Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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jiuut' Geschäftsführung uiib vermiete eine rege agitatorische Tätigkeit in der breitesten Oessentlichkeit. Die Tendenzen des Vereins kämen einem weitgefühlten öffentlichen Bedürfnisse entgegen, es sei Sache der Vereinsleitnng, diese Konstellation auszunutzen. Herr Seegaü wieder vertrat den Standpunkt, daß Anregungen von seiten des Vereins auch jetzt schon an maßgebender Stelle auf Berücksichtigung rechnen dürsten und belegte dies mit einigen Beispielen aus der eigenen Praxis. Demgegenüber führte der Vorsitzende aus, daß es dem Verein weniger um vereinzelte Zugeständnisse, als um die Geltendmachung von Prinzipien zu tun sei. Da sei auf Erfolge nur dann zu rechnen, wenn eine breite geschlossene Masse von Gemeindemitgliedern hinter dem Petenten stehe. Es müsse in Berlin gleich wie in anderen größeren Gemeinden dahin konunen, daß auch der Frömmste von allen religiösen Institutionen der Gemeinde ohne Gewissensbedenken Gebrauch machen könne. Die Herren Blum und Wedelt behandelten in ausführlicher Rede die Rabbinerfrage. Bei den in jüngster Zeit vorgenommenen Neuanstellungen wurde nur der „radikalen" Richtung Rechnung getragen. Herr Wedelt geht noch weiter und verlangt die Einsetzung eines Rabbinats, „das in Lehre und Leben den Standpunkt des Religionsgesetzes aus Neberzeugung vertritt und dessen Entscheidungen alsdann von jedem den väterlichen Ueberlieferungen zugetanen Juden als maßgebend anerkannt werden müßten." In längerer Auseinandersetzung legt alsdann Dr. Fink dar, daß die Wurzel des Nebels in der einseitigen Zusammensetzung unserer Gemeindevertretungen zu suchen sei. Nachdem noch die Herren Brock und Löwenthal einzelne Mißstände in der Gemeindeinstitution zur Sprache gebracht haben, von letzterem insbesondere die Unzulänglichkeit des Religionsunterrichts an Beispielen aus der eigenen Erfahrung beleuchtet wird, werden die Wahlen vorgenommen, die zu folgendem Ergebnisse führen: Dr. Baneth, Vorsitzender, Dr. Ion. Lehmann, zweiter Vorsitzender, Dr. Kahn, Schriftführer, Jos. Chaim, Rendant, Rechnungsrat Mendelsohn, zweiter Schriftführer, Seegall, zweiter Rendant, M. Karfunkel, A. Kuntz, Rechtsanwalt Dr. Leszhnskh, Dr. Preuß, Dr. Rosenthal, Rixdors, Wedell, Saul, Bukoszer und Brock als Beisitzer, Zahnarzt Dr. Karo und Löwenthal als Revisoren. s. Berlin, 25. März. Das Jüdische Müdchenstift, Lothringerstraße 16, gewährt nach seinem eben erschienenen 17. Jahresbericht in einem besonderen, von der Hausmutter Frau H enriette Baer geleiteten Heim unbemittelten jüdischen Mädchen vollständig unentgeltlichen Unterhalt und hauswirtschastliche Ausbildung. Von den im ganzen bisher in den Dienst entlassenen 62 Mädchen, im abgelanfenen Jahre waren es wieder 10. sind weitaus die meisten ihrem Beruf treu geblieben und haben bereits 16 für längeren, 2- bis 10jährigen Dienst bei derselben Herrschaft eine Prämie von je 46 Mark erhalten. Zur Fortführung seiner verdienstlichen Wirksamkeit bedarf das Stift, das im ganzen 3826 Mark, das heißt pro Kopf 551 Mark ausgegeben hat und ein Vermögen von 51 500 Mark aufweist, dringend größerer Mittel. Vorsitzende sind Waisenhausdirektor Dr. Strelitz und Frau Julie Neumann. Die Generalversammlung, zu welcher auch Gäste willkommen sind, findet Montag, den 25. d. M., 6 Uhr, Schadowstraße 6 statt. Berlin, 27. März. Die Palästinareisen haben in den letzten Jahren sehr zugenommen. Leider haben aber nicht alle Unternehmungen, die dieses Ziel verfolgen, auf der Höhe ihrer Aufgabe gestanden. Um den deutschen Juden, sür die der Anschluß von Wien oder gar Triest aus an die österreichischen Reisenden nicht bequem genug war oder auch wegen der Mehrkosten nicht opportun erschien, eine möglichst billige und bequeme Gelegenheit zu einer Palästinareise zu bieten, hat sich ein provisorisches Komitee zur Realisierung einer Palästinareise gebildet, das die Vorarbeiten dieses Projektes übernommen hat und die Anmeldung zu der Reise, welche gleich nach den jüdischen Feiertagen im Oktober angetreten werden soll, entgegen nimmt. Um die sehr umfangreichen Vorarbeiten im Interesse der Teilnehmer möglichst gründlich erledigen und die Zahl der Mitreisenden zeitig übersehen zu können, wird Herr Dr. Arthur Kahn in Charlottenburg, Englische Straße 30, als Vorsitzender des provisorischen Komitees, bereits jetzt Anmeldungen entgegennehmen, beziehungsweise Auskunft erteilen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß auch Vorrichtungen getroffen werden, daß auch Da mell an dieser Exkursion teilnehmen können. 8. Berlin, 26. März. Vor kurzem hat sich hier eine territorialistische Vereinigung unter dem Namen „Zangwill- Klub" gebildet, deren Zweck es ist, neben der Pflege jüdischer Kultur im allgemeinen unter ihren Mitgliedern das Interesse an den territorialistischen Bestrebungen wachzurufen und zu vertiefen. Den Vorsitz haben die Herren Dr. Simonsohu, I. Goldschmidt und Arthur- Brünn inne. Damen und Herren, deren Anschauungen sich mit den Zielen des Vereins decken, werden gebeten, sich umgehend an Herrn Arthur Brünn, NW*.28, Cnxhavenerstraße 17 zu wenden. S£2 Berlin, 25. März. Der Israelitische Fortbildungsverein „Montefiore" hielt am 20. d. M. seine ordentliche General- Versammlung ab, die der Vorsitzende Dr. Winter eröffnete. Derselbe gab zunächst an der Hand des vorliegenden Jahresberichts eine kurze Uebersicht über das letzte Vereinsjahr. Die fünfmal wöchentlich abgehaltenen Schinrim erfreuten sich reger Beteiligung seitens der Mitglieder, während die von Zeit zu Zeit veranstalteten Ausflüge und Feste auch das Interesse weiter Kreise für den Verein zu wecken verstanden. Mit Genugtuung konnte der Vorsitzende am Schlüsse seiner Ausführungen konstatieren, daß der Verein im abgelaufenen Jahre seinem Ziele, die gesamte bewußte jüdische Jugend Berlins zu umfassen, ein gut Stück näher gekommen sei. Die sich an dem Berichte anschließende Diskussion ließ erkennen, daß die Mitglieder mit Liebe und Verständnis am Gedeihen des Vereins mitzuarbeiten entschlossen sind. Dann folgte die Vorstandswahl. Herr Dr. Wintererklärte unter allseitigem Bedauern, eine Wiederwahl nicht annehmen zu können, und es wurde zum 1. Vorsitzenden Herr Edmund Levh, zum zweiten Vorsitzenden Herr Dr. Nathan Moses gewählt. Hierauf schloß der Vorsitzende die Versammlung. r. Thorm, 22. März. Der hiesige Literatur- und Kultur- Verein, 1894 gegründet, hat sich die beiden Aufgaben gestellt: die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur 31t verbreiten und das Handwerk unter den Juden zu fördern. In der statutenmäßigen Generalversammlung erstattete der Kassenführer Herr Adolph Jacob den Geschäfts- und Kassenbericht. Im Laufe des Berichtsjahres wurden sieben Vorträge und Referate gehalten u. a. von den Herren David Wolff-Thorn, Dr. Julius Moses-Berlin. Rabbiner Dr. Rosenberg-Thorn, Dagobert Gerson-Thorn, Adolph Jaeob- Thorn (zur Rießer-Feier), Dr. Karpeles-Berlin, Dr. Ludwig Cohn-Berlin. Die Vereinsbibliothek besteht aus 453 Bänden. — Bezüglich der Förderung des Handwerks wurde ein Lehrling als Bildhauer ausgebildet, während vier Schülern aus Kosten des Vereins Handfertigkeitsunterricht erteilt wurde. Die Mitgliederzahl betrug 112, die Einnahmen betrugen 622.55 Mark, die Ausgaben 580,45 Mark, so daß ein Barbestand per 1. Januar 1907 von 42,10 Mark verblieb. Das Gesamtvermögen des Vereins beträgt 836,09 Mark, das zinsbarangelegt ist. Hieraus fand die Wahl für die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder statt, die eine Wiederwahl ergab. Der Vorstand besteht nunmehr aus: Professor Dr. Horowitz, erster Vorsitzender, Rabbiner Dr. Rosenberg zweiter Vorsitzender, Rentier Adolph Jacob Kassenführer, Kaufmann Hermann Moskiewicz Schriftführer, Justizrat Radt, Kaufmann Dagobert Gerson und Bildhauer S. Meyer als Beisitzer. Als Kassenprüfer wurden die Herren Casper Danziger und S. Wiener gewählt. Posen, 12. März. Der 63. Jahresbericht der hiesigen Israelitischen Waisen-Knaben-Anstalt beweist, daß deren Verwaltung dauernd bemüht ist, die Verhältnisse dieses Instituts nach jeder Richtung hin zu heben, die Grenze seiner Fürsorge zu erweitern und das Wohl der ihm übergebenen Zöglinge allseitig zu fördern. Insbesondere sind im vergangenen Jahre den in der beruflichen Ausbildung stehenden Lehrlingen gesteigerte Sorgfalt und größere materielle Opfer gewidmet worden. Die idealen Grundsätze, welche der Erziehung als Richtschnur dienen und dem Leben im Hause die Gestaltung geben, gewähren einen verheißungsvollen Ausblick für die Zukunft. Groß ist das gesetzte Ziel, — Menschenerziehung und Menschenveredelung — und vielfach erschwert der Weg, aber ernstes Wollen und beharrliches Streben haben noch immer vorwärts geführt. — Am Schlüsse des Berichtsjahres zählte die Anstatt 28 Zöglinge, nämlich 23 Schüler und 5 Lehrlinge. Der Gesundheits-