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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 Aber das scheint nur so. Da ist der Winter, der scheinbar alles Leben in der Natur zum Stillstand gebracht. Unter der Schneedecke lebt und wirkt aber die Natur ihr warmes und keimendes Leben fort. Der Frühling kommt bald und das sprossende Leben gelangt in seiner vollen Blüte und mit seiner ganzen Kraft zum Borschein. Auch im jüdischen Volke tritt zuweilen ein geistiger Stillstand ein. Das bedeutet aber nicht die Todesstarre, sondern den ruhigen Schlaf, während dessen der Müde neue Kräfte sammelt. Im Leben des jüdischen Volkes und in seiner Geschichte bieten sich uns so viele merkwürdige Erscheinungen dar, daß man das Staunen darüber beinahe verlernt. Seit Jahrtausenden ist dieses Volk durch eine Reihe von Ereignissen gewaltsam vom Leben in der Natur weggerissen. Es konnte mit diesem Leben nicht mehr vertraut werden, weil ihm die Stetigkeit im Wohnsitz fehlte. Wie ein Spielball wurde es hin und her geschleudert. Und doch zeigten die Juden zu allen Zeiten innige Liebe zum Leben in der freien Natur, tiefe Sehnsucht nach ihr. Ein glücklicher Zufall war es, daß in das biblische Schrifttum auch ein Büchlein ausgenommen wurde, das Hohelied, das nicht nur die Liebe besang, das Frühlingsleben des Menschen, sondern auch die Natur in ihrer Herrlichkeit, während alles aufblüht und unsägliche Pracht verbreitet. Dieses Hohelied der Liebe und des Frühlings lasen die Juden nach einem alten Brauch in den Tagen des Passahfestes. Sie deuteten die innigen Gesänge, das Jauchzen des neuerwachten Lebens auf den ewig wiederkehrenden Frühling des jüdischen Volkes. Die Dichtung vertiefte sich in diesen Gedanken; die palästinensische Agadah zuerst, und später die synagogale Poesie des Mittelalters, zeigten sich unerschöpflich in der Variation dieser Hoffnungen. Sie wurden zur festen Ueberzeugung, zlnn unveräußerlichen Gut des jüdischen Volkes. Unter den härtesten Unterdrückungen, unter den schlimmsten Verfolgungen, unter den unerträglichsten Drangsalen läßt es nicht von seiner Hoffnung auf einebessere Zukunft, auf den kommenden Frühling, der den harten Winter ablösen wird. Welch bewunderungswürdige Kraft liegt in diesem unerschütterlichen Glauben! Mag kommen was da wolle; die Widerstandskraft des Volkes bleibt ungebrochen. Alljährlich feiert Israel sein Frühlingsfest, gedenkt alles Schlimmen der Vergangenheit und der Gegenwart, bleibt aber bei seiner Ueberzeugung, daß es nicht untergehen wird. Es wird seinen Frühling wieder erleben. Wir können uns die Verjüngung Israels nur denken in der Macht der Idee. Das Judentum ist in der Tat in seinergeschichtlichen Entwicklung unerschöpflich, solange es sich selbst nicht als eine abgeschlossene und fertig gewordene Erscheinung auffaßt. Das Gewordene gehört der Vergangenheit an; bei aller Pietät dafür muß es doch hinweggeräumt werden, damit dem Werdenden, dem neu Aufkeimendcn Raum zur freien Entwicklung geschaffen wird. Die Kraft des Judentums bestand immer darin, daß es von Epoche zu Epoche die neu auftanchenden Ideen in sich aufnahm und mit seinem Wesen verwebte. Dadurch ist auch das Fremde, sofern es gut und ersprießlich war, sein eigen geworden. Und wenn es sich nicht in sich abschloß, sondern mit der Außenwelt in inniger Verbindung blieb, stand es auf festem, fruchtbaren Boden und trieb herrliche Blüten nnd reifte herrliche Früchte. Es kann dem Judentum nichts Schädlicheres zugefügt werden, als daß malr es aus der freien Natur herausreißt und in einen engen Raum schließt, ohne Licht und Luft. Dann verkümmert es, dann wird es zu einer Fossilie. Im Judentum liegt die Kraft der ewigen Verjüngung. Das hat seine bisherige Geschichte zur Genüge bewiesen. Aber täuschen wir uns nicht über die unzulängliche Gegenwart w,{ einer schönen Redensart hinweg. Das Judentum ist die Betätigung des jüdischen Lebens, die geistige Arbeit seiner B - kenner und Anhänger. Es muß erforscht, gelehrt, gelernt urd eifrig betrieben werden. Dann gewinnt es immer neue Kräs.e nnd schafft immer neue Kulturwerte. Können wir uns der;, einbilden, daß wir untätig bleiben dürfen, das Judentum ve - nachlässigen, auf dessen Fortbildung verzichten, dessen Eforschung unterlassen, und dabei soll es trotzdem Bestand habe, .? Vor allem ist es gefährdet, wenn unsere geistigen Kräfte feiern infolge der Gleichgültigkeit der Masse, infolge der Nichtachtung, die wir den Trägern und Pflegern des Judentums entgegenbringen. Ob man dabei religiös-indifferent oder pietistiß>- vrthodox ist, kommt gar nicht in Betracht. In Palast» a sagte man einst vor mehr als anderthalb Jahrtausenden vo - wurfsvoll von den reichen babylonischen Glaubensgenosse! : „Diese dummen Babylonier, sie erheben sich ehrfurchtsvoll tu r der Thora, aber nicht vor den Gelehrten, welche die Tho>n erhalten." Möge doch insbesondere die deutsche Judenheit, d e hochherzig und opferwillig große Summen für die Werke d-r Menschenliebe und oft auch für Zwecke, die uns nichts angehe-!, aufbringt, möge sic doch zusammenrechnen, was sie das Jalr hindurch für die Wissenschaft des Judentums tut, für die Ve - breitung jüdischen Wissens in allen Volksschichten, für d e Fortbildung der Idee des Judentums, für die Verteidigung unserer Lehre und unserer Geschichte. Und wenn wir ehrli h und aufrichtig diese Abrechnung vornehmen werden, dann müssen wir mit den Worten der Sulamit im Hohenliede an - rufen: „Man hat mich zur Hüterin vieler Weinberge gemacht, aber meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet." Ein Frühling in diesem Sinne, daß in uns die Lien zum Judentum erwache, zu dem, was unser Volk in geistig v Arbeit durch drei Jahrtausende geschaffen hat, wäre uns dure-- aus zu wünschen. Dann hätte das Paffah eine große i' - deutung für uns. Es würde an die Hoffnungen anknüpfe , die unser Volk in allen Phasen seiner Geschichte im Herzui gehegt hat. Das Passahfest war für uns immer ein Fest d r Vergangenheit und der Zukunft. So muß es uns bleiben. Sit Mache. Berlin, 26. Mär enn inan die einzelnen antisemitischen Redner in de i Parlamenten sprechen hörte, so mußte ma > glauben, daß sie im Namen einer großen Partei reden, d ihnen das Mandat dazu gegeben. Und doch ist die Uneinigket, nicht nur über die Grundidee, sondern über jede einzeb o Frage, nirgends größer als in den verschiedenen Fraktiönche , ans denen sich die antiseinitische Richtung zusammensetzt. Eine Blütenlese ans der antisemitischen Zeit!» l „Deutsche Hochwacht" die dies beweist, wird uns von eine» Leser übersandt. Herr Professor Paul Förster, der bekanntlich von der „Deutsch u Resormvartei" ausgeschlossen worden ist. erläßt hier eine Erklärni!: die in der Tat manches Interessante zur Psychologie des An isemitismus enthält. So heißt es da wörtlich: „Die besseren Krc - der Berliner Bewegung — das Wort „A»tiseinit" ist gar » sehr in verdienten Verruf gekommen — mögen darauf acht- » daß diese nicht iveiter und weiter hinabgleite, daß die „weiße Wender Antisemiten nicht immer fleckiger und schmutziger werde". Es » nachgerade genug gesündigt worden." Gleich darauf bringt '»>' Rubrik „Bon Nah und Fern" folgende Enthüllung: „Bircho»' nunein Antisemit, das ist das Neueste der Saison." Und wob r

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