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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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153 Abgeordneten Carlebach geantwortet und dabei nur das vorgetragen zu haben, was ohnedies in der Oeffentlichkeit bereits bekannt sei. Abgeordneter Aug. Oppenheim hält den Rabbiner in Mosbach für einen gelehrten Mann, der jedenfalls nur seine Ueberzeugung vertreten habe. Abgeordneter Dr. Hannes, halt es gegenüber den Vorrednern für selbstverständlich, daß im Laufe der Besprechung einer Interpellation alle damit in Zusammenhang stehenden Fragen zur Erörterung kommen. Hieraus schloß der Präsident die Beratung. Ueber eine von Dr. Hannes, Weill und Kahn eingebrachte Resolution, welche dem Oberrat das volle Vertrauen der Synode ausspricht und die von Dr. Hannes ganz kurz begründet wurde, beantragte der Großh. Oberrat namentliche Abstimmung. Diese ergab einstimmige Annahme. Sodann erfolgte unter den üblichen Dankesworteu der Schluß der Synode. Moritz Strinlchneider 18X6-1907. Von Professor Dr. W. Bacher. m 10. Januar dieses Jahres saß ich in seinem lang-! jährigen Heim in der Wallnertheaterstraße dem innig! verehrten Nestor unserer jüdischen Wissenschaft gegenüber, den i aufzusuchen ich als die erste Pflicht meines kurzen Aufenthaltes! in Berlin betrachtete. Seine lebhafte Rede und das rege In-! teresse, das er für die mannigfaltigsten Gegenstände kundgab, ließen vergessen, daß in den letzten Wochen, wie mir gesagt! worden war, die Gesundheit des Neunzigjährigen bedenkliche j Erschütterungen erlitten hatte. Auch die zur Feier seines | jüngsten Jubeltages von einem dankbaren und berufenen Schüler angekündigte Herausgabe seiner gesammelten kleinen Schriften kam zur Rede. Er erwähnte die Langsamkeit des Druckes, und ich sprach den Wunsch aus, es möge ihm ver-! gönnt sein, sich am letzten Teile der auf viele Bände berech- 1 neten Sammlung in voller Frische zu erfreuen. Nach kaum | 14 Tagen war die Erfüllung dieses Wunsches zunichte geworden.! Am 23. Januar schied Moritz Steinschneider aus dem Leben, und der letzte jener Großen, diej zur wissenschaftlichen Erforschung des Judentums, seiner Geschichte und Literatur die Fundamente gelegt, die ersten Bauten aufgeführt haben, war zu den Vätern eingegangen. Wir waren auf das Ende dieses ungewöhnlich langen und ungewöhnlich fruchtreichen Erdendaseins nicht vorbereitet. Denn Steinschneider war nicht bloß der Ueberlebende einer grundlegenden, schöpferischen Epoche, sondern er war ein Lebender geblieben, der bis zum letzten Atemzuge tätig war, der mit seiner Arbeitslust und Arbeitskraft allen voranleuchtete, der noch in dem letzten Jahrzehnt Werke an die Oeffentlichkeit förderte, die sich ebenbürtig seinen früheren Arbeiten an die Seite stellten. Nach einer beispiellos langen literarischen Vergangenheit nahni er an dem Schaffen der Gegenwart rüstigen Anteil und scheute auch vor Plänen für die Zukunft nicht zurück. Darum kam die Trauernachricht von seinem Tode für den Kreis derer, die bewundernde Zeugen seiner j unermüdlichen Tätigkeit waren, so unerwartet, und darum j füllt es schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß z Steinschneider nicht mehr unter den Lebenden weilt und daß! sein Geburtstag (der 30. März) nur noch der Feier seines Gedächtnisses gewidmet sein kann. In dieser Zeitung, deren erstes Erscheinen den ersten Veröffentlichungen Steinschneiders fast gleichzeitig war, mögen aus Anlaß dieses seines ersten Gedächtnistages einige Worte der Würdigung die Bedeutung des Heimgegangenen großen Gelehrten auch den weiteren Kreisen des deutschen Israel znm Bewußtsein führen. An eine volle, das gesamte Gebiet seiner Arbeiten berücksichtigende Würdigung dürfte ich auch dann nicht denken, wenn mir hier ein größerer Raum zur Verfügung stünde. Ich will mich nur daraus beschränken, den Inhalt und den Wert einiger seiner wichtigsten Schriften, gewissermaßen der Höhepunkte seines Schaffens, darzulegen und ihm so, im Sinne des bekannten Spruches unserer alten Weisen, aus seinen eigenen Worten ein kleines Denkmal zu errichten. i. Das Werk, mit dem Steinschneider, nach emsigem, in größeren und kleineren Arbeiten verschiedener Art auch öffentlich hervortretendem Studium des jüdischen Schrifttums, der orientalischen Sprachen und anderer Wissensgebiete, in die vorderste Reihe der Bahnbrecher jüdisch-wissenschaftlicher Forschung rückte, war eine Darstellung der gesamten Literatur des Judentums. Es ist der bereits am Ende des Jahres 1847 vollendete, aber erst im Jahre 1850 erschienene, 115 zweispaltige Quartseiten einnehmende Artikel „Jüdische Literatur" im 27. Bande der zweiten Sektion der Allgemeinen Enzyklopädie von Ersch und Gruber. Dieser Artikel, der nachher (1857) in englischer Uebersetzung Buchform erhielt, war der erste Versuch, die jüdische Literatur zum Gegenstände einer pragmatischen, nach Inhalt und Zeitabschnitten gegliederten Darstellung zu machen. Steinschneider nimmt vier Perioden ihrer Entwicklung an. Die erste Periode („von Esra bis zur Einwirkung der arabischen Wissenschaft und bis znm Hervortreten Europas") charakterisiert „die mündliche Rezeption (d. h. Tradition) und den Midrasch". Es ist hier — da vom jüdischen Hellenismus und auch von den Apokryphen abgesehen wird — lediglich von der Traditionsliteratur die Rede, deren Erzeugnisse, nach einem allgemeinen Abschnitt über den Midrasch, unter den Ueberschriften „Halacha" und „Haggada" beschrieben werden. Die zweite Periode („bis zur Vertreibung der Juden ans Spanien und bis zur Anwendung der Buchdruckerkunst") stellt „eine breite Entwicklung aller Disziplinen in verschiedenen Ländern und Sprachen, den Prozeß von neueren Gestaltungen durch Kampf, Besitz und Ausbau" dar. Während sich Steinschneider bei der ersten Periode, wenn auch selbständig gruppierend, an das klassische Werk von Zunz über die „Gottesdienstlichen Vorträge der Juden" anlehnen konnte, mußten für den reichen und vielverzweigten Inhalt der zweiten Periode die Gesichtspunkte der Einteilung, die leitenden Gedanken der Einzeldarstellung erst gefunden werden. Die Schwierigkeiten der Einteilung überwindet er dadurch, daß den verschiedenen „Literaturkreisen" dieser Periode je ein über die ganze Periode sich erstreckendes Kapitel angewiesen wird. So kommen nacheinander zur Darstellung: Halacha, Gelehrtengeschichte (und Chronik), der Kampf der Wissenschaft und Haggada, Theologie und Philosophie, Geheimlehre und Kabbala, täräische Literatur, Polemik, hebräische Sprachforschung, Exegese, Poesie (Rhetorik, Stilistik), liturgische Poesie, außerliturgische Poesie, mathematische Wissenschaften, Medizin und Naturkunde. Seine kernig kurze, geistvolle, oft epigrammatisch zugespitzte Schreibweise, die den Einfluß des Meisters Znnz nicht verkennen läßt, ermöglicht es ihm, in diesen Kapiteln den wesentlichen Erscheinungen der einzelnen Gebiete gerecht zu werden, die im Schrifttum sich kundgebenden geistigen Strömungen zu kennzeichnen und dem Wissenswerten über Autoren und Werke, soweit damals die Literaturkunde reichte, seine Stelle zuzuweisen. Die dritte Periode (bis Mendelssohn», „im allgemeinen eine des Verfalls", wird unter folgenden Ueberschriften behandelt: lieber-

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