Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Dieser gewaltige Schmerz erschütterte den jungen Haller so sehr, daß er seine ganze Kraft aufraffen mußte, um wieder arbeiten zu können. Er war nun ganz allein. Aber — o nein, das auszusprechen wäre ja Sünde. Er hatte ja seine Herta, der er sich nun noch enger anschließen wollte, die ihm jetzt alles sein sollte. Er schrieb ihr nun häufiger und ausführlicher. Er schilderte ihr immer wieder, was der Bater ihm gewesen ist und wie er ihm überall fehle. Aber — es schien, als wenn sie ihn doch nicht ganz verstand, denn ihre Briefe wurden immer kälter und zuletzt auch seltener. Sie ging gar nicht mehr ans seine Schwärmereien ein und schrieb kein Wort von ihrer Zukunft. Zwischen die Zeilen schlich sich, so kam es Haller vor, etwas Fremdes, etwas Kaltes hinein, das er nicht verstand und das ihn doch schreckte. Noch wollte er es nicht glauben, daß zwischen ihnen sich etwas geändert haben könnte. Es könne ja nur ein Mißverständnis obwalten. Aber - - die Briefe wurden immer konventioneller und zuletzt blieben sie ganz aus. Er beschloß, nach Berlin zu reisen und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie erwartete ihn nicht einmal auf dem Bahnhof, obwohl er ihr die Stunde seiner Ankunft angezeigt hatte. Als er sie aufsuchte und sie mit Fragen und Klagen bestürmte, gestand sie ihm kleinlaut, daß zwischen ihnen alles aus sei. Sie könne keinen Juden heiraten, die Berhültnisse seien stärker als sie. Sie besitze nicht die Kraft, gegen all die Hindernisse anzukämpfen. . . . Da war es ihm, als wenn die Maske von ihr siele lind er sie zum erstenmal in ihrer wahren Gestalt sehe. Dieses kalte, berechnete, ideallose Geschöpf hatte er geliebt! Dieses seelenlose Mädchen hatte er zu seiner Göttin erkoren! Er schämte sich vor sich selber. Ohne ein Wort zu sagen, gab er ihr ihre Photographie zurück und lief wie ein Wahnsinniger davon. Von Bekannten erfuhr er später, daß sie bereits seit Monaten mit einem Referendar heimlich verlobt sei. Und nun kam er heim, wie ein Schiffbrüchiger, der nichts als sein nacktes Leben gerettet hat. Es war ihm, als wenn er vom Grabe seiner Ideale zurückgekehrt iväre. Er war nun ein einsamer, hoffnungsloser Mann. Er ging seinem Berufe nach wie früher, tat in allem seine Pflicht, aber er hatte an nichts mehr Freude. Wozu eigentlich leben? Was kann ihm das Leben noch bieten? Was ist überhaupt der „Sinn des Lebens"? Ja, er klammerte sich an dieses Wort „Sinn des Lebens", als wenn alle Rätsel davon ausgingen? Was hat das Dasein für einen Zweck? Immer wieder legte er sich diese Frage vor, ohne eine Antwort zu finden.- Run begriff er erst seinen armen Vater und die Tragik seines Lebensabends ganz. Der ideale Mann starb an den gebrochenen Hoffnungen. Er mußte an das Wort des Arztes denken. Und immer wieder tauchte vor seinen Augen die Frage auf: Wird auch er selbst am Glaubensmangel sterben? Anfangs stand Dr. Haller diesem Rätsel fremd, ja skeptisch gegenüber. Aber dieses philosophische Problem beschäftigte doch unwillkürlich sein Denken in hohe,» Grade, und seine Phantasie wurde um so mehr davon erfüllt, da sein persönliches Schicksal mit der Judenfrage verschmolzen war. Schritt für Schritt entfernte er sich von seinem Nebelreich und kam immer mehr der jüdischen Bewegung näher. Bald mußte er sich eingestehen, daß diese Wandlung eine natürliche war und daß die Entwicklung, von Extremen abgesehen, eine gesunde war. Ja, die ganze Menschheit aus Not und Elend zu erlösen und sie zu den lichten Höhen der Kultur zu führen — das wäre gewiß ein größeres, schöneres Ideal. Aber — die Wirklichkeit ist stärker als der Traum, und man soll sich keine Ziele stecken, die unerreichbar sind. Da ist es wohl nicht llur schön, sondern auch klug, vorläufig seine eigene Welt auszubauen, sie 31t schmücken und zu wärmen. ,Er wurde, ohne daß er es anstrebte, in die Bibliothekskommission des jüdischen Literaturvereins gewählt und er mußte dieses Amt annehmen. Anfangs nur aus Höflichkeit, er gehörte bis jetzt eigentlich nur dem Flamen nach dein Jlldentum an. Bald aber erivärmte er sich für die Sache, nahm an den Diskussionen der Bereinssitzuugen teil und fing an, sich mit jüdischer Literatur und jüdischer Wissenschaft 31t befassen. Diese Beschäftigung wurde ihm bald lieb. Es ivar ihm, als wenn er zu alten teure»» Freundeir zurückkehrte, die er längst verlassen hatte. Und diese Freunde nahmen ihn so herzlich wieder ans, ilnd seine gequälte Seele fand hier Ruhe und Harmonie. Hier war alles in sich geschlossen, organisch mit seiner Natur vereinigt. Eine kleine Welt, aber eine Welt voll Schönheit und Wärme, und vor allein — seine Welt. Merkwürdig, jetzt sing er an, die Welt und ihre Erscheinungen in audern Farben zu sehen. Mit Liebe erinnert er sich jetzt des stillen Paradieses im Vaterhause, und er mußte sich eingestehen, daß es der jüdische Geist war, der da herrschte lind alles so traut und rein und ideal machte. Eine neue große Sehnsucht tauchte in ihm auf, eine Sehnsucht, für die er keinen Namen fand. Er wollte sich nicht eingestehen, daß es die Sehnsucht nach dem Jndeuttlin war. Noch glaubte er zuweilen, sich gegen diese neue Welt wehren zu müssen. Noch klanünerte er sich zuweilen an seine alten Ideale, und er flüchtete sich vor dem jüdischen Leben, das ihn gefangen zu nehmen drohte. Er panzerte sich mit Düsterkeit, um keine weiche Stimmung aufkommcn zu lassen. Er suchte die alten Schatten, die allmählich weichen wollten, mit Gewalt festznhalten. Und so wurde er im Umgang noch finsterer und melancholischer. Schließlich sei doch alles, was er vor sich sehe, nur Theorie. Was habe er denn noch vom Leben zu erwarten? Was vermag es ihm zu bieten? Er kam aus dem Grübeln nicht heraus und konnte in keine frohe Stimmung geraten. Seine Wirtin, bei der er seit dem Tode des Vaters wohnte, eine ältere jüdische Witwe, sah voller Besorgnis, wie er iinmer bleicher und düsterer wurde. Sie war noch mit seiner Mutter befreundet und sie empfand eine innige Teilnahme für den jungen Gelehrten. Noch mehr schien Fräulein Liesel darüber betrübt zu sein. Liesel war die Nichte seiner Wirtin, eine elternlose Waise, die bei ihrer Tante lebte und die ihr in der Wirtschaft half. Sie ivar eine niedliche Blondine mit fast durchsichtigen» Teint, ein sanftes Geschöpf mit strahlenden Angen und von ungemein graziöser Gestalt. Früher pflegte sich Dr. Haller gern mit ihr zu unterhalten und ihr kindliches Wesen gefiel ihm sehr. Seit seinem Unglück aber wich er ihr ans, und wenn er sie traf, ging er mit stummein Gruß vorüber. Das schmerzte Liesel. Sie sah, wie er litt und sie hätte ihm so gern geholfen. Er war ja stets gut zu ihr und er hatte jetzt niemand auf der Welt. Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie ihm eine Schlvester hätte ersetzen dürfen. Sze wurde immer aufmerksamer und suchte durch allerhand Freundlichkeiten ihm eine kleine Freude zu bereiten. So oft sie einen Ausflug in den nahen Schwarzwald machte, pflückte sie Blumen und stellte sie in seine Vasen. Sie zierte seinen Schreibtisch, ordnete seine Bücher und schmückte seine Studierstube. Das schien ihm eher zu verdrießen, statt zu erfreuen. Er wollte keinen» zu Dank verpflichtet sein. Was will sie eigentlich