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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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Viele Juden sind nach Jassy und Botosani geflüchtet. 5 Badoni und Caplenitza sind vier Schwadronen konzentriert, zahln che Landgendarmerie ist aufgebot'en. In Cotnari und Hodora \) den die Bauern die Juden aus ihren Wohnungen vertrieben und in den Wohnungen alles zertrümmert. Zahlreiche schwere Verletzungen si d vorgekommen. In Urzieeni, Frumosiea und Flamcuzi herrscht L drecken. Drei bessarabische Studenten voll der Universität Jassy u irden wegen antisemitischer Hetzereien in Badeni verhaftet, aber bald u?der freigelassen. In Baeau hatte die Polizei versucht, die tumulti iiende Schuljugend zur Vernunft zu bringen. Die Lehrer traten u öffentlichen Kundgebungen für die Unruhestifter ein. Als danach d Minister in einer Depesche an den Gymnasialdirektor Lehrern wie £ Yülern die Teilnahme an jeder Kundgebung untersagte, antworteten i? Lehrer unter Berufung auf die Verfassung mit offener Gehorsamsü lveigerung. In der Kammer wurde der Minister wegen seiner V ltung von antisemitischer Seite interpelliert. Der Minister beiV ügte sich mit der Erklärung, daß er es seltsam fände, daß die L Position die Tumultanten unterstütze. Die Studenten von Jassy!i den Proklamationen erlassen gegen die Regierung, die das Land u t Fremden ausliefere und die Bauern in Not verkommen lasse. 5 i Bukarest haben die Behörden verschiedene Maßnahmen gegen raßenkundgebungen getroffen. Den jüdischen Händlern hat man t" pfohlen, ihre Läden zu sperren. Die jüdischen Schulen sind seit e ügen Tagen geschlossen. In Podul Jloi, einem 25 Kilometer von Jassy entfernten Städtchen, v sammelten sich am 14. d. M. Bauern in ungewöhnlich großer Zahl ii '.Verbrachen wie ausVerabredung die Wohnungen derjüdischen Pächter. e Intervention der Oltsbehörden zerstreute die Plünderer, die aber n chts zahlreicher wiederkehrten, sich neuerdings auf die jüdischen •V user stürzten und sie ausplünderten, Möbel und Waren auf die 3 ruße warfen. Hundert Soldaten waren außerstande, die Ordnung I; rzustellen, und Truppenverstärkungen aus Jassy und Hirlau kamen a t nachmittags 8 Uhr an. Zu spät. Bereits waren 300 jüdische ohnungen und Läden, die Synagoge und die jüdische Schule zerti imntert. Auch das Haus des „Wunderrabbi" entging nicht der Änderung. Und genau so ging es in vielen anderen Dörfern und r ädten bis zur österreichischen Grenze zu, wo alle Vorsichtsmaßregeln!V rossen sind, damit die Bewegung nicht auch dorthin dringe. Die b nzelheiten berichten ja die Tagesblätter ausführlicher, als wir es h r vermöchten. Der Bukarester offiziöse „Conversatoriul" schrieb gestern nach c ier Darlegung, daß die ganze Bewegung von langer Hand vorb eitet sei: „Wir würden nicht überrascht sein, wenn man herausla rde, daß die gegenwärtige Bewegung ihren Ursprung in - ssarabien hat. Dieses der Moldau benachbarte Gebiet ist von u Krankheit des mit barbarischen Mitteln operierenden Antisemit> nus heimgesucht. Da einige Pächter und Besitzer in den von den ll ruhen ergriffenen Bezirken Juden sind, hat möglicherweise die n enfeindliche Bewegung sich mit dem Agraraufstand verschmolzen. 2 nn die Hetzer aus dem benachbarten Ausland wissen ganz genau, : die Landsrage fehr geeignet ist, die Bauern zu sanatisieren." r r „Conversatoriul" billigt die Maßnahmen zur Erstickung des Auf- 't rdes. In Podul Jloi wurden während der Plünderungen mehrere \V aeliten mißhandelt, zwei Kinder schwer verletzt, nicht wenige 5 den wurden in das Krankenhaus nach Jassy gebracht. Der Ort m cht den Eindruck einer Stadt, in der ein russischer Pogrom gc outet hat. Als der Militärkommandant sich an die Spitze seiner rppen setzte und aus dem Revolver drei blinde Schüsse abgab, treuten sich die aufwieglerischen Bauern. Auch in Vladeni, Bezirk I' ssh, hat es Unruhen gegeben. Die Bewegung dehnt sich aus. In > Bezirken von Botoschani und Jassy wird die Zahl der Aufländischen auf 50 000 geschätzt. Die Bauern von Rugianosa haben di Fensterscheiben des Palais Eusa zerschlagen. Von Budurjeni sind 1000 Personen, meist Frauen und Kinder, nach Jtzkany geflüchtet. Die Alliance Israelite Universelle sowie der „Hilfsverein der Deutschen Juden" haben die nötige Hilfe veranlaßt. Ihre Vertrauensmänner sind, mit den erforderlichen Mitteln versehen, an den Orten der hauptsächlichsten Unruhen und in den Fluchtstädten tätig. Außerdem haben die Wiener Alliance, der Vorstand der dortigen Kultusgemeinbe und der Czernowitzer Reichsratsabgeorbnete Dr. Straucher sich an den österreichischen Minister des Aenßeren um Hilfe gewandt — freilich vergebens! Nun wenden sich die beiden Jnstitutiotten um Spenden an alle Menschenfretlnde. Sie werden ihnen sicher auch zuteil werden, wie sie ihnen stets zuteil geworben, wo es galt, unverschuldete Not und das Elend derer zu lindern, die als Juden leidett. Der tzaushsttsetat der Berliner jüdischen Gemeinde. Berlin, 25. März. Etatsentwurf für die Zeit vom 1. April 1907 bis 31. März 1910 unterliegt augenblicklich den Beratungen der Repräsentantenversammlung. In Zahlreichen Sitzungen hat der Gemeindevorstand mit seinem allezeit rüstigen, greisen Vorsteher an der Spitze die mühselige Arbeit geleistet, den umfangreichen Entwurf auf Grund der von den Verwaltungskommissionen erstatteten Berichte zusammenzustellen; vor acht Tagen ist der Entwurf der Repräsentantenversammlung überreicht worden, und diese hat nunmehr durch den ad hoc eingesetzten Etatsausschuß in drei umfangreichen Sitzungen die sämtlichen Positionen des Etats geprüft und durchberaten. Ter Entwurf bietet selbstverständlich wie alle derartigen Aktenstücke trockene Zahlen und Summen, die, in bestimmten Rubriken eingereiht, für die einzelnen Jahre vorgesehen sind. Erst wenn man einem solchen Etatsentwurf zu lesen versteht, wenn man Vergleiche zieht zu früheren Etatsperioden oder Entwürfe anderer jüdischer Gemeindeir in Parallele stellt, wenn man die Motive kennen und würdigen lernt, welche zu den eingestellten Einnahmen und Ausgaben geführt haben, dann wandelt sich das Bild, dann gewinnen die trockenen Zahlen Leben und sehen sich zu Großtaten und Leistungen um, die unser größtes Interesse erheischen und uns der Gemeindeverwaltung gegenüber zu wärmstem Danke verpflichten. In geradezu glänzender Weise hat der vom Etatsausschuß bestimmte, überaus eifrige und pflichttreue Referent, Herr Benas Levy, in der letzten Repräsentanteusitzung eine Gesamtübersicht über den Etatsentwnrf gegeben und in so klaren Ausführungen die zusammengehörenden Gruppen motiviert, daß nunmehr auch jeder Laie den Millionenetat verstehen und würdigen kann. Unter Zugrundelegung dieses Referats wollen wir einen Blick in den Haushalt der Gemeinde werfen. Der Vorstand unserer Gemeinde hat den vorliegenden Etat mit größter Sorgsamkeit, mit Rücksichtnahme auf die Steuerzahler, aber auch mit Wohlwollen für die zahlreichen Gemeindebeamten ausgestellt. Fast durchgehends wurden die Gehälter der länger im Dienst befindlichen Beamten erhöht, bei den Bureauassistenten und den Kassenboten wurde das Anfangsgehalt von bisher 1500 Mark auf 1650 Mk. erhöht; die Zulagen, die sich bisher nach dem Tage des Amtsantritts richteten, wurden sämtlich an den Anfang der Etatsperiode verlegt. Für die Kanzlisten soll das Ansangsgehalt 1500 Mark betragen und nach drei Jahren um 150 Mark erhöht werden. Der Etatsausschub hätte gewünscht, daß der längst ersehnte Normaletat für die Beamten schon jetzt hätte eingesührt werden können, aber die jetzigen Beratungen haben den Beweis erbracht, daß die Schwierigkeiten der Durchführung eines Normalbesoldungsetats sehr große sind, daß die Normalbesoldung nur für die im Bureau beschäftigten Beamten wird geschaffen werden , t' ’i -l

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