Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgans:. Nr. 13. Berlin, 20. März 1907. eilung desAudenlums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen viertelzährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Sss ffrühüngskelt. Berlin, 28. März, ie alten Völker, welche der Statur viel näher standen als das heutige Geschlecht, lebten noch ihr Kulturleben i it und in der Natur. Ihre Feste hatten eine religiöse rundlage, aber ihre religiöse Vorstellung war selten mit i nem ethischen Prinzip verknüpft, und noch weniger hatten He Feste der alten Völker irgend ein geschichtliches Ereignis un Ausgangspunkt. Ueberhaupt beschäftigten sich die tenschen im grauen Altertum wenig mit der Pflege geschichtlicher Erinnerungen. Ihr Augenmerk war auf den Genuß 'richtet, den der Augenblick ihnen bot. Und wenn die Natur lljährlich im Frühling zu neuem Leben erwachte, freute sich i ie Menschheit dieses neuen Lebens und feierte den Früh-! ngstag in religiöser Weihe und in der Art, wie damals die ligiösen Vorstellungen im Lebensgenuß und in der Lebensende wurzelten. Auch das israelitische Volk hat in der vorgeschichtlichen eit wie alle anderen Völker sein Frühlingsfest gehabt, im ionat der Aehrenreise. Das war nicht das einzige altraelitische Fest. Denn fünfzig Tage später feierte das Volk, rs seinen Boden liebte und ihn mit großem Fleiß bearbeitete, rs Fest des Ernteanfangs. Und gegen Ende des Sommers eging es das Fest des Einsammelns, des Einbringens der eld- und Gartenfrüchte. Wenn auch diese Feiertage zu keiner eit des religiösen Charakters entbehrten, da der fromme Landarm Gott als Spender aller Gaben anerkannte und ihm rnkbar für den Segen der Natur Lob und Preis widete, so erhob sich doch die Feier der altisraelitischen Feste > cht über das Niveau der aller anderen westasiatischen Reliouen. Erst mit der Zeit, wo das israelitische Volk eine schichtliche Aufgabe übernahm und sich dessen mit vollen: erständnis bewußt wurde, erhielten seine Feiertage eine ganz adere Bedeutung^ wenn auch ihr ursprünglicher Charakter s in die spätere Zeit hinein nicht ganz verwischt werden mnte. Am gründlichsten vollzog sich allerdings die Wandmg des Frühlingsfestes. Es hörte auf, ein Fest der Natur i sein; es wurde das Fest des Volksfrühlings, der Geburts- ' g Israels, der Tag feiner Befreiung und seines Eintritts in > e Geschichte. Das israelitische Frühlingsfest erhielt zuerst l ne nationale Bedeutung, um in der Folge ein Fest der anzen Kulturmenschheit zu werden. Es war dies eine Umwandlung, wie sie in der Religionseschichte, nicht nur des Judentums, oft genug zu verzeichnen '• t Aber eine interessante Erscheinung ist dabei zu beobachten, as israelitische Volk feierte Jahrhunderte hindurch den Frühlingsanfang als Erinnerung an die einstige wunderbare Erlösung aus ägyptischer Knechtschaft. Daß der Auszug Israels aus dem Lande der Pharaonen nach der biblischen Erzählung in einer Frühlingsnacht stattfand, konnte ja als eine Sache des Zufalls betrachtet werden. Das geschichtliche Ereignis selbst mußte ja nicht gerade an diese Jahreszeit gebunden sein. Aber in der Vorstellung des Volkes vereinigte sich doch die ursprüngliche Bedeutung des Frühlingsfestes mit der geschichtlichen, die ihm später beigelegt wurde. Die Befreiung Israels aus der harten Fron, sein Eintritt in die Geschichte, sein Werden in der Kulturwelt, verstand man später wie das Erwachen der Natur im Frühling. Und nicht nur das: nur in dieser Jahreszeit, wo alles in der Natur neue Kräfte gewinnt, erwacht im israelitischen Volk der Glaube an sich und an seine Zukunft. Mutig warf es von sich die schwere Sklavenfessel und zog hocherhobenen Hauptes in die Wüste, dort ein neues Leben zu beginnen und sich für seine geschichtliche Mission vorzubereiten. Die israelitische Dichtung nahm in der Folge diesen Gedanken auf und spann ihn weiter. In der Natur kehrt alljährlich der Frühling wieder, ihre Verjüngung ist ewig. Jin Leben des Menschen erblüht nur einmal der Frühling, lind auch im Leben der Völker konnte man bisher dasselbe Naturgesetz beobachten. Alternde Völker verjüngen sich nicht mehr, sie müssen sich auflösen, vom Schauplatz der Geschichte abtreten und andern Platz machen. Diese Erscheinung, der einst Hegel seine Aufmerksamkeit zugewandt hat, ist geeignet, den Beobachter pessimistisch zu stimmen. Eine tröstliche Milderung des Pessimismus liegt nur in der Ueberzeugung, daß kein Volk, das an der Kulturarbeit der Menschheit nach irgend einer Richtung beteiligt war, vergebens gelebt hat. Es ist dies der Gedanke der Unsterblichkeit in der Geschichte. Allein das jüdische Volk wollte sein individuelles Leben ewig fortleben. Es wollte niemals altern, und wenn doch, sich wiederum wie die Natur verjüngen. An die Erinnerung seines Frühlings in der Geschichte anknüpfend, setzt sich in dem Volksbewußtsein der Gedanke fest, daß alle Erscheinungen in der Geschichte des jüdischen Volkes nur einzelne Episoden einer ewigen unaufhörlichen Entwicklung seien. Man kann davon sprechen, diese oder jene Epoche in der Geschichte des jüdischen Volkes habe ihr Ende erreicht oder gehe ihrem Ende entgegen. Dann aber inuß und wird eine neue Epoche beginnen. Vom Schauplatz der Geschichte wird dieses Volk niemals abtreten; es wird nie aufhören, eine Zukunft zu haben und auf eine solche mit voller Ueberzeugung zu rechnen. Es gibt Episoden, in denen man glaubt, das Judentum habe sich erschöpft, seine Kraft sei erlahmt, gebrochen, für immer vernichtet.