Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1907)
- Date
- 1907-04-05
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
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Lage im deutschen Reiche dafür gesorgt, daß auf diese Weise die Bäume der Antisemiten nicht bis in den Himmel ihrer menschenfeindlichen Träume emporwachsen können. Denn es sind immerhin nur Zwergbildungen von Parteien, die unter offenem antisemitischen Banner kämpfen, ein Banner, das sie übrigens während der Wahlzeit selbst meist sorgsam zu verstecken pflegen. Eine wirkliche politische Gefahr droht den deutschen Juden erst, wenn die großen politischen Parteien sich aktiv neben die Antisemiten stellen. Viele werden geneigt sein, aus diesem Grunde die politische Gefahr, die vom Antisemitismus droht, gering zu achten, weil sie vom idealen Standpunkte aus in unseren aufgeklärten Zeiten es für unmöglich erachten, daß eine politische Partei von Ruf und Bedeutung die Staatsbürger nach mittelalterlichem Muster gemäß ihres Glaubensbekenntnisses differenzieren möchte. Zu diesen Idealisten aber spricht mit aller Deutlichkeit das Tivoliprogramm, mittels dessen die Konservativen den Antisemitismus zur Parteisache gemacht haben, spricht das Programin des Bundes der Landwirte, nach dem diese wirtschaftlich und politisch so mächtige Gruppe Juden aus ihren Reihen verbannt hat. Von einem zum andern Tage ist es möglich, daß diese politischen Parteien mit den Nur-Antisemiten zusammen an die Entrechtung der Juden praktisch herantreten. Wenn sie bisher noch nicht dazu gekommen sind, so geschah das nicht aus Menschenliebe, sondern weil diese Parteien zusammen noch nicht die Macht in der Hand haben. Eine Mehrheit im Reichstage hätten sie erst, wenn eine oder mehrere der anderen großen Parteien — Zentrum, Nationalliberale, Freisinnige aller Richtungen, Sozialdemokraten — sie auf ihren freiheitsfeindlichen Bahnen begleiten wollten. Nun ist an sich zweifellos, daß es auch unter diesen Parteien Antisemiten genug gibt. Daß namhafte Mitglieder des Zentrums oft genug schon mit dem Antisemitismus geliebäugelt haben, weiß jeder, der sich um Politik kümmert, kann übrigens ein jeder fast täglich aus dem Tone führender Zentrumszeitungen ersehen. Die gesellschaftlichen Kreise, die den Nationalliberalen nahe stehen, haben in der Hauptsache den gesellschaftlichen Boykott gegenüber den Juden auf dem Gewissen, haben auch oft genug schon antisemitische Kandidaten gegenüber anderen bürgerlichen Kandidaten unterstützt. Unter den freisinnigen Gruppen ist Antisemitismus bisher am wenigsten nach außen erkennbar hervorgetreten, aber schon die Art, wie sie sich zuweilen zur Aufstellung jüdischer Reichstagskandidaten verhalten haben, beweist, daß sie mindestens selbst ihren Anhang nicht für frei von Antisemitismus erachten. Was die Sozialdemokraten endlich angeht, so haben auch diese skrupellos mit antisemitischen Mätzchen gekämpft, wenn es galt, gegen jüdische Gegner anzugehen oder jüdische Parteifeinde bloß zu stellen. Ich habe selbst bei Wahlkämpfen, die in den letzten Monaten im Wahlkreise Anhalt l stattfanden, beobachten können, wie die Sozialdemokraten eigens den Antisemitismus in die Arbeiterbevölkerung hinein suggerierten, lediglich um damit mir, dem Führer der freisinnigen Gegner, das Leben schwer zu machen. Ich habe bei einer vor kurzem abgehaltenen Wahlversammlung beobachtet, wie ein Berliner Rechtsanwalt, welchem man äußerlich den Juden ansieht, von sozialdemokratischen Arbeitern, denen er an der Spitze der freisinnigen Wähler gegenübertrat, mit den niedrigsten antisemitischen Schimpfreden belegt wurde, ohne daß die anwesenden namhaften Führer der hiesigen Genossen diesem widerlichen Treiben entgegengetreteu wären. Keine der großen Parteien ist also, wenn ich so sagen darf, pupillarisch sicher. Man wird sich daher sorgsain zu überlegen haben, welche Politik die deutschen Juden einschlagen müssen, um das Fortschreiten der antisemitischen Ansteckungsgefahr zu verhindern. Da werden gewiß einige, die die Lehren der letzten Jalrzehnte verschlafen haben, mit dem „guten" Rate kommen, buj; es für die Juden am besten sei, sich gar nicht in die Poli ik zu mischen, sondern einfach möglichst hinten zu bleiben wb gehorsam die Befehle von oben auszuführen. Nichts wö e falscher, als wenn das Judentum sich vom Kampfplatze zurü kzöge und damit, wie Vogel Strauß, glauben würde, die Gesa iv überwunden zu haben. Wo es sich, wie hier, um reine Machtfrag » handelt, da ist es von vornherein klar, daß die Macht d - Antisemitismus nur durch größtmögliche ihr gegenüber gefiel tc Machtaufwenduugen überwunden werden kann. Selbtverständlich wollen wir loyale Staatsbürger bleiben, die du» Gesetz den schuldigen Gehorsam leisten. Das bedingt ab» durchaus nicht, daß wir uns unserer staatsbürgerlichen Recl c durch Nichtausübung selbst berauben. Stellen wir unse o christlichen Mitbürger vor die Tatsache, daß wir uns aus irgei d einem, anscheinend noch so triftigen Grunde an den politische» Geschäften nicht beteiligen wollen, so kann auf die Dauer d t Erkenntnis dieser Tatsache in den Köpfen mancher Leute siih zu der Anschauung verdrehen, daß wir damit selbst zugegeb» > hätten, einen Rechtsanspruch auf Ausübung politisch i Staatsbürgerrechte nicht zu haben. Darum ist — man in» sonst über die Zweckmäßigkeit jüdischer Organisationeil denke» wie man will — an diesen lind so insbesondere am Zentrau verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, am Verbau» e der deutschen Juden, an den jüdischen Logen und am Zivni - mus das Erfreuliche, daß sie schon viele unserer Glauben - brüder dahin bekehrt haben, daß sie gerade in den Tagen d > Antisemitismus init Stolz und Selbstgefühl offen für die Saa c des bedrohten Judentums sich einsetzen müssen. Freilich, wie so manche Verfechter gerade dieser Organ - satioilen sich die Möglichkeit einer Einwirkung auf die politische» Verhältnisse denken, nämlich im Wege der Bildung ein r eigenen jüdischen Partei, man kann sagen: eines jüdische» Zentrums, geht es nicht! Denn eine Partei hat nur so vi l Gewicht, als sie Stimmen in die Wagschale werfen kann. Wen i wir anuehmen, daß wir in Deutschland eine halbe Millir i deutscher Juden haben, so können wir nach dem üblichen E - sahrungssatze auf etwa 100 000 jüdische Reichstagswähb r rechnen. Das ist gegenüber der Gesamtzahl von 12 bis i» Millionen Reichstagswählern ein verschwindend kleiner Brue - teil. Es gibt aber auch wohl keinen Wahlkreis, in dem d e Juden allein durch die Zahl ihrer Wähler den Sieg eines fi >. die Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger eintretend» > Kandidaten gegenüber den» antisemitischen oder konservativ» > Gegner durchzusetzen vermöchten. Und wenn es solcher Wah kreise zwei oder drei geben würde, so würde das auch ntet von Bedeutung sein. Und daun stände es bei der Eigena t der jüdischen Zersplitterung noch lange nicht fest, ob es in d» Wirklichkeit möglich sein würde, die Juden im betreffend» > Falle unter einen Hut zu bringen. Ein jüdisches Zentrum; > Deutschland würde praktisch ebensowenig von Bedeutung sei wie ein protestantisches Parteigebilde in Frankreich oder Italic Eines aber würde die Bildung einer jüdischen Partei sicherli i zur Folge haben: daß nämlich alle anderen politischen Pa teien um so eher Lust verspüren würden, antisemitisch' > Neigungen zu folgen. Diejenigen also, die aus noch so g i gemeinten Regungen heraus der Bildung einer Judenpar! » das Wort reden, spielen auf das leichtsinnigste mit dem Feu» Doch auf andere Weise, so meinen Anhänger der jüdisch» > Organisationen vielfach, könnten sich diese mit Erfolg geg» > den Antisemitismus wenden. Das solle so geschehen, daß i»' auf eigenen Namen Wanderredner in die vom Antisemit! mus bedrohten Wahlkreise senden und auch sonst in Zeitung» >