ihrem Teil das Judentmn auf die Schanzen zu rufen, auf die Schanzen zur Unterstützung der nntisemitenfeindlichen politischen Parteien. Die Tat wird alsdann lehren, daß der so oft von konservativ-antisemitischer Seite gehörte Vorwurf, daß wir Juden lediglich oder fast nur Rekruten für die Sozialdemokratie lieferten, unbegründet ist. Denn vielfache Erfahrungen haben gelehrt, daß zwar eine Anzahl jüdischer Akademiker, die übrigens ihr Judentum meist abgelegt haben, zu den Führern der Genossen zählt, daß aber die große Masse der Juden zu den freisinnigen Parteien und — namentlich in Mitteldeutschland und ain Rhein — zu den Nationalliberalen zählt. Gerade die Juden, die in den Reihen der bürgerlichen Parteien fechten, können am ehesten zur Verbesserung der gegenwärtigen Lage beitragen, wenn sie unablässig ihren Parteifreunden die Pflicht der Bekämpfung des menschenfeindlichen Antisemitismus einscharfen. Moritz Steinlchneidrr 1816-1907. Von Professor Tr, W. Bacher. Ul. 3m Jahre 1841 schrieb Abraham Geiger, von einer Reise nach Oesterreich heimgekehrt, an Zunz: „An Steinschneiders Geburtsort (Proßnitz) bin ich auch durchgekounnen. Steinschneider erregt übrigens sehr schöne Erwartungen; seine Arbeiten sind allerdings etwas massenhaft und in dem Aufspeichern des Kleinlichen untergehend, aber versteht er einmal sein Material zu ordnen, so wird er sehr Tüchtiges leisten." (Nachgelassene Schriften, V, 158.) Diese Prophezeiung ist glänzend in Erfüllung gegangen. Steinschneider hat nie aufgehört, massenhaft zu arbeiten und das Kleinliche aufznspeichern, er war aber auch ein Meister in der Ordnung des Materials; indem er die von ihin auf einem fast unbegrenzten Literaturgebiete gesammelten Einzelheiten planmäßig und von großen Gesichtspunkten ausgehend verarbeitete, förderte er Leistungen zutage, von denen jede neue Aufschlüsse enthielt und in der Geschichte der geistigen Kultur und der Literatur, nicht bloß des Judentums, neue Aspekten eröffnete. Seit dem Jahre 1859 war er Lektor an der Veitel-Heine-Ephraimschen Lehranstalt, und die in dieser Stellung gehaltenen Vorlesungen böten ihm Gelegenheit, auch persönlichen Einfluß auf Jünger seiner Wissenschaft auszuüben. Denn eine Universttätsdozentur hat er nie bekleidet und auch den Professortitel erst in hohem Alter &

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