Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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—— 156 - von ihm? Er wisse doch, was er von der Zartheit dieser Mädchen zu halten habe. Eines Tages traf er sie im Flur und fuhr sie fast grob an. Er wünsche diese Aufmerksamkeiten nicht, er sei kein Blumenfreund, er wolle in seinem Leben und in seiner Art nicht gestört sein. Da brach das Mädchen in Tränen aus, und scheu wich sie vor ihm zurück. Nun empfand er wiederum Reue über sein Benehmen und er wurde weicher. »Ja, Fräulein, Sie meinen's gut, gewiß . . . aber ich kann es doch nicht annehmen. Sehen Sie, jeder muß mit sich fertig zil werden suchen. Ich kann Ihre Freundlichkeit doch gar nicht vergelten, und schließlich kenne ich ja das weibliche Geschlecht, ich weiß-doch, was stets dahintersteckt." Da wurde das kleine schüchterne achtzehnjährige Ding plötzlich mutig. Wie eine Heldin stand sie da. Sie wuchs ordentlich in die Höhe und mit geröteten Wangen und flammendeil Augen rief sie ihm zornig zu: „Ist das Ihre hohe Bildung, Herr Doktor? Lehrt die, so zu denken? Sehen Sie, ich bin ja nur ein unwissendes Mädchen, aber ich würde mich schämen, so zu sprechen." Und als wenn sie fürchtete, schon zu viel gesagt zu haben, schaute sie in ihrer rührenden Unbeholfenheit mitleidsvoll zu ihm hinauf. Da war es ihm, als wenn ein neuer Strahl ausleuchtete und zu ihm bis ins Herz drang, mild, ohne wildes Feuer, aber still leuchtend und wärmend. Er erfaßte ihre kleine Hand und schaute ihr m die'treuen Kinderaugen: „Ach, Fräulein Liesel, liebes, gutes Fräulein, Sie wissen nicht, wie Sie mich erfreuen, wie wohl mir Ihre Worte tun." Und plötzlich ging ihm ein Licht auf. Liesel offenbarte sich ihm in ihrer eigenartigen Schönheit, in ihreni sonnigen, Güte spendenden, Glück ausstrahlenden Wesen. So muß seine Mutter ansgesehen haben als junges Mädchen. Das war das Urbild einer schlichten jüdischen Tochter. Es war wie ein Blitz, der ihn durchfuhr und ihn mit diesem herrlichen Mädchen innerlich verband. Es war ihm, als wenn er plötzlich ein neues, Reich entdeckte, das ihnen beiden gehörte, ein Reich, das ihm zur inneren Zuflucht werden sollte: das Reich des jüdischen Familienlebens. Seit diesem Tage war Dr. Haller dem Leben wiedergegeben. Er war wie ein Genesender, der die Welt von neuem begrüßte und ihren Zauber in sich aufnahm. Der Himmel war wieder blau und die Blumen dufteten wieder so zart und es gab wieder herrliche Naturwunder. Es gab wieder Ideale, für die zu leben eine Wonne ist. Und es gab für ihn wieder einen hohen,' reinen Glauben, der sich ihm durch ein anmutiges Geschöpf Gottes offenbarte: der Glaube an die Menschheit. Nur schien ihm der Weg, der dahin führte, nicht direkt, sondern durch das Judentum erreichbar. Alles im Judentum heimelte ihn jetzt an, sogar die Fehler sah er liebevoll und mit Verständnis an. Und mit jedem Tage gewann er dieses schlichte Naturkind lieber. Ihm war, als wenn er einen neuen Quell für seine Ideale, einen neuen Boden für seine Träume gefunden hätte. Nicht dj^ Gebildeten und Verbildeten, sondern das Volk, das schlichte, natürlich empfindende Volk mit seinem gesunden Natursinn ist es, wo alles Gute wurzelt, wo die Zukunft aller Ideale ruht. Und will mau die Menschheit bessern, so fange man bei seiner Gemeinschaft, bei der Judenheit an. Sie bedürfe der Liebe ihrer Kinder am meisten. Das war jetzt sein neues, durch Schmerz und Wonne errungenes Evangelium. Anfangs war er sich über seine Gefühle zu Liesel nicht recht klar. Er liebte sie ja nicht mit dieser glühenden Flamme, wie er die Hertha geliebt. Aber es war etwas Abgeklärtes, Reines, etwas ungemein Zartes, was in ihm auflebte und von Tag zu Tag an Kraft und an Tiefe gewann. Wunderbar, wie dieses Kind in allen Dingen so sicher, so klar und natürlich urteilte, als folge alles aus dem Herzen. Und in diesem kleinen Herzen gab es keine Zerfahrenheit und keine Zerrissenheit, hier war alles harmonisch abgestimmt. Das wirkte auf Haller jedesmal beruhigend, wie ein Stück Natur. Er wurde sicherer, wenn er mit ihr sprach, er konnte sich ihr ganz offenbaren, bis in die innersten Falten seiner Seele, ohne Gefahr zu laufen, mißverstanden zu werden. Nun lasen sie oft zusaminen, und am meisten freute sich Liesel, wenn sie zusammen jüdische Literatur lasen, wenn er ihr die Poesien des Jehuda Halevi vortrug, wenn er ihr die gewaltige Elementarsprache der Propheten vorlas. Sie gingen häufig spazieren, machten an den freien Tagen Ausflüge und besuchten Konzerte und Theater. Und was sie genossen, das genossen sie reicher und tiefer, weil es ihnen beiden gemeinsam gehörte. Sie sprachen über alles, nur nicht über ihr Verhältnis zueinander. Eine gewisse Scheu hielt Haller zurück, die Frage offen und klar zu stellen. Eines Tages, als sie zusammen von einer anmutigen Höhe des Schwarzwaldes die untergehende Sonne beobachteten, da packte es ihn mit aller Kraft, und es war ihm, als wenn er es ihr nun sagen müßte. Ueberwältigt von der Natur-, schönheit und von seinen inneren Gefühlen, erfaßte er ihre Hand, sah ihr in die rehbraunen Augen und war doch nicht fähig, das auszusprechen, was ihn bewegte. Endlich fand er die Sprache: „Wissen Sie, liebes Liesel, was Sie mir eigentlich sind?" Sie war einen Augenblick verlegen, aber auch nur einen Augenblick, dann wandte sie ihm ihr Gesicht zu und antwortete : „Ja, ich glaube, ich weiß es: die einfache Natur bin ich Ihnen, nach all Ihren finsteren Träumen." „Ja. aber noch mehr, viel mehr: Die Sonne, das Glück. Ich aber bin Ihnen nur ein Gegenstand des Mitleids." „O nein, Sie tun mir weh, Sie dürfen so nicht wieder sprechen. Sehen Sie, als ich Sie zuerst unglücklich sah, da hatte ich nur den einen heißen Wunsch, o, könnte ich Ihnen helfen. Als Sie jede Teilnahme zurückwiesen, war ich so betrübt, und als es mir gelang. Sie wieder aufznheitern, da jubelte alles in mir. Das war kein Mitleid. Es war mir, als wenn mein Leben dadurch an Wert gewonnen hätte. Ich fühlte mich reicher, als ich Ihnen etwas zu geben hatte." „O Du einziges, geliebtes Wesen, Du meine kleine süße Braut!" Er schloß sie in seine Arme rlnd küßte sie leidenschaftlich.. Sie ließ es gewähren und schaute mit ihren Kinderaugen glückstrahlend zu ihm hinauf. „Aber sag', Liebling, hättest Du mich auch geliebt, wenn ich nicht wieder Jude geworden wäre?" „Vielleicht, aber — glücklich wäre ich wohl kaum geworden. Ich empfand immer einen tiefen Schmerz, daß Du, den ich so verehrte, so wenig Jude warst. Siehst Du, lach' mich nicht aus, aber mir ist das Judentum wie eine teure Mutter, der es so weh tut, von den eigenen Kindern nicht geliebt zu werden." Und er lacht' sie nicht aus. Er erhob anbetend und bewundernd den Blick zu diesem schlichten Naturkinde, das ihm tiefere Weisheiten gab als alle Bücher und alle Erfahrungen > des Lebens. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich snr die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.