Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
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148 Hau?, aufzuheben ober wenigstens in liberalem Sinne zn ändern, so ist jedoch bisher in dieser Sache noch nichts geschehen. Als Parteifrage besteht die Fremdenfrage für die Liberalen nicht, und aus Humanitätsgründen hat dieselbe für sie kein Interesse. Wie wir von kundiger Seite erfahren, zeigt sich imjetzigcn liberalen Parlament sogar etwas mehr Abneigung gegen die Juden als in dem früheren konservativen. Unter diesen Umständen ist es nun zu begreiflich, daß sich der Strom der Auswanderung in verstärktem Maße nach Amerika wendet. Selbst die neue Einwandernngsbill ist dagegen kein Damm. Auch die Fahrpreise des „Norddeutschen Lloyd" in Bremen für Zwischendeckpassagiere sind vom 11. März 1907 infolge der neuen Einwanderungsbestiminungen und des großen Andranges erhöht. Von jetzt ab kostet die Ueberfahrt nach New 4)ork mit Schnelldampfer 190 Mark, mit Postdampfer 170 Mark, nach Baltimore 160 Mark, nach Galvestone 160 Mark. Keue Iudenoerko!glingrll in Kumsmen. Berlin, 25. März, umänien, das klassische Land der Judenhetze, ist leider wieder einmal in den Vordergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit getreten. Es hat von Rußland gelernt, daß man die Ideen des Judenhasses in Taten umsetzen müsse. Und es ist ein gelehriger Schüler. Seit dem 13. d. M. dauern dort die Pogrome gegen die Juden, von den Bauern unternommen, vom gebildeten und ungebildeten Janhagel unterstützt. Aber die kleinen Dorfputsche, die gegen die Juden unternommen wurden, sind heute ein gewaltiger Bauernkrieg. Rebellion tobt im gesamten Gebiete der oberen Moldau. Jassy, die Distriktshauptstadt, ist von den Bauern umzingelt. Viele Gemeinden, unzählige Gutshöfe sind ausgeplündert, den Erben eines Großgrundbesitzers, des Obersten Roznovano in Roznow, hat man den roten Hahn aufs Dach gesetzt. Städtische Agitatoren, Studenten und Lehrer führen die Rotten an. Schon ist Blut geflossen und zahlreiche Existenzen sind vernichtet. Man hat es mit verzweifelten Menschen zu tun, die durch den unerbittlichen Winter gelähmt sind und glauben, die Not des Jahres 1899 kehre wieder, die siebenmonatliche Dürre, die damals ausbrach. In Bukarest sind die Regierenden kopflos. Ein General Tell ist zum militärischen Diktator gegen die Bauern ernannt worden. Der Kriegsminister Mano hat das vierte Armeekorps mobilisiert, die Kammer hat der Einberufung der Reservisten zugestimmt. Im Senat hat der verabschiedete Ministerpräsident Cantacuzene erklärt, man wolle jedem die Achtung vor den Gesetzen einflößen; er vergaß zu bemerken, daß die regulären Soldaten sich schon an den Plünderungen beteiligt haben. Und wiederum fliehen Tausende rumänischer Juden mit Weib und Kind, mit Sack und Pack über die rumänische Grenze. Der Lebensmittel sind sie beraubt, das Elend harrt ihrer. Es erneuert sich, was schon vor Jahren die Presse beschäftigte, die jüdische Massenauswanderung, die seinerzeit einen Häuserkrach und finanzielle Zerrüttung zur Folge hatte. Aber die beiden Verfolgungen sind in ihren Ursachen voneinander gänzlich verschieden. Damals war die Hetze antisemitisch im europäischen Sinne und hatte die rumänischen Kleinkaufleute erfaßt. Jetzt sind die Bauern ihre Träger und der Haß gegen die Juden, von dem sie erfüllt sind, ist nur eine Teilerscheinung einer großen, gefährlichen, noch unabsehbaren Agrarrevolte. In der Königsresidenz Bukarest, im „orientalischen Paris , hat man 1902 Jubiläen gefeiert, mit Dankgottesdiensten in d Banketten. Rumänien, so schien es, war über alle Schwierileiten der Entwicklung zum modernen Staat hinaus, und vielfa > betrachtete man das Land mit der romantischen Sentimentalitä , in der Carmen Sylva, die Muse auf dem Thron, über d Politik ihres Gatten redet. Die Umtriebe, die das rumänisc h' Gewerbegesetz und die Vertreibung der jüdischen Handwerker c - zwangen, haben rasch dafür gesorgt, daß die Jubiläumsher - lichkeit zerfiel und Rumänien in seiner wahren halbasiatisch» Gestalt sich zeigte. Ohnmächtig willigte die „liberale" Regierung in d» Terrorismus ein, nur heimlich ließ sie jüdische Hausier r wieder zu und wartete auf die Kälte, die den Strom der An - Wanderer zum Stillstand bringen würde. Noch ohnmächtig r ist sie heute. Nun sind die Baueru'aus ihrem tierischen Halbschlaf e - wacht und suchen Schuldige. Sie handeln wie die russische i Muschiks. Sie wollen Ackerboden, llnd sie halten sich nicht an d? rumänischen Magnaten, die irgendwo im Luxus leben, sonder i an die einzelnen jüdischen Gutspächter. Sie wähnen, wen > diese entfernt seien, dann sei der Boden für alle frei. Dan! koste die „Faltsche" nur noch 25 Lei, die sie jetzt mit 50 bi- 60 Lei bezahlen. Antisemitische Professoren wie Jorga tno die Zeitungsleute haben die Erbitterung gegen den Gut- Pächter-Trust geschürt, der in der nördlichen Moldau inr allem durch die jüdische Familie Fischer vertreten ist. I i aller Eile haben darum die Minister ein Gesetz ausgearbeib, das die Pachtzeit auf fünf Jahre beschränkt und die Anzahl von Pachten, die in eine Hand fallen dürfen, festsetzt. Aber dl > ist nur ein Pflüftercheii und lindert nicht auf die Tau ■ Rumäniens Unglück, den Mangel einer soliden, leistung - fähigen Industrialisierung. Und darum dehnt sich der Bauernaufruhr immer weitn' aus, trotz aller offiziösen Lügen der Agence Roumaine. T ' Scharen, die Haus und Hof verlassen haben, um raubend un > plündernd das Land zu durchziehen und über die Städte he- - zufallen, werden nach Zehntausenden beziffert. Aus den.Nachrichten gewinnt man den Eindruck, daß ganz Rumänie > gegenwärtig in ein Feldlager umgewandelt ist. Die schicksalsschwere Frage, ob die Truppen, wenn sie gegen die Bauer i geführt werden, treu bleiben, ist noch nicht entschieden. I i manchen Orten sollen bei den Judenhetzen Soldaten m t Bauern gemeinsame Sache gemacht haben. Die Flucht d>.- jüdischen Bevölkerung gegen Oesterreich zu dauert an. D Wut der Bauern richtet sich nicht gegen eine bestimmte Parte. sondern gegen die mittelbare oder unmittelbare Bedrückuni und Aussaugung durch die Herrenleute, die in allen regierung- - fähigen Parteien das Heft in der Hand haben. Ob das nein Ministerium, das am Sonntag eingesetzt wurde, bald die Rul > Herstellen wird, muß leider bezweifelt werden. Die Revoli' erstreckt sich bereits über ganz Rumänien. Es kann natürlich iricht unsere Aufgabe sein, die Einze heiten der Pogrome aus den Tagesblättern, ans denen s ' ja den Lesern ohnehin bekannt sind, hier zu wiederholen. Zr sammenfassend ist folgender Bericht darüber, den das deutsä-' Bureau der „Alliance Israelite“ ans Bukarest erhalten: Das Rundschreiben des Ministerpräsidenten Cantacuzene, da die Präfekten zur strengsten Anwendung des Gesetzes über die Lau geineinden ausforderte, verursachte in dem Bezirk Dorohoi eine föri, liche Razzia und Massenvertreibung der jüdischen Bewohner. Dützen - weise wurden jüdische Familien trotz der rauhen Witterung verja und unter Eskorte nach Dorohoi gebracht. wo sie ohne Nahrung ui - Obdach durch die Straßen irrte». In Frumosicä, in Hirlau und-in