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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 sl. mmi diese Enthüllung? Nun, als Birchow sich von Würzburg lN-S um die ihm doch wohl mit Recht zu stehende Berliner Professur l'c varb, da hat er in einem rein privaten Famil ienbries anseinen L hwiegervatev diesen gebeten, Alexander von Humboldt für seine rufung zll interessieren, indem er schreibt: „Was Humboldt anlu rifft, so ließe sich der vielleicht umstimmeir. Ich selbst kenne ihn nicht, doch könnte Onkel Emil auch wohl mit ihm sprechen. Oder ke inst Du vielleicht ein Mitglied der Familie Mendelssohn? Da er n n einmal zn den Inden hält, so müßte man ihm mit den Juden b.ikornmen." Soweit Virchows Familienbrief — ein Stoßseufzer in eräugter Lage, in der U)it Sorgen für seine Zukunft, er war mit tue Tochter des Berliner Sanitätsrats Mayer verlobt, um seine wissenscl östliche Stellung erfüllten. Was aber macht die „unbestechlich vUkische Tageszeitung", wie sich die „Hochwacht" nennt, daraus? .nächst stempelt sie in direkter Fälschung der Tatsachen Humboldt ,! ni Minister. Denn daß der Privatgelehrte Humboldt als weitiv reiftet* Gelehrter sich lieber zu den intelligenten Berliner Juden als ii den reaktionär politischen Kreisen hi§lt, ist ja bekannt. Die Wahrt, it nürd also von dem biederen AntisemitenorHan gefälscht, indem es sc reibt: „Da er (der Minister) nun doch einmal zu den Juden h lt..." Ein Mann wie Birchow wird also zum Streber gestempelt, n dem die „Hochwacht" ihn gegen seine Ueberzeugung, nur dem Miss ster zu Liebe, zu den Juden übergehen läßt; sie beschimpft das Andenken des großen Gelehrten, dessen Denkmal sich demnächst in Berlin erheben wird, mit folgenden Worten: „Birchow hielt gegen i ne Ueberzeugung ebenfalls zu den Juden. Nun, er wird ja gewußt lnben, weshalb; insbesondere in Berlin wird er eingesehen haben, d-ßmanes so bequemer hat, ein berühmter Mann zu werden. Und e ist es denn auch geworden. Sogar eine wissenschaftliche Entdeckung l ck man ihm in dankbarer Treue aufgehalst, obwohl sie gar nicht v >n ihm gemacht ist. Und jetzt setzt man ihm Denksteine. Er ist e en „eppes, berühmter Mann", ein „großer Forscher" . . . Das ist d e Stellung des Blattes mit der „weißen Weste" zu einem der hers nagendsten Deutschen. Daß übrigens alle diejenigen Recht haben, n elche voraussagten, es werde die Gefolgschaft einzelner jetzt für eine ' nfjährige Legislaturperiode des Reichstags gewählter „nationaler" l iänner der Regierung gelegentlich noch sehr unbequem werden, geht a ls einem ferneren, „Lebensbejahung" überschriebenen Artikel der .. wchwacht" hervor. Es wird da außerordentlich empfehlend in j Uvülstiger, „echt völkischer Sprache" auf eine Schrist eines Herrn L imons über die soziale Frage hingewiesen. Die Lösung der > zialen Frage (wörtlich!) sieht dieser Herr erstens in bewußter Bel nung des germanischen Elements im Leben des Volkes, in Religion, d astiz, Verwaltung, Heilkunst (!), zweitens in der Beschränkung des Staates auf die Verwaltung der Monopole, drittens in der Berit andlung aller privaten Besitzrenten in Staatssteuern, v ertens in dem Verzicht aus das Versicherungswesen mit Hilfe gescherter Volkswohlfahrt bei gerechter Güterverteilung. Gegen d ose hier gepredigte soziale Revolution mit Konfiskation „aller prit ten Besitzrenten" ist ja der sozialistische Zukunftsstaat ein Waisent it>. Den Männern am Bundesratstische des Reichstags werden sicher l Id die Augen übergehen über die wahre wirtschaftliche Bedeutung d r antisemitischen Reformpläne. Ob es aber dann nicht zu spät sein > ird? Die „Hochwacht" schreibt zu dieser Lösung der „sozialen? rage": „Wir fühlen, daß wir hier in unserem Elemente sind. Und n er an die Ewigkeit des Germanentums glaubt, der ahnt, daß die stunde der Erlösung nicht mehr allzusern liegt." Das Schönste i , daß dieser Autor, der Herr Simons, der Volksbeglücker der Anti-! niten, ein ehemaliger Fabrikarbeiter (dagegen hat natürlich niemand e -vas) aus — Birmingham ist. Sonst sind die Antisemiten ja durchn rs keine Freunde der Engländer. Hier aber heißt es wörtlich: , tun seht es euch an, das herrliche Old-England, das wir unser Vaterland nennen." Gegen diese neueste kosmopolitische Phase der , cht völkischen" Partei haben wir Juden wirklich nichts einzuwenden, d nn wir können hierzulande noch viel, viel von der britischen Freil) it und Verwaltung lernen. Aber die staatsumwälzenden, das P rivateigentum vernichtenden Pläne der Antisemiten müssen zu rechter;vit in die wahrheitsgemäße politische Beleuchtung gerückt werden, d nn diese antisemitischen „Katilinarier" werden dem Reichstage noch v el zu schaffen machen. Seit den Tagen'Pharaos und Hamans hat das Jiidenümi famn einen solchen Feind gehabt, mit* den am 23. b, M. in hohem Alter verstorbenen Oberprokurator des heiligen Synod in Petersburg, Konstantin Pobjedonoszew. Auch er war bemüht, ein ganzes Volk zu unterdrücken, und seine Bemühungen waren leider nur zu erfolgreich. Als Lehrer- Alexanders Jll. und als Ratgeber Nikolaus ll. war er iu der Lage, seine Anschauungen zur Geltung zil bringen; die Geschichte der Juden iu Rußland feit 1880 weiß davon zu erzählen. Er stellte sich rückhaltslos in den Dienst der Idee, daß Absolutismus und griechisch-orthodoxe Rechtgläubigkeit die einzig zllverläsfigen, weil von Gott gewollten und geschichtlich begründeten Grundlagen des russisch-slavischen Reiches seien. So entschloß er sich zu Gewaltmaßregeln gegen die Katholiken und Lutheraner. Vor allem aber gegen die Juden. Er sagte in dürren Worten: Ein Teil von ihnen müsse zur Auswanderung, ein anderer zur Taufe und der Rest zum Verhungern getrieben werden! Dabei erklärte er aber ausdrücklich, besonders in einer berühmt gewordenen Unterredung mit dem seligen Baron Hirsch, daß er die Juden nicht etwa hasse, sondern daß er nur das „arme russische Volk vor ihrer größerer Intelligenz und Zähigkeit schützen müsse". Und aus dieser Ueberzeugung stammten die Vorschläge zu all' den Gewaltmaßregeln, die seit einem Vierteljahrhundert als russische Judengesetzgebung eine traurige Berühmtheit erlangt haben. Nun ist auch dieser moderne Pharao tot — wer denkt nicht bei dieser Nachricht an das Schriftwort des Festes, das uns verheißt, Israel werde seines Gleichen in Ewigkeit nicht Wiedersehen! Möchte es sich erfüllen! * Die russischen Juden wissen nun, was sie zu erwarten haben. Herr Stolypin hat es ihnen in seiner Botschaft an die Duma am 13. d. M. deutlich gesagt. Der Ministerpräsident erklärte, daß es nicht erforderlich sei, aus die Dringlichkeit der Gesetze zu bestehen, die die bürgerliche Stellung aller Bevölkerungsklassen festsetzen sollen. Nun, was das heißen soll, weiß jeder, der den russischen Beamten-Jargon kennt. Und es ist wahrlich kein Pflaster auf die Wunde, daß unmittelbar an diese Erklärung der folgende Satz sich reihte: „Um die religiöse Toleranz zu sichern, hat die Regierung eine Revision der Gesetzgebung für notwendig gehalten, damit festgestellt wird, welchen Abänderungen diese Gesetzgebung im Hinblick auf das Manifest vom 30. Oktober 1905 zu unterziehen ist. Vorher aber mutzte die Regierung mit Festigkeit als Grundsatz aufstetten, daß das Prinzip des christlichen Staates, in welchem die orthodoxe Religion die privilegierte ist, die Grundlage aller legislativen Aenderungen sein muß. Die Regierung hält es für ihre Pflicht, die Freiheit der orthodoxen Kirche in besonderem zu schützen, denn die russische Nation ist stets von der orthodoxen Religion durchdrungen, die den Ruhm und die Macht Rußlands bildet. Die Rechte der orthodoxen Religion sollen aber die Rechte der übrigen Religionen nicht beeinträchtigen. Die Regierung wird eine Reihe von Gesetzen einbringen über den Uebertritt zu einer anderen Religion, über die Abhaltung von Gottesdiensten usw." Man sieht, Rußland hat von seinen Nachbarstaaten fleißig gelernt. * Man hatte vor dem Sieg der Liberalen in England gehofft, daß die Beschränkungen der Fremdeneinwanderung nunmehr ganz verschwinden würden. Wir sind aber in unserer Hoffnung enttäuscht worden. Obgleich die Liberalen eine Majorität von fast 800 Stimmen im englischen Parlament I haben und es ihnen ein leichtes wäre, die Jmmigrationsbill

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